Angst!

Foto Regine Schöttl

Von Sitzhosen, Harnkathetern und Pflegerinnen, die sich nie hinsetzen können: Warum wir in der Pflege einen Kraftakt brauchen.

Kolumne von Gerlinde Pölsler

Eine Krankenpflegerin erzählte mir kürzlich, wie sie mit dem Sterben im Heim umgeht: Wenn sie nach einem Todesfall zur nächsten Bewohnerin geht, dann lasse sie sich nichts anmerken. Viele alte und demente Menschen würden die Todesnachricht missverstehen – sie glaubten dann, jemand ihnen Nahestehender sei gestorben, und wären untröstlich. Also verhalte sie sich, als sei nichts gewesen.

Respekt. Ich selbst schiebe das Pflegethema ja gerne weg. Im näheren Umfeld sehe ich aber, wie verdammt schnell es gehen kann: Ein Angehöriger hat einen Schlaganfall oder einen Oberschenkelhalsbruch. Dann auf die Schnelle Hauskrankenpflege, Heimhilfe, Essen auf Rädern zu organisieren, kann zum Horror ausarten: Was tun, wenn es heißt: „Wir setzen Sie auf die Warteliste”?
Ich habe auch Angst davor, einmal selbst ins Heim zu müssen. Es ist, als lauerte am Ende des Lebens ein Ungeheuer, die Schattenseite der längeren Lebenserwartung: Monate oder gar Jahre in weitgehender Abhängigkeit.

Die Angst hat auch damit zu tun, was Pflegekräfte, Angehörige und die Kontrolleinrichtungen erzählen. „Körperpflege unter Zwang, keine Mobilisierung ins Freie, massive sedierende Medikation und bereits um 17 Uhr Bettruhe – das ist leider Alltag für immer mehr Menschen im Pflegeheim”, so die Bewohnervertretung vom Vertretungsnetz.

Viele Bewohner bekommen eine sogenannte Sitzhose angezogen: eine Art Gurt, die am Rollstuhl befestigt wird, sodass der Träger nicht mehr aufstehen kann. Heimbetreiber argumentieren, dies komme nur wenn unbedingt notwendig bei sturzgefährdeten Personen zum Einsatz, und jeder Einzelfall müsse genehmigt werden. Eh. Aber trotzdem: Wer will seinen Lebensabend in so einem Ding verbringen?
Die Volksanwaltschaft wiederum berichtet, in manchen Heimen hätten sehr viele Bewohner einen Harnkatheter verpasst bekommen: Das spart die Zeit, um mehrmals täglich mit jedem einzeln aufs Klo zu trippeln.

Und je knapper die Pflegekräfte, desto eher müssen sie solche Maßnahmen setzen, weil zum Beispiel ein Nachtdienst mit 40 Personen allein sonst gar nicht zu schaffen wäre. Was die Pflegerinnen und Pfleger am meisten fertig macht: Dass sie ihre Arbeit zu oft nicht so machen können, wie sie ihrer Meinung nach gemacht gehört. Dass eine Frau sie bittet: „Geh, setz dich doch ein bisserl her zu mir” und sie sagen müssen: „Es tut mir leid, aber ich wüsste nicht wann.” Dass mitunter alte Leute, die nicht mehr allein essen können, hilflos vor dem vollen Teller sitzen. Oft haben die Angestellten nicht einmal für Sterbende Zeit: Im Nachtdienst, bei knapper Besetzung, „musst du dich entscheiden”, sagte mir eine Pflegerin einmal: „Läufst du dem Dementen hinterher oder hältst du dem Sterbenden die Hand?“

All das geschieht nicht, weil die Mitarbeiter böswillig wären, sondern weil sie viel zu wenige und heillos überlastet sind. Und der Bedarf steigt rasant. Laut „Gesundheit Österreich“ braucht es bis 2030 jährlich mindestens 5.000 zusätzliche Arbeitskräfte in der Pflege, später sogar 6.200 zusätzliche pro Jahr. In Summe ist von 200.000 Beschäftigten bis 2050 die Rede. Und da haben sie die (hohe) Fluktuation noch gar nicht mitkalkuliert. Die Zahlen seien also „eine absolute Untergrenze”.

Bund und Länder bemühen sich zwar seit Covid-19 um mehr Personal, und durchaus mit Erfolg. Nur: Es ist immer noch viel zu wenig. Wir brauchen einen Kraftakt. Da geht es einerseits um höhere Bezahlung, vor allem auch bereits während der Ausbildung. Vor allem aber müssen die Arbeitsbedingungen besser werden und das ständige erzwungene Einspringen muss ein Ende haben. Auch die immer noch viel zu wenig ausgebaute mobile Pflege braucht einen Schub, weil die meisten Menschen so lang wie möglich daheim bleiben wollen und das sogar billiger kommt. Ja, bei alledem werden wir auch über neue Finanzierungsquellen reden müssen, und das täte am besten eine eigene Staatssekretärin oder ein -sekretär.

„Und trotzdem” – unter diesem Titel ist kürzlich im Wiener Ampuls Verlag ein neues Buch erschienen, in dem Pflegekräfte erzählen, warum sie in ihrem Beruf bleiben. Da ist viel vom sozialen Austausch die Rede, von den Geschichten, die die alten Leute zu erzählen haben, von gemeinsamem Lachen. Von den vielen Berufswegen, die Pflegekräfte einschlagen können und dass sie wegen der großen Nachfrage schnell immer wieder Arbeit finden. (Siehe Beitrag > )
Das ist gut! Aber wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass das reichen wird.


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