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Das Glück der Nähe

Der Salzburger Essayist und Reiseschriftsteller Karl-Markus Gauß über den Zivilisationsbruch, sich nicht mehr die Hände schütteln zu dürfen, und warum wir aus Schaden nicht zwangsläufig bessere Menschen werden.
Von Wolfgang Paterno

Ein gutes Jahr vor Corona erschien Ihr Buch „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“. Waren Sie gewissermaßen bereits im Quarantäne-Training, als der Lockdown verhängt wurde?
Ich habe es immer gern gehabt, am Tag zurückgezogen für mich alleine arbeiten oder auch nur unbehelligt von kommunikativen Anforderungen dahinträumen zu können. Aber abends habe ich gerne ein paar intelligente Leute um mich, um angenehme Gelegenheit zu finden, mich anregen zu lassen oder aufregen zu können. Ich habe ja schon vor vielen Jahren meine Frau gebeten, dereinst auf meinen Grabstein setzen zu lassen: „Er liebte die einsamen und die geselligen Stunden.“ Beides scheinen mir unterschätzte Tugenden zu sein: Die Fähigkeit, bei sich bleiben zu können – und die Geselligkeit.Diese halte ich überhaupt für eine genuin demokratische Tugend. Im Übrigen hoffe ich, dass der Steinmetz noch eine schöne Zeitlang keinen diesbezüglichen Auftrag meiner Frau erhalten wird.

Zwang Sie das Virus zum süßen Nichtstun? Zu Leerlauf? Zum Stress des Müßiggangs?
Nichtstun ist nie süß, zumindest nicht für mich. Ich habe immer gerne ein bisschen zu viel als zu wenig Arbeit. Wobei ich es diesbezüglich doppelt leicht habe: Erstens kann ich mir diese Arbeit ja selbst aussuchen und verordnen, indem ich mich vielerlei Projekten widme; und zweitens schufte ich ja nicht in irgendeinem Betrieb, in dem es vielleicht naheliegend ist, sich nach der Pause oder dem Dienstschluss zu sehnen. Schreiben ist zwar Arbeit, aber keine Kärrnerarbeit, die einen unglücklich macht, sondern alle Eigenschaften, die man hat, ins Positive wenden oder steigern kann. Ich bin ein eher ängstlicher Mensch, beim Schreiben aber tapfer; ich bin auch oft ungerecht, glaube aber, beim Schreiben über Ressentiments und Missgunst hinauszuwachsen. Ich muss also schon deswegen schreiben, weil ich nur beim Schreiben so gescheit und mutig bin, wie ich sein möchte. Setze ich mich über einen längeren Zeitraum nicht an den Schreibtisch, spüre ich, wie ich kleinmütiger und dümmer werde.

Wie sehr hat die Pandemie Ihren Alltag auf den Kopf gestellt?
Der Alltag war nicht so anders als sonst für mich. Aber natürlich habe ich gemerkt, dass ich mich rasch in manchem Verhalten des Alltags, an das ich seit Kindheit gewohnt war, verändert habe. Alleine das Grüßen, die Hand nicht automatisch auszufahren, kaum dass man mit jemandem auf der Straße spricht! Das wohlerzogene Kind in mir wollte sich mit diesem Zivilisationsbruch, von Menschen Abstand zu halten, nicht abfinden. Und ich würde es auch als großen Verlust erleben, wenn daraus das angemessene Verhalten für die Zukunft würde!

Corona als persönliche Kränkung?
Nein, überhaupt nicht. Das Wort von Angela Merkel, dass sie eine Zumutung für die Demokratie sei, trifft es besser.

Hat Ihnen das Virus Ihre gute Laune verdorben?
Wieder nein. Ich lasse mir von einem dummen Virus, das nicht einmal über ein Bewusstsein verfügt, doch nicht vorschreiben, was in meinem Bewusstsein vorgeht. Ich bin mir aber bewusst, dass ich auch diesbezüglich doppelt privilegiert bin: erstens sozial, zweitens charakterlich.

Darf man über das Virus blöde Witze machen?
Witze, wie ich sie gut finde, sind nie blöd. Manche neigen zur Albernheit, aber bisweilen albern zu sein, ist auch keine Schande, sondern eine Eigenschaft, der Realität angemessen zu begegnen und sich in ihr oder gegen sie zu behaupten. Menschen, die auch beim Lachen immer nur auf hohem Niveau stolzieren wollen, finde ich anstrengend und langweilig.

Hat sich der verführerische Floskelsatz vom Menschen hinter der Maske nun endgültig erledigt?
Sie kennen ja den Satz aus Büchners „Leonce und Lena“, wonach die Menschen ihre Masken nicht abnehmen sollen, weil sonst womöglich die Gesichter darunter mitgehen. Immerhin, die Floskel hat jetzt wieder etwas bildhaft Konkretes bekommen.

Ist es schon vorgekommen, dass Sie mit Maske jemandem endlich die Wahrheit geigten?
Nein, nein. Es sei denn, literarische Gestaltung oder, im Alltag, erzählerischer Witz wären auch Formen von Maskerade. Wahrhaftigkeit ist natürlich ein rühmenswerter Zug, aber allen Menschen fortwährend nichts als die Wahrheit zu sagen, gleichsam „hineinzusagen“, das halte ich für eine selbstgerechte Form von Barbarei. Die Mitmenschen haben nicht nur das Recht, dass man ihnen die Wahrheit sage, sondern auch, dass man sie ihnen mitunter höflich verschweige. Weil ich vorher schon die Geselligkeit rühmte: auch die Höflichkeit halte ich für eine soziale Tugend.

Lernen Sie, so wie offenbar derzeit alle Welt, auch verstärkt aus Ihren Fehlern? Oder haben Sie eher gelernt, Fehler zu vertuschen?
Ich lerne aus meinen Fehlern nichts. Gar nichts. Allerdings habe ich mein ganzes Leben lang getrachtet, mit meinen Fehlern gut auszukommen. Und da ich wahrlich genug Fehler habe, ist das auch ein ganz schön anspruchsvolles Programm gewesen, bei dem ich mich wacker gehalten habe. Ich verlange von der Welt nicht, dass sie mich ausgerechnet meiner Fehler wegen besonders liebe, aber ich bin auch nicht verpflichtet, mich selbst wegen meiner Fehler zu hassen.

Mutet es nicht seltsam an, dass ein winziges Virus die Menschheit zu den großen Fragen animiert: Wie werden wir in Zukunft leben? Was haben wir alles falsch gemacht?
Das ist tatsächlich eine erstaunliche Sache. Denn wir wissen ja alle längst, dass vieles so, wie es läuft, nicht ewig weiterrattern kann. Nun drängt uns so eine vermaledeite Winzigkeit aus der Spur. Das hat was Abgründiges.


Es ist kein Ende der Zukunftswünsche für die Post-Corona-Zeit absehbar: Der Mensch möge besser auf Natur und Umwelt achten, weniger egoistisch sein. Macht uns das Virus naiv?
Ich habe ganz zu Anfang der Corona-Krise in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Presse“ gesagt: „Die Seuche ist keine moralische Erziehungsanstalt und die Quarantäne kein spirituelles Erweckungserlebnis.“ Da diese Formulierung seither durch zahlreiche Interviews und Artikel geistert, nutze ich die buchhalterische Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, dass sie ursprünglich von mir stammt. Ich verlange keine Copyrights-Gebühr, möchte es aber nur der Korrektheit halber einmal festgehalten haben. Und die Formulierung passt mir auch am vorläufigen Zwischenende der Krise noch: Wir werden aus Schaden nicht bessere Menschen und aus Not nicht sozialer.

Balzac hatte in seiner Wohnung auf ein Stück Karton den Wunsch notiert: „Hier bitte ein Rembrandt!“ Was wäre bei Ihnen zu lesen?
Ein Spruch der Selbstermunterung: „Keine übertriebenen Pläne mehr: Melancholie, Selbstironie und Geistesgegenwart genügen!“

Zum Schluss Existenzberatung mit Dr. Gauß: Wie nach Corona leben?
Möglichst rasch wieder heraus aus dem digitalen Lebensvollzug! Und die Verheißungen, wir würden unsere Zukunft besser bewältigen, wenn wir uns digital inniger vernetzten, als Propaganda fürs schlechte Leben durchschauen und anprangern. Anerkennen, dass unser Glück auf unsere körperliche Präsenz in der Welt und inmitten anderer Menschen angewiesen ist!

Karl-Markus Gauß, 66, zählt zu Österreichs renommiertesten Literaturkritikern und Reiseschriftstellern. Sein essayistisches Journal-Werk erscheint im Wiener Zsolnay-Verlag („Mit mir, ohne mich“, „Ruhm am Nachmittag“, „Der Alltag der Welt“, „Zu früh, zu spät“); im Vorjahr publizierte Gauß, der seit 1991 die Zeitschrift „Literatur und Kritik“ mitherausgibt, den Band „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“; für Oktober ist das Journal „Die unaufhörliche Wanderung“ angekündigt. Gauß lebt und arbeitet in Salzburg.

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