DINGE DES LEBENS

Alt = Neu


Wiederverwerten, reparieren, recyceln – alles schön und gut. Aber wie und wo kommt man an die Dinge, die ein neues Leben erhalten haben?
Von Babette Karner

Die überwältigende Mehrheit unserer Konsumgüter wird nach dem Prinzip „Von der Wiege zur Bahre“ gefertigt: Sie werden produziert, genutzt und schließlich einfach weggeworfen; die Rohstoffe sind verloren, dafür wachsen die Müllberge. Die Kreislaufwirtschaft hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass Rohstoffe effizient und so lange wie möglich genutzt werden: Indem es gelingt, Material- und Produktkreisläufe zu schließen, können Rohstoffe immer wieder von neuem verwendet werden. Der radikale Gegenentwurf zu unserer Wegwerfgesellschaft ist das „Cradle to Cradle“-Prinzip, ein Wirtschaftssystem ganz und gar ohne Abfall: „von der Wiege zur Wiege“ – die „perfekte Kreislaufwirtschaft“ also.

So weit ist die Welt allerdings noch lange nicht: Laut einer Studie zur „Circle Economy“ im Auftrag der Altstoff Recycling Austria (ARA) war Österreichs Wirtschaft im Jahr 2019 gerade einmal zu 9,7% zirkular. Um diese „Lücke“ in der Kreislaufwirtschaft sukzessive zu schließen, sind Abfallvermeidung und -verwertung, der Ausstieg aus fossilen Energieträgern, langlebige Produkte, ein „Design for Recycling“ auch für Gebäude und der Ausbau von Forschung und internationale Technologiepartnerschaften notwendig.

Zahlreiche Initiativen und Unternehmen versuchen heute, Formen der Kreislaufwirtschaft fürs „reale Leben“ umzusetzen und sie für Konsumentinnen und Konsumenten zugänglich machen: etwa mit erneuerten Elektro- und Elektronikprodukten, genießbaren Lebensmitteln, die vor dem Müll gerettet und günstig zum Kauf angeboten werden, und von der Industrie gespendeten Produkten, die an NGOs vermittelt werden.

Fast wie neu


Auf refurbed.at surft es sich fast wie auf einer ganz normalen Elektronik-Website: Die Auswahl an Geräten – relative alte, aber auch ganz neue – ist

groß. Handys und Tablets, Laptops und Desktop-Computer aller gängigen Marken gibt es, und alle stammen von ausgewählten, professionellen Händlern. Ein wenig suchen muss man natürlich schon, und nicht jedes Modell oder jede Konfiguration ist zu jedem Zeitpunkt verfügbar. Doch hat man sein Wunschprodukt gefunden, gibt es zahlreiche Wahlmöglichkeiten: von der Farbe über Bildschirmgröße und Arbeitsspeicher bis hin zum allgemeinen Zustand des Produkts. Je neuer und besser das Gerät, umso höher ist selbstverständlich der Preis.
refurbed.at

Zu schade für den Müll

577.000 Tonnen genießbare Lebensmittel werden pro Jahr allein in Österreich weggeworfen. „Too Good To Go“, 2015 in Dänemark gegründet, in 12 Ländern aktiv und seit Sommer 2019 auch in Wien verfügbar, rettet Essen vor dem Müll: Mittels der „Too Good To Go“-App können heute mehr als 28.000 gastronomische Betriebe wie Restaurants, Cafés, Hotels, Bäckereien und Supermärkte ihr überschüssiges Essen zu einem vergünstigten Preis an Selbstabholer zu verkaufen: Übrige, aber ganz und gar genießbare Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Brot, Snacks, Milchprodukte oder Feinkostartikel kommen in ein „Überraschungssackerl“: Nutzer können per App ihren Wunsch-Betrieb auswählen und dort dieses Sackerl zu einem Drittel des ursprünglichen Preises abholen.
toogoodtogo.at

Werbung

Ein ganz neues Leben haucht das Unternehmen unverschwendet.at abgelaufenen Nahrungsmitteln ein: Die Geschwister Cornelia und Andreas Diesenreiter vom Schwendermarkt in Wien verwandeln seit April 2015 überschüssiges Obst und Gemüse (das sie als Spende erhalten, weil es zu groß, zu klein, zu rot, zu grün oder einfach zum falschen Zeitpunkt reif war) in Marmelade, Sirup, Chutneys, Eingelegtes, Süß-Saures, Ketchup oder Saucen. Mehr als 100.000 solcher Gläschen hat das Team 2018 produziert, Tendenz steigend.
unverschwendet.at

Industrie-Produktspenden, professionell organisiert

Kreislauf im großen Stil betreibt die „Fairmittlerei“: Sie vermittelt gebrauchsfähige Non-Food-Produkte, die von Industrie und Handel gespendet werden, an gemeinnützige Organisationen (NGOs) in ganz Österreich. Mit einem Netzwerk an Spenderunternehmen übernimmt, lagert und verwaltet die Fairmittlerei die gespendeten Produkte und vermittelt und liefert diese an NGOs in ganz Österreich. Wie das genau funktioniert, erklärt Gründer Michael K. Reiter in einem Interview in November 2019: „Wir vermitteln Produkte von Industrie und Handel, die nicht mehr verkauft werden können und die wir gut zwischenlagern können, wie etwa Waschmittel oder Geschirr, an NGOs, zu einem sehr günstigen Preis. Die NGOs können sich bei uns anmelden und erhalten von uns das, was sie benötigen.“ Falsche Etiketten oder ein altes Logo genügen oft, um ein Produkt für das Unternehmen wertlos zu machen: Reiter war selbst bei Henkel tätig (das erste Unternehmen, das die Zusammenarbeit mit der Fairmittlerei begonnen hat) und erlebte oft mit, dass es zumeist günstiger war, solche Produkte zu entsorgen, als sie etwa neu zu etikettieren. Aus seinen Überlegungen, wie man so etwas verhindern könnte, entstand die Idee zur Fairmittlerei.
fairmittlerei.at

Teilen auf:
Facebook Twitter