Bling-Bling. Shine On You Crazy Diamond

Diamanten bis in alle Ewigkeit? – Laut Prognosen soll ihr natürliches Vorkommen in der Erde 2040 nahezu erschöpft sein. Die rosige Aussicht: Dann machen wir sie eben aus Luft! Ein Statussymbol im Wandel, abgehandelt an den populärsten Zeilen, die einem in den Sinn kommen, wenn man an Diamanten denkt. Von Nina Kaltenbrunner

Diamonds Are a Girl’s Best Friend
Hollywoods Kronjuwelen: Liebesbeweise und Marketingwunder.
„…but I prefer a man who lives, and gives expensive jewels”, zwitscherte Marilyn Monroe 1949 in „Blondinen bevorzugt”. Auch Liz Taylor wusste genau, was große Mädchen brauchen – große Diamanten. Wenn Richard Burton also, Taylors Partner für die exzessivste Liebesgeschichte jenseits der Leinwand, seiner „Königin” Diamanten schenkte, spielte Größe definitiv eine Rolle. Mit dem Krupp-Diamant (33 Karat) steckte der Schauspieler ihr 1968 einen Ring an den Finger, den sie angeblich nie wieder abnahm. Ein Jahr später ersteigerte Burton den später nach dem Paar benannten 69-karätigen „Taylor-Burton-Diamant“. Dafür legte er sich ordentlich ins Zeug: er überbot Aristoteles Onassis und kaufte ihn letztlich dem Höchstbieter Cartier um über eine Million Dollar ab. Zu einem beeindruckenden Collier umgearbeitet, bekamen ihn auch Hollywood und die Welt 1970 bei den Academy-Awards zu sehen, wo er am Dekolleté der Diva einen oscarreifen Auftritt hinlegte. Taylor, die keinen ihrer sieben Ehemänner genug gehasst hat, um ihm seine Diamanten zurückzugeben, war der Ansicht, dass nur Frauen, die keine Diamanten besitzen, behaupten Diamanten nicht zu lieben. Damit könnte sie das luxusverliebte Partygirl Holly Golightly gemeint haben, das in „Frühstück bei Tiffany” (1961) anmerkte, es scheußlich zu finden, Brillanten zu tragen, bevor sie 40 sei. – Gut, im Golden Age of Capitalism hätte der Blechring den ihr Freund „Fred” für zehn Dollar bei Tiffany‘s mit ihren Initialen gravieren ließ, garantiert nicht für genügend Bling-Bling gesorgt. Heute würde er als romantisches Liebessymbol zweifelsfrei Herzen brechen. Denn laut Statistiken ist die Nachfrage nach wertvollen Juwelen unter den Millennials schwindend. Neue Zeiten, neue Werte.

Diamonds Are Forever
Kohlenstoff und Hitze: Zeit und alle Ewigkeit.
Der Slogan „A diamond is forever”, in den 1940er Jahren vom südafrikanischen Diamantenkonzern De Beers in die Welt gesetzt, wirkt bis heute. Keine Frage: Diamanten sind für die Ewigkeit geschaffen. Das härteste Mineral der Welt ist unzerstörbar. Vor Millionen Jahren hunderte Kilometer unter der Erdkruste entstanden, wo sich Kohlenstoffatome unter starkem Druck und bei glühender Hitze zu einem festen Kristallgitter fügen und Rohdiamanten bilden, die durch Vulkanausbrüche an die Erdoberfläche transportiert werden. Ihr Wert resultiert neben ihrer Schönheit auch aus dem enormen Aufwand, den es braucht, um sie zu gewinnen. Ein Diamant steht für Einheit, Reinheit und Perfektion. Er ist Statussymbol für Reichtum, Wert und Macht – Werte, die heute nicht mehr zeitgemäß sind, hört man von Unternehmern, die dabei sind den Markt neu zu vermessen. „Old Luxury” ist out, heute geht es neben der Frage nach den vier Cs – Cut, Colour, Clarity und Carat – zunehmend auch um Herkunft und Produktionsbedingungen. Ethik wird zum neuen Luxusattribut.

Diamantenmine in Afrika

Diamantenfieber
Bürgerkrieg und Umweltzerstörung: Konflikt-rohstoff und Blutdiamanten.
Ob die blonde Popikone ihre „Best Friends” ebenso unbekümmert besungen hätte, hätte sie gewusst, dass mit dem Kauf der glitzernden Herzensbrecher möglicherweise Bürgerkriege finanziert wurden? Denn so sieht die Kehrseite der Medaille aus: Seit Entdeckung der leichter zugänglichen südafrikanischen Diamantenvorkommen in den 1870er Jahren brach ein weltweites „Diamantenfieber” aus. Die Geburtsstunde der Diamantenindustrie, stets begleitet von Gier, Machtansprüchen, Intrigen und Kriegen. Auch die Bedingungen zur Gewinnung des Konflikt-rohstoffs waren und sind weitaus weniger glänzend als die Edelsteine. Minenschöpfer arbeiten teils unter lebensgefährlichen Bedingungen, gesundheitliche Schäden und schwere Umweltbelastungen inklusive. Ganze Ökosysteme wurden und werden in manchen Ländern zerstört, der Grundwasserspiegel sinkt und die Armut der Menschen vor Ort steigt. Das trübt vor allem die wichtigste Eigenschaft eines Diamanten: seine Reinheit.

Shine Bright Like a Diamond
Ethik aus dem Labor: Ein Diamant ist ein Diamant, ist ein Diamant?
Innerhalb weniger Wochen können „saubere Diamanten” im Labor gezüchtet werden; Ethisch unbedenklich, umweltfreundlicher und nachhaltig. Synthetische Diamanten, die den natürlichen Steinen ident sind, sogar in ihrer chemischen Zusammensetzung. Seit den 1950er Jahren werden sie für die Industrie erzeugt, mittlerweile lassen sie sich so rein und farblos züchten, dass sie auch für Juweliere von großem Interesse sind. Dabei kommen zwei Verfahren zur Anwendung: Das Hochdruck-Hochtemperatur-Verfahren (HPHT) und die chemische Gasphasenbehandlung (CVD). Beim HPHT-Verfahren werden unter hohem, hydraulisch erzeugten Druck von bis zu 60.000 Bar bei einer Temperatur von mehr als 1.500 Grad Celsius Diamanten aus Graphit hergestellt. Bei der CVD-Technologie kommt der Keim in eine Vakuumkammer, Kohlenstoffatome werden bei kontrollierter Temperatur und Druck in den Raum freigesetzt, wo sie sich im selben kristallinen Muster an den Keim anlagern, wie man es in natürlichen Diamanten findet. Ein Vorgang, der in der Natur über eine Milliarde Jahre dauert, wird so auf wenige Wochen verkürzt. Ein Diamant ist schließlich auch nichts anderes als ein Stück Kohle, das die nötige Ausdauer hatte.

Lucy in the Sky with Diamonds
Discountklunker und Luxus-Klimaschutz.
Immer mehr Schmuck-Designer und Designerinnen setzen heute ausschließlich auf Labordiamanten, sogar große Diamantenkonzerne wie Marktführer De Beers führen nach langem Widerstand und umfassenden Markt-
umfragen eigene Produktlinien aus künstlichen Diamanten. – Warum wichtige Marktsegmente der Konkurrenz überlassen? Mit einem Wachstum von 15 bis 20 Prozent sitzt die relativ junge Branche schließlich auf dem aufsteigenden Ast der Juwelenindustrie. „Diamonds are for Everyone!” scheint der neue Slogan zu lauten. Dabei lässt sich schon jetzt zwischen „Discountern”, die eine günstige Alternative anbieten, und Produzenten, die auf erstklassiges Design und nachhaltige Verarbeitung setzen, um Naturdiamanten zu remplacieren, unterscheiden. Das wachsende Bewusstsein für Klima- und Umweltschutz befeuert die Unternehmer zudem, auch den Energieverbrauch bei der Herstellung von Lab-Diamanten zu senken und auf erneuerbare Energie umzusatteln. Das begehrte Ziel „Zero-Impact-Diamanten“ herzustellen, bringen einige wenige Unternehmen mittels „Sky-Mining” bereits zustande (z. B. skydiamands.com, aetherdiamonds.com). Dazu werden alle notwendigen Schlüsselelemente aus der Atmosphäre gewonnen: Gefiltertes CO2, aus Regenwasser elektrolysierter Wasserstoff sowie Wind- und Sonnenenergie. So soll pro auf diese Weise hergestelltem Einkaräter die Umwelt von zirka 20 Tonnen CO2 befreit werden. Wird der Kauf von Diamanten in absehbarer Zeit gar zu aktivem Klimaschutz? Die Nachfrage bestimmt das Angebot.

Bling-Bling. Shine On You Crazy Diamond
Beste Freunde, Luft und Liebe.
Nachhaltig zu leben bedeutet also nicht, auf die „besten Freunde” zu verzichten, im Gegenteil, man bekommt den Luxus mit „all the bling” aber „none of the sting”. Apropos beste Freunde: Auch aus der Asche geliebter Verstorbener können funkelnde Diamanten werden, Diamantbestattung ist ein lukrativer Zweig des Geschäfts mit dem Tod. Die exzentrische Peggy Guggenheim würde heute möglicherweise ein Collier mit Steinen aus all ihren „beloved babies” (Hunde) tragen. Und Liz Taylor?
An Celebrities mangelt es ebenfalls nicht: Lab-Diamanten sind etwa an Lady Gaga, Emma Watson oder Megan Markle zu bewundern und Leonardo DiCaprio ist seit seiner Arbeit an „Blood Diamond” (2006) Investor in der Labordiamanten Technologie. 

Tipp der Redaktion

Luxus ohne Kompromisse
Das junge Antwerpener Schmucklabel N-UE der Designerin Priyanka Mehta setzt auf zertifizierte CVD-Diamanten, die zusammen mit upgecyceltem 18-karätigen Gold verarbeitet werden. Ihre federleichten, zeitlosen Schmuckstücke richten sich an eine bewusste Zielgruppe, die Wert auf Nachhaltigkeit legt. Die kuratierten Kollektionen sind in reiner Handarbeit von Frauen für Frauen hergestellt, jedes Stück ein Unikat. Ein Teil des Verkaufserlöses geht an die NPO Nanhi Kali, die sich für die schulische Bildung benachteiligter Mädchen in Indien einsetzt. n-ue.com, Foto: Ring von N-UE



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