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Thomas D. Trummer. Foto Sarah Mistura

Die Entgrenzung der Welt

Von Carina Jielg

Der Mensch, sagt Thomas D. Trummer, will sich selbst verstehen und den anderen. Die Kunst kann uns dabei helfen. Der Direktor des Kunsthaus Bregenz im Gespräch über die Vorstellung von Natur im Wandel der Zeit und warum die bildende Kunst in Sachen Nachhaltigkeit keine Vorreiterin ist.

Die Pandemie hat vieles offengelegt. Für kurze Zeit konnte man den Zustand der Welt wie in einem Brennglas betrachten und sah die Brüche: die Krise der Märkte, der Politik, die Ungleichheit und dass alles mit der Klimakrise zusammenhängt. War das für die Kunst in dieser Weise auch neu?


Thomas D. Trummer: Der Lockdown hat gezeigt: Wir leben in einer merkwürdigen Überblendung von Biedermeier und Science Fiction. Auf der einen Seite die neue Heimeligkeit, auf der anderen Entfremdung, Leere und Endzeiterfahrung. Zuhause haben wir unsere Gewohnheiten auf vorindustrielle Praktiken umgestellt: Weben, Backen, Musizieren. Das eigene Produzieren wurde wichtiger als das Konsumieren. Auch das Erleben der nahen Natur, das Erwachen des Frühlings aus dem Fenster, die Zuwendung der Familie wurden bedeutsam. Hier also Idylle, auf der anderen Seite Dystopie. Unsere Zeit aufgespannt zwischen krassen Gegensätzen. Dieser unbeständige Zustand bewirkt Ängste und Ahnungen. Und wirft uns auf Grundlagen zurück. Die Kunst ist dieses Denken des Anfangs nicht fremd, aus einer grundlegenden Skepsis heraus.

Der Begriff Anthropozän benennt ein Zeitalter, in dem der Mensch zum wichtigsten Einflussfaktor auf biologische, geologische und atmosphärische Prozesse auf der Erde geworden ist. Die Technosphäre, das, was der Mensch schafft, ist größer als die Biosphäre. Kann Kunst als Teil der Technosphäre unseren Blick auf das große Ganze lenken?


Die Künstler der Renaissance unterscheiden zwei Formen von Natur: Die Natur, die es gibt und die Natur als sich selbst schaffende Energie. Dabei verbündet sich Kunst mit der Wissenschaft, indem sie den Zentralraum, eine Erfindung der Geometrie, in der Malerei einführt. Der Künstler als Schöpfer eines Gemäldes wirft ein Schlaglicht in die Welt, sägt ein Schneise des Blicks, um die Landschaft darin zu ordnen. Im Anthropozän fällt die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur. Die Natur ist längst künstliches Konglomerat, kein Hügel, der nicht 100 Mal umgestaltet worden wäre. Wir sind zu einem Schöpfer geworden, doch zu einem, der nicht mit Stolz sagen kann, dass alles gut war. Die Kunst als Teil der “techné” findet die richtigen Wege selbstkritischer Darstellung.

Apropos darstellen: Man hatte bei vergangenen Weltkunstausstellungen den Eindruck, Künstler arbeiten wie Journalisten. Es gab unzählige Reportagen von Missständen …


Aufklärung ist bedeutsam. Wir können unser Betrachten ändern. Ich habe einmal Theaster Gates in ein Museum begleitet. Ihn interessierte nicht die Qualität der Malerei, er suchte nach etwas: nach der Repräsentation seiner Identität. Gates ist Afroamerikaner und wurde bei einem Bild mit den Heiligen Drei Königen fündig. Was heißt das, wenn der edle Wilde dem weißen Heiland zu Füßen liegt? Deshalb tauchte er einen geschnitzten Babykopf im Kunsthaus in Teer, einer Farbe, die nicht mehr abgeht, wie er sagte. Ähnlich lässt sich auch kritisch nach Klimaaspekten suchen: Bei Brueghels Winterszenen sind die Teiche zugefroren. Das tun sie heute nicht mehr. Ein historisches Faktum, das uns die Malerei als Information mitliefert. Auf jeden Fall ist ein Blickwechsel gefragt, das Aufbrechen unserer Sehgewohnheiten.

Es gibt unzählige Arbeiten, die sich mit „Kunst des Anthropozäns“ betiteln ließen. Vier Werke sollen als Beispiele für unterschiedliche Arbeits- und Denkweisen dienen:

Mathias Kessler, Vorarlberger, lebt in New York. Kessler widmet sich etwa dem exzessiven Bergbau in den USA. Bergkuppen werden abgetragen, um an die Kohleflöze zu gelangen. Kessler zeigt die geschundene Landschaft.
An Stätten wie diesen sehen wir, wie wir Natur als riesiges Warenlager ausbeuten und in Wüste verwandeln. Das sind eindringliche Bilder, die Angst und Lust auslösen, ein kalter Schauer und Schönheit grafischer Abstraktion, in die die Kunst uns da eintauchen lässt.

Thomas Feuerstein, österreichischer Konzeptkünstler. Feuerstein züchtet gemeinsam mit Chemikern Algen, stellt Urschleim her oder denkt über künstliche Fleischerzeugung nach.
Die Sicht auf die Welt hat sich sowohl makrogeologisch als auch mikrobiologisch entgrenzt. Wir bewegen uns in Sphären jenseits der Sichtbarkeitschwellen: entweder ist etwas zu groß oder zu klein: ein Virus jagt uns und wir können es nicht sehen. Was Feuerstein macht: Er sucht die Nähe zu den Naturwissenschaften, denkt weiter – über den Anschlag hinaus und findet dafür Bilder. Das ist überraschend.

Felix Gonzalez-Torres, kubanischer Künstler, 1996 verstorben. Es gibt eine Arbeit, in der es um Ungleichverteilung geht. Um die Frage: wer zahlt wofür? Eine kleine Meldung über ein 1990 eröffnetes Casino ist zu lesen. Es wird beschrieben, wie Spieler an die Tür des milliardenteuren Gebäudes trommeln, um eingelassen zu werden.


Gonzalez-Torres’ Thema war der Tod. Er verstand es, Betroffenheit und Gedankliches miteinander zu verbinden. Er war Aids-Opfer, ebenso sein Partner. Er fand wunderbare Metaphern, etwa die Berge aus Bonbons. Wenn wir eines nehmen und im Mund zergehen lassen, spüren wir, dass Trauer schmerzvoll ist, aber auch süßlich. Eine Empfindung, die wir aufnehmen wie eine kostbare Erinnerung, zugleich aber verblasst.

Alfredo Barsuglia, lebt und arbeitet in Wien. Für eine Ausstellung im Bildraum Bodensee hat er auf Material verzichtet und nur das verwendet, was er am Körper getragen hat.
Nachhaltiges Produzieren gibt es in der Musik- und Filmbranche. In der Bildenden Kunst muss man danach suchen. Die art crowd reist noch zu gerne rund um den Globus.


Die Produktionsfrage stellen sich viele Künstlerinnen und Künstler: Was mache ich da? Füge ich der Welt noch mehr Sondermüll hinzu? Die Architektur stellt solche Fragen bereits länger, aber auch in der Kunst gibt es Vorbilder. Lois Weinberger – er starb während dem Lockdown – widmete sich dem Unkraut. Er war überzeugt, dass wir dieses pflegen und wertschätzen sollten. Diese Pflanzen sind Überlebenskünstler.
Sie sind die Ersten, die sich an der Peripherie ansiedeln. Sie müssen sich mit dem Wenigsten begnügen, wie menschliche Migranten.

Was tun Sie persönlich für das Klima?

Ich habe kein Auto. Ich gehe zu Fuß oder nutze den Zug. Aber ich war Klimasünder, weil ich ein global Reisender war.

Überlegen Sie heute länger, ob Sie einen Künstler etwa in Indonesien besuchen?


Als das Kunsthaus gebaut wurde, war Bregenz innerhalb Europas anziehend als exotisches Kleinod in der Provinz. Das hat sich in den 00er-Jahren gewandelt, das Exotische lag fortan außerhalb Europas, es gab Biennalen in Gwangju, Ulan Bator und Shanghai. Der Kunsttross flog hin. Das wird so nicht weitergehen. Die Pandemie zeigt, wie schnell sich Dinge ändern können: Niemand benutzt mehr ein Plastiksackerl, indes stauen die meisten mehrere Stofftaschen. Auch ein Besuch im Kunsthaus kann uns Umweltverantwortung bewusst machen, es ist nicht nur eine famose Architektur, das Gebäude ist auch Ökoprofit zertifiziert.

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Thomas D. Trummer, geboren 1967 in Bruck a.d. Mur, Steiermark studierte Musik, Kunstgeschichte und Philosophie in Graz. Er lebt und arbeitet in Bregenz.

Thomas D. Trummer ist seit 2015 Direktor des Kunsthaus Bregenz (KUB). Im Mai 2019 wurde sein Vertrag um eine weitere Periode bis 2025 verlängert. Davor war er Künstlerischer Leiter der Kunsthalle Mainz (2012–2015) und Projektleiter für bildende Kunst beim Siemens Arts Program in München (2007–2012). Zwei längere Auslandsaufenthalte führten ihn als Visiting Scholar an das renommierte Massachusetts Institute of Technology, Cambridge, USA (2010–2011) sowie als Hall Curatorial Fellow an das Aldrich Museum of Contemporary Art, Ridgefield, USA (2006–2007).

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