Baum um Baum

Die alten Obstbäume werden gefällt, denn die Ernte ist zu mühsam. Mit der Obstraupe ist ein Start-up angetreten, die ökologische Vielfalt der Streuobstwiesen zu erhalten.

Von Michaela Ortis

Heiß brennt die Sonne in die dicht verbauten Gassen des 16. Bezirks in Wien, doch hinter dem Tor des Hauses Arnethgasse 42 eröffnet sich eine unerwartete Oase: Im Hof wachsen bunte Blumen, Bienen summen um ihren Stock und mittendrin steht die Obstraupe. Dieser Hof bietet nicht nur willkommene Abkühlung, hier ist auch das Start-up Organic Tools zu Hause. Die beiden Gründer David Brunmayr und Lukas Griesbacher treibt die Vision, wieder mehr Bäume in die Landwirtschaft zu bringen.

Obst klauben ohne Kreuzweh

Die Obstraupe hat dabei die Hauptrolle. Das silberglänzende Gerät aus Edelstahl hat zwei große Räder, um es einfach über Wiesen und Hänge zu schieben. Die akkubetriebene Walze sammelt mit lamellenartigen Schaufeln Äpfel, Birnen, Marillen, Zwetschken oder Nüsse auf. Ohne sich jedes Mal bücken zu müssen, landet das Obst in der gelben Kiste, die hinten montiert ist. Die Idee dafür entstand, als David Brunmayr im Verein Arche Noah arbeitete: „Wir haben oft über die Obsternte mit den Landwirten gesprochen und uns gefragt, warum niemand ein Gerät nützt, obwohl Handklauben mühsam ist und zu Rückenschmerzen führt. Da haben wir erkannt, dass es hier eine Lücke gibt.“ Denn technische Hilfe beim Klauben boten damals nur zwei Gerätetypen: Der Obst-Igel spießt mit einer Walze die Früchte auf, die aber rasch verarbeitet werden müssen, weil sie beschädigt werden. Motorisierte Maschinen sammeln schonender auf, doch sie sind teuer und rentieren sich nur für die Produktion ab 10 Tonnen Most.

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Dazwischen fehlte ein geeignetes, leistbares Gerät für Landwirte mit Streuobstwiesen, das ist die Zielgruppe von Organic Tools, erklärt Lukas Griesbacher: „Die haben 20 bis 200 Bäume rund um ihre Bauernhöfe. Auf einer Wiese stehen viele Sorten, die unterschiedlich reifen. Da fahre ich nicht einmal mit dem Traktor durch, sondern zu jedem Baum einzeln, zuerst die Marillen, dann die Sommerbirnen.“

Die beiden Absolventen der BOKU, Universität für Bodenkultur, nahmen mit einer ersten Skizze beim Start-up-Bewerb „innovate4nature“ von WWF und Lebensministerium teil, so Griesbacher weiter: „David und ich sind von der Ausbildung keine Techniker. Wir haben mit dem Gedanken gestartet, wie man die ökologisch so wertvollen Streuobstwiesen fördern kann, damit die Leute wieder Bäume pflanzen und das Obst nutzen. Aber bücken und aufheben ist mühsam – das war daher unser Hebel, wo wir ansetzen wollten.“

Tüfteln im Auftrag der Natur

Mit dem 1. Platz und 15.000 Euro Fördergeld ging es an die Umsetzung, unterstützt durch einen weiteren Gewinn beim Start-up-Wettbewerb „Vielfalter“ und eine Förderung der Wirtschaftsagentur Wien. Klassisch für Start-ups entstand der erste Prototyp in einer Garage in Oberösterreich, wo die Unternehmensgründer herkommen. Gemeinsam mit einem Schlosser und begeisterten Tüftler wurde ein Jahr lang gebaut, geschweißt und unzählige Abstimmungsgespräche mit den Landwirten geführt, denn die sind die Praktiker. Aber auch Skeptiker, erzählt Brunmayer: „Ich kann mich gut erinnern, wie wir mit dem ersten Prototyp raus sind, da haben wir Bauchweh gehabt. Die Bauern haben damals gesagt: Schon eine gute Idee, aber viel passt noch nicht.“

Die erste Serie war 2018 fertig und zu Jahresende ausverkauft. Der Eintritt des Maschinenbauers Stefan Bermadinger ins Team machte die Obstraupe reif für die Serienfertigung. Heute wird in einem kleinen Unternehmen in Schwanenstadt produziert, alles Made in Austria. Zum Walzenantrieb dienen Akkus vom E-Bike, bzw. von Makita oder Einhell, die Landwirte oft schon für Geräte wie Akkuschrauber besitzen – so kann man die Stromspeicher mehrfach nutzen. Nach zwei Jahren gibt es bereits die dritte Serie, die Silver Fox 02. „Wir können keine Ruhe beim Entwickeln geben, das zeichnet uns aus. Wobei als Start-up ist es etwas exotisch, dass wir keine App haben“, lacht Brunmayr. Dafür wurde der Tisch Sortier! konstruiert, damit können die Landwirte auf der Wiese im Stehen rückenschonend
nachsortieren.

Bis zu einer Tonne kann pro Stunde geerntet werden, ohne die Früchte zu verletzen. „Seit wir die Obstraupe haben, klauben auch die Kinder wieder Äpfel auf“, freut sich ein Kunde. Rund 400 Obstraupen wurden bereits in Österreich, Zentral- und Nordeuropa verkauft. Der Vertrieb erfolgt über die Webseite oder über Botschafter, das sind Kunden, die in landwirtschaftlichen Organisationen vernetzt sind.

Rettet die Streuobstwiesen

In der EU sind mehr als 90% der Streuobstwiesen verschwunden, in Österreich ca. 80% – warum das so ist, rechnet Griesbacher vor: „Bauern haben uns erzählt, dass die Landwirtschaftskammer 90.000 Schilling pro Hektar für das Wegschneiden der alten Bäume gezahlt hat. Während die Kaiserin Maria Theresia das Pflanzen von Obstbäumen gefördert hat, damit die Bevölkerung ernährt wird.“ Streuobstwiesen sind die traditionelle Form eine Agroforstsystems, wo Flächen mit Wiese, Acker und Bäumen mehrfach genutzt werden. In Oberösterreich werden sie auch Baumgärten genannt, erklärt Brunmayr: „Dort, wo Wald und Wiese zusammentreffen, entsteht ein Ökosystem für Vögel und Insekten. Streuobstwiesen sind zur Erhaltung alter regionaler Obstsorten wichtig; heute kennt man nur mehr fünf Einheitsäpfel, da entsteht ein genetischer Flaschenhals.“

Mit einer aktiven Förderpolitik hat einzig die Schweiz eine Trendumkehr bei Streuobstwiesen geschafft. Hierzulande bekommen die Landwirte mit den größten Flächen die meisten Förderungen, für David Brunmayr läuft das in die falsche Richtung: „Wir haben multiple Krisen, wie die Biodiversität oder das Klima. Der Hebel gegen die Klimakrise sind Bäume, Bäume, Bäume. Das ist die beste Erfindung die es gibt: Bäume ziehen Kohlendioxid aus der Luft und geben Sauerstoff wieder ab. Egal ob Obst oder Wertholz, Bäume müssen in die Landwirtschaft zurück, sie waren immer ein Teil davon.“ Mit Krisenthemen hat sich Lukas Griesbacher in seinem Masterstudium der sozialen Ökologie auf Makroebene beschäftigt: „Es war frustrierend, immer wieder zu sehen, wo man gegen die Wand fährt und wie sich alles beschleunigt und komplexer wird. Die Obstraupe ist zwar ein kleiner Puzzlestein, aber ich sehe, dass sie den Leuten konkret hilft, das freut mich. Mit Streuobstwiesen unterstützen wir ein System, das wir schon haben –
in der Vergangenheit liegt also unsere Zukunft.“      

Die Obstraupe ermöglicht eine effiziente Ernte ohne Rückenschmerzen. Ohne Umrüsten werden Nüsse, Marillen oder Mostbirnen aufgeklaubt. Organic Tools möchte die Wertschöpfung von Streuobstwiesen erhöhen, denn nur was genutzt wird, bleibt erhalten. Infos und Online-Shop:
organic-tools.com

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Highlight. Tipp der Redaktion

Die Präsentation der Obstraupe findet im Rahmen von „Gärtnern für das Klima“ – die Ö1 Gartentage  statt:
Sonntag 27. September 2020
10.00 – 18.00 Uhr
Botanischer Garten der Universität Wien
Haupteingang: Mechelgasse 2/Praetoriusgasse, 1030 Wien
Eintritt frei
oe1.orf.at/gartentag

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