Buchbesprechung

Der-Salzpfad

Von Verena Rossabacher

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Das gute Leben

Ich entsinne mich, dass mein Vater einmal die Nachbarn einlud, um mit uns zusammen den Film „Indien” zu schauen, mit Josef Hader und Alfred Dorfer. Es war einer unserer Lieblingsfilme. Wir hatten ihn schon zehn Mal gesehen und würden ihn auch noch weitere zehn Mal ansehen, nichtsdestotrotz musste die Vorführung nach einer Viertelstunde abgebrochen werden. Die Nachbarn hatten sich einen Reisebericht erwartet, einen Film über Indien. Sie waren sehr enttäuscht und der Film gefiel ihnen auch nicht, der Abend war insgesamt ein Reinfall, sie gingen früh nach Hause, wir schauten dann zum elften Mal „Indien”.
Ich habe daraus gelernt, dass es wichtig ist, eventuelle Missverständnisse dieser Art durch glasklare Kommunikation zu vermeiden, darum ein paar schonungslose Bemerkungen zum hier verhandelten Buch vorneweg: „Der Salzpfad“ ist kein Wanderführer. Es ist kein Roman. Es ist ein wahre Geschichte und es kann sein, dass man gewisse Entscheidungen der Protagonisten für vollkommen bescheuert hält. Dieses Buch ist keine große Literatur. Mir fallen auf einen Schlag zehn Autoren und Autorinnen ein, die besser schreiben. Dann und wann ist es redundant, womöglich selbstmitleidig, vielleicht kitschig. Und so weiter, alles mögliche kann man gegen dieses Buch vorbringen, alles kann ich bestätigen.
„Soll das jetzt eine Buchempfehlung sein?”, fragen Sie – zu Recht! Ja. „Der Salzpfad“ ist das erste Buch der englischen Autorin Raynor Winn und wurde trotz oben erwähnter Einwände sowohl in England als auch bei uns ein Bestseller.
Es handelt von besagter Raynor Winn und ihrem Mann Moth. Sie sind seit Teenagertagen ein Paar, leben in Wales, vor zwanzig Jahren kauften sie sich dort ein Stück Land mit einem verfallenen Haus und bauten es Stück für Stück wieder auf. Sie halten Schafe und Hühner und pflanzen Gemüse, sie ziehen ihre Kinder groß, sind Selbstversorger und verdienen ihr Geld über die Vermietung von Ferienzimmern, sie führen einen glücklichen, alternativen Lebensentwurf. Irgendwann investieren sie alles, was sie an Vermögen besitzen, in das Unternehmen eines Freundes und als dieses Unternehmen scheitert, verlieren sie nicht nur ihr ganzes Geld, nein, plötzlich haften sie mit ihrem eigenen Vermögen für die Schulden des Freundes, und ihr Vermögen besteht nur noch aus ihrem Haus. Das Gerichtsverfahren zieht sich über drei Jahre hin und wiewohl sie eigentlich im Recht sind, werden sie letztendlich zwangsgeräumt und obdachlos. Man würde meinen, das würde reichen, um zu verzweifeln, doch dem nicht genug, erhält Moth drei Tage später die Diagnose einer degenerativen Gehirnerkrankung, die innerhalb weniger Jahre unweigerlich zum Tod führen wird, Heilungschancen: keine.
Das ist eine erschütternde Geschichte und erschütternde Geschichten gibt es zweifelsohne genug, tatsächlich aber wundert man sich nicht wenig über die Konsequenzen, die dieses Paar daraus zieht.
Es gibt keinen Ort, wo sie hinkönnen, keine Familie, keine Freunde, die sie länger als ein zwei Wochen um Asyl bitten könnten, sie haben kein Geld, um sich irgendetwas zu mieten. Sie sind Mitte fünfzig, haben keinen Beruf erlernt, den sie ausüben könnten, es gibt keinen Arbeitsmarkt, der irgendwo ihrer harrt. Die einzige Zukunft, die vor ihnen liegt, ist eine Sozialwohnung, auf die sie erst mal warten müssen. Sie sind untrainiert, zu dick, krank, erschöpft und sie beschließen, auf Wanderschaft zu gehen.
Sie kaufen sich ein billiges Zelt und viel zu dünne Schlafsäcke, sie können so gut wie nichts mitnehmen, weil sie a) nichts haben, und weil b) Moth kaum sich selbst tragen kann, geschweige denn einen Rucksack. Ihre Einkünfte belaufen sich fortan auf 48 Pfund pro Woche und sie werden den South West Coast Path bewandern, den mit 1.014 Kilometern längsten Fernwanderweg Großbritanniens.
Sie werden Schmerzen haben, sie werden Hunger haben, sie werden an allem zweifeln und an allem verzweifeln, sie werden spüren, was es bedeutet, obdachlos zu sein in einem Land, das die Obdachlosen verachtet. Sie werden an dem toten Punkt, an dem sie sind, spüren, dass sie alles, wirklich alles loslassen müssen, um wieder so etwas wie Hoffnung zu verspüren und Zuversicht.
Und dieses Momentum, das Annehmen des eigenen Scheiterns, der Mut, für sich einen eigenen, vielleicht zweifelhaften Weg zu finden und zu spüren, wie irgendwann die Angst weicht und etwas neuem Platz macht, das ist – aller literarischen Einwände zum Trotz – ziemlich erstaunlich und ziemlich berührend und, tatsächlich, inspirierend.
Wir alle wollen ein gutes Leben, ein schönes, ein leichtes. Wir tun vieles dafür, und es ist gut, wenn man lernt, es auch immer wieder loszulassen und darauf zu vertrauen, dass es auf eine neue und vielleicht ganz andere Art auch wieder möglich ist. 


Raynor Winn
Der Salzpfad
Umfang: 336 Seiten
Preis: 16,95 €
ISBN: 978-3-7701-6688-6

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