Das Original

Illustration Jörg Schorn

Wir leben im Zeitalter der Kopie. Es wird echt Zeit, dass wir das ändern.
Essay von Wolf Lotter

Manager, die leitenden Angestellten der Wirtschaftswelt, lieben meist einfache Bilder und Wörter. Das hat mit ihrer Tätigkeit zu tun. Manager sind Menschen, die die Dinge am Laufen halten. Sie lieben Routinen. Routinen sind die Abläufe, die wir ständig wiederholen können, aus dem Effeff, wie man auch sagt, und die uns geistig nicht sehr anstrengen. Manager sind die leitenden Angestellten der einfachen Wiederholung.

In diesen Kreisen wird in den vergangenen Jahren sehr gerne von der „DNA” der Firma geredet, was schon deshalb toll ist, weil kaum jemand von denen, die sagen, dass etwas „zu ihrer DNA” gehört, wissen, was eine DNA ist, noch wozu sie nütze ist. Die Desoxyribonukleinsäure, um es mal auszuschreiben, ist der Beweis dafür, dass die Welt der Gleichmacher, Standardisierten, Vereinfacher, Komplexitätsreduzierer und Vielfaltsallergiker eine Störung ist. Und eben nicht die Vielfalt, Individualität und Originalität jedes Lebewesens. Die Evolution, und natürlich die sie beobachtende und verstehende Naturwissenschaft, steht auf der Seite der Individuen, der Einzigartigkeit. Und nicht auf der Seite der Ängstlichen, die immer ein Rudel brauchen, in dem sie mitheulen dürfen.

Deshalb ist es immer sehr witzig, wenn echte Manager, die für die Gleichmacherei zuständig sind, von ihrer „DNA” reden. Wie der Blinde von der Farbe. Unterschiedlichkeit ist das Erfolgsprinzip der Natur, der Evolution, der Unternehmerischen und Neugierigen. Das Echte ist das Original, das Einzigartige. In der Welt der Wirtschaft gibt es kaum einen größeren Gegensatz als zwischen Managern und Leadern, Unternehmern. Während erstere verwalten, gestalten die anderen.

Das Echte ist uns abhandengekommen. Das liegt daran, dass wir seit 250 Jahren in einer Welt leben, in der die Produktion von Masse unsere Kultur und damit gleichzeitig die Sicht auf das, was wir normal finden, komplett verändert hat. Die Industriegesellschaft ist eine Kopiergesellschaft. Sie nimmt das Original und macht es zu einer Form, einer Vorlage. Diese Vorlage kann dann nach Belieben vervielfältigt werden, nicht so schön wie das Original, aber ausreichend, um es massenhaft zu verkaufen. Wenn es um Grundversorgung geht, war das ein großer Durchbruch und hat vielen Teilhabe an materiellem Wohlstand gebracht. Das Problem der Menschen ist ihr lausiges Gedächtnis. So gut es war, dass die Armen nun dank Massenprodukten auch etwas abbekommen von der Welt, so wichtig wäre es gewesen, dabei immer das Original hochzuhalten, zu ehren, zu würdigen, ihm nachzueifern und damit die Freude an Neuem und bisher nicht Bekanntem hochzuhalten. Wir haben in der Wohlstandsgesellschaft, der Folge der Kopiergesellschaft, einen wichtigen Satz vergessen: Von nichts kommt nichts. Unterschiede sind entscheidend.

„Der Mensch merkt nur den Unterschied.” Dieser Satz wird Sigmund Freud zugeschrieben, gut ist er auf jeden Fall. Denn so sind wir. Was die Massenproduktion gebracht hat, war eine oberflächliche Erfüllung unserer Bedürfnisse. Was die Menschen eigentlich wollen, sind auf sie abgestimmte persönliche Lösungen. Jetzt, in der Sattheit der Konsumgesellschaft, wird das deutlich. Alle wollen gesehen und respektiert werden. Aber dabei verhalten sie sich immer noch so, wie sie es in der Massengesellschaft gelernt haben. Sie fotografieren sich auf TikTok, Instagram und LinkedIn so wie alle, reden alle dem anderen nach dem Mund, sind angepasst und opportunistisch. Das Original ist all das nicht. Es gibt Widerworte und sagt, das und dies könnte anders sein, damit vielleicht auch besser. Das Original ist nicht zufrieden, harmoniesüchtig, es versucht nicht, seine Neugierde zu verbergen. Der Mensch dahinter ist nicht einfach billig „authentisch”, was meistens, wo es behauptet wird, das Gegenteil meint, nämlich angepasst. Das Original sticht heraus, fällt auf, macht sich damit sicher auch Mühe. Ärgert und fordert uns heraus. Das ist so.

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Die Selfie-Gesellschaft, in der wir leben, ist all das nicht, sie kennt keine Pose außer der, die ihr vorgemacht wurde. Ihre „DNA” ist gar keine. Menschen, die nur mitlaufen, nachmachen, klauen, plagiieren, ein X für ein U vormachen, um im end- sowie sinnlosen Kampf um Aufmerksamkeit zu brillieren, solche Menschen sind – wenn es nach der Evolution geht – gar nicht mehr Teil von ihr. „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen”, hat Theodor W. Adorno gesagt. Es gibt aber, muss man ergänzen, richtig viele falsche Leben.

Was tun? Transformation, von der, auch im Management und in der Politik, die mit ihm verwandt ist, geredet wird, echte Transformation besteht in kultureller und sozialer Innovation. Innovation ist immer der Auftritt eines Originals, einer echt einzigartigen, unübersehbaren Angelegenheit. In diesem Fall: Wie sehen wir die Welt und uns durch andere Augen? Dazu brauchen wir eine Bildung und eine Gesellschaft, die den Unterschied lobt und die Differenz zu nutzen weiß und nicht fürchtet. Die Vielfalt als Vermehrung ihrer Chancen erkennt und nicht als Vergrößerung ihres Ohnmachtsgefühls. Ob wir weiterkommen oder nicht, hängt heute vor allem von dieser Sichtänderung ab. Innovationen, mehr echte Diversität, die Individuen gerecht wird und ihren Lagen, mehr Neugierde und mehr Aushalten von anderen Positionen sind keine Luxusgüter. Sie sind echt lebensnotwendig. Das ist eine DNA. Und natürlich gibt es auch Manager, die das wissen, jedes Jahr ein paar mehr. Es sind die, die schon haben, was der Leadership Denker Warren Bennis als wichtigste Voraussetzung von Führung und Selbstführung benannte: Charakter. Das ist die einzig wahre Menschen-DNA, die wir in unseren Handlungen, in unserem Tun und Lassen zeigen. Die von der Sorte, die uns und andere echt weiterbringt.


Wolf Lotter arbeitet als Journalist, Buchautor und Vortragender. Er war unter anderem Gründungsmitglied von Brand Eins und schreibt heute Kolumnen für Profil, Tazfutur2, Wirtschaftswoche und ist ständiger Essayist des Standard. Er hat zahlreiche Bücher und Essays zum Thema Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft verfasst. Sein aktuelles Buch ist „ECHT. Der Wert der Einzigartigkeit in einer Welt der Kopien“ (Econ Verlag). Mehr Informationen unter wolflotter.de
Foto: Katharina Lotter


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