Buchbesprechung

Liebenswerte Nervbacke
Von Verena Roßbacher

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„Meter pro Sekunde“ ist das dritte Buch der 1984 geborenen dänischen Autorin Stine Pilgaard und das erste, das in diesem Jahr ins Deutsche übersetzt wurde.
Die Ich-Erzählerin, irgendwo Mitte dreißig, zieht zusammen mit ihrem Freund und dem gemeinsamen kleinen Kind nach Velling in Westjütland – „dem Land der kurzen Sätze“. Man pflegt hier die hohe Kunst der Reduzierung, knapp spricht man übers Wetter, kurz streift man die Natur, bloß keine Vertraulichkeiten, nichts Persönliches, zum Beispiel so: „Lieber Himmel, so ein Wind, ja, also wirklich. Und wieder Montag, ja, das bleibt nicht aus.“ Niemand in Velling hätte danach das Gefühl, dass nicht alles gesagt sei. Unsere Protagonistin, sozusagen die Expertin der „freischwebenden Assoziation“, wie sie selber sagen würde, bringt die Vellinger da ganz schön ins Schwitzen. Sie quatscht jedem ein Ohr ab, sie posaunt die unpassendsten Bemerkungen in die vollgestopfte Aula und sie leidet ehrlich und heftig an der verbalen Sparsamkeit ihrer neuen Mitbürger.
Überhaupt hat sie keinen leichten Stand: Ihr Freund ist neuerdings Lehrer an einer der legendären dänischen Heimvolkshochschulen – ein Konzept, das mit unseren Volkshochschulen nicht viel gemein hat. Entwickelt wurden sie im 19. Jahrhundert aus den humanistischen Ideen des protestantischen Theologen Grundtvig. Es geht, wie der Übersetzer im Nachwort schreibt, um „eine Pädagogik der Gemeinschaftlichkeit, des Unterrichtsgesprächs und des gemeinsamen Suchens“.
Hauptsächlich junge Leute kommen hier zusammen, meist zwischen Abitur und Studienbeginn, und widmen sich für ein Jahr einem bestimmten Thema – man kann sich ins literarische Schreiben vertiefen oder ins ökologische Gärtnern, steinmetzen oder keramiken, jedenfalls entsteht somit eine Art Internatsstimmung, der sich niemand entziehen kann – und auch gar nicht soll. Schüler wie Lehrer und auch deren Angehörige, alle miteinander sollen fortan eine enge Gemeinschaft bilden, die weit über das hinausgeht, was normalerweise ein Lehrer-Schüler-Verhältnis ausmacht. Alle wohnen sozusagen auf dem Campus, Lehrer und ihre Familien genauso wie die Direktorin, man isst zusammen in der gemeinsamen Mensa, die Schüler kommen auch mal nachts vorbei, wenn sie irgendwo der Schuh drückt, der Unterricht hört keineswegs auf, wenn die Stunde um ist, kurzum, diese herrliche, hyggelige – behagliche – Atmosphäre, die allenthalben gepriesen wird, so man von Dänemark spricht: Hier findet sie statt. Hier hat man es gemeinsam so richtig schön. Niemand klopft an, wenn er bei einem zu Besuch kommt, gerne singt man allenthalben mal was zusammen. Wenn die Schülerin sich unsterblich in den Lehrer verliebt, dann muss auch das im Plenum ausgehandelt werden, es ist, kurzum, so eine Heimvolkshochschule eine hundertprozentige Angelegenheit. Kneifen gilt nicht.
Unsere Protagonistin nun, völlig übernächtigt und fertig mit den Nerven nach dem ersten Jahr mit Kind, findet niemanden, mit dem sie mal so richtig schwätzen kann, absolviert gerade ihre 80. Fahrstunde, ohne Gewissheit, ob irgendwo ein Ende abzusehen ist, geschweige denn ein Führerschein, und beginnt auf Geheißen der Direktorin bei einer Zeitung. Sie arbeitet nun in der „Orakelindustrie“. Jütländer schreiben ihr fortan von ihren Alltagssorgen und Liebesnöten und beherzt und ohne lange zu fackeln gibt sie beredt Auskunft – klar, dass sie sich gerne damit brüstet, dass „es hier nicht um mich gehen soll“, um hinterher umso ungenierter aus ihrem Leben zu plaudern. Nebenbei übt sie mit einem Journalisten, berühmt für seine feinsinnigen Porträts der jütländischen Bewohner, das Aushalten langer Gesprächspausen und lässt abgesehen davon den Witz rennen, wie man so sagt.
„Meter pro Sekunde“ ist ein umwerfend komisches Buch, gewiss, die Protagonistin eine Nervbacke, klar, manchmal versinkt man im Boden, weil sie wieder irgendeinen Blödsinn von sich gibt und ihn nicht einfach hinunterschlucken kann wie jeder andere normale Mensch das tut, aber man ist auch sofort verliebt in diese laute, saloppe und ungeschickte junge Frau, die smart ist und patschert. Sie ist so nudelfertig und wurstelt sich doch mit einem Elan und einer Chuzpe durch ihren Alltag, der eine wahre Pracht ist. Ziemlich „fresh“ das Ganze, anders kann man es nicht sagen. Ungewöhnlich, schräg, manchmal weise, oft saulustig – gutes Buch für einen Samstagnachmittag im September, Sonne steht schon tief, Kanne Kaffee, Zwetschgenkuchen vom Blech und der Tag ist gebongt.

Stine Pilgaard
Meter pro Sekunde
Roman
253 Seiten
ISBN 978-3-98568-011-5
Kanon, 2022


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