Der Weg einer PET-Flasche

Was geschieht mit unseren Abfällen, nachdem wir sie in die Tonne werfen? Wir sind einer PET-Flasche durch die verschiedenen Stationen der Wiederaufbereitung gefolgt. Und eins ist danach klar: Bis zum Erreichen einer Kreislaufwirtschaft gibt es noch viel zu tun.
Von Christian Gigler

Eine kleine Gruppe von Leuten steht zusammen und wartet vor den Toren des Grazer Unternehmens „Saubermacher“. Wenig später erscheint eine junge Dame und führt die Gruppe in einen Seminarraum etwas abseits der großen Halle, in der sich die raumfüllende Sortieranlage befindet. Nach einer kurzen theoretischen Einleitung startet die geführte Besichtigungstour. Ein LKW nach dem anderen rauscht auf das Gelände des Abfallentsorgungsdienstleisters, es ist laut und riecht nach, naja, Müll; wobei Müll hier wohl das falsche Wort ist. Die Rede ist vielmehr von Abfällen, die so aufbereitet werden, dass sie stofflich oder thermisch wiederverwertet werden können. Im Gegensatz zum negativ konnotierten Müll suggeriert das Wort Abfall noch eher, dass die Stoffe weiter genutzt werden.

Auch eine herkömmliche PET-Flasche besitzt ein längeres Leben als zunächst vermutet. Der Zweck dieser Einwegflasche ist nach dem Konsum eines Getränks in der Regel nach wenigen Minuten erfüllt. Sie landet im besten Fall im gelben Sack und entschwindet der eigenen Wahrnehmung. Wird sie richtig gesammelt und getrennt, entstehen aus dem Grundstoff der PET-Flasche mit hoher Wahrscheinlichkeit neue Gegenstände aus Kunststoff – die Flasche wird recycelt. Doch wie läuft das ab?

Produktkreisläufe zu schließen, ist angebracht, denn die EU setzt sich bis 2030 große Ziele: Im Rahmen der EU-Verpackungsverordnung sollen 55 Prozent aller im EU-Markt verkauften Kunststoffverpackungen ab dann recycelt werden. Österreich muss in dem Bereich bis 2030 also etwa doppelt so viel recyceln wie heute. Das 2025 kommende Pfandsystem soll Abhilfe schaffen, die Preise für Einwegdosen und -flaschen werden damit künftig auch 25 Cent Pfand beinhalten. „Der Einwegpfand mag zwar zu weniger Littering führen, so wie beispielsweise in Deutschland, allerdings sollte dies kein Argument sein“, sagt Ulrike Gelbmann vom Institut für Umweltsystemwissenschaften der Universität Graz. Sie spielt darauf an, dass es in Deutschland durch das Pfandsystem zwar weniger sichtbaren Müll auf den Straßen gibt, das aber nicht heißt, dass die Abfallproblematik gelöst ist. Das Sammeln von Abfall ist dadurch nämlich für viele Menschen zu einer Einkommensquelle geworden. „Niemand soll Abfall sammeln müssen, um zu überleben”, sagt Ulrike Gelbmann. Zielführender wäre für sie der Ausbau des Mehrwegpfandsystems. Die Expertin betont, dass der Einwegpfand die Recyclingquote zwar erhöhen wird, das Hauptproblem aber woanders liege. Nach der sogenannten Abfallhierarchie steht Recycling nach Vermeidung und Wiederverwendung an dritter Stelle. „Österreich arbeitet aktuell eher mit der vierten Stufe, der sonstigen Verwertung. Das heißt in der Praxis, dass viel Abfall verbrannt wird, ohne dass daraus Nutzen gezogen wird“, erklärt Gelbmann. Einer dieser Nutzen wäre beispielsweise das Verbrennen von Kunststoffen als Fernwärmequelle. Derzeit passiere dies zumindest in der Steiermark aber noch nicht. „Plastik ist nicht das Problem. Das Problem ist, wie wir damit umgehen.“

Was gerne als Plastik bezeichnet wird, sind technisch gesehen Kunststoffe beziehungsweise sogenannte Plasten. In der Industrie wird grob zwischen Thermoplaste, also jenem Kunststoff, der sich unter Hitzeeinwirkung leicht verformen lässt, und Duroplaste unterschieden. Letztere lässt sich auch unter Hitze nicht verformen oder einschmelzen. Zu den Standardkunststoffen zählen Polypropylen (PP), Polystyrol (PS), Polyvinylchlorid (PVC) oder auch Polyethylen (PE). PET, also Polyethylenterephthalat, setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen und kann nach der Sammlung relativ gut in sortenreine Bestandteile aufgeteilt werden.

Nachdem die Müllabfuhr den gelben Sack abgeholt hat, macht sich die Flasche mit vielen weiteren Kunststoffabfällen auf die Reise. Das Sammeln übernimmt in Graz der Dienstleister „Servus Abfall“. So landet die PET-Flasche dann auch am Gelände der „Saubermacher AG“. „In unserer Behandlungsanlage werden pro Jahr rund 32.000 Tonnen Leichtverpackungsabfälle von Gelbem Sack und Gelber Tonne sortiert, pro Stunde verarbeitet die Anlage über sechs Tonnen“, erklärt Unternehmenssprecherin Bernadette Triebl-Wurzenberger nach dem Besuch bei „Saubermacher“. Das Entsorgungsunternehmen übernimmt dabei Abfälle aus der ganzen Steiermark, Kärnten und auch Wien.
Die große Anlage besteht aus mehreren Stationen. Zunächst öffnet der automatische Sackaufreißer die gelben Säcke und bereitet das Material für die nächsten Schritte vor. Darauf folgt der Folientrenner, der große Plastikfolien aussortiert. Nach einer Unterteilung mittels zweier Siebe trennt ein sogenannter Ballistikseperator den Abfall in zwei- und dreidimensionale Materialien. Nahinfrarot-Sortiermaschinen sondern dreidimensionale Materialien aus, zum Beispiel Ketchup- und Shampooflaschen, oder eben auch die PET-Flasche aus dem hauseigenen Mülleimer.

Die verschiedenen Schritte in Echtzeit zu sehen, ist beeindruckend. Metallstufen führen von einer Plattform zur nächsten, von Station zu Station, von Maschine zu Maschine. Doch nicht alles ist automatisiert. Eine der letzten Stationen ist die händische Sortierung. Laut der Unternehmenssprecherin arbeiten dort derzeit 89 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im 3-Schichtbetrieb. Kurze Pausen und monotone Arbeitsschritte bei teils sehr hohen Temperaturen sind Standard; selbst bei unserem Besuch im November 2022 war es an den Arbeitsplätzen warm und es stank. Obwohl es einen vollautomatischen Roboter gibt, komme man um die händische Sortierung für hohe stoffliche Verwertungsquoten nicht herum. Im letzten Schritt werden automatisch durchsichtige und grüne PET-Flaschen vom Roboter getrennt, dies funktioniert mittels Künstlicher Intelligenz. Abschließend werden die sortenreinen Abfälle in Ballen gepresst und für den Weiterverkauf vorbereitet.

Die Chancen stehen gut, dass sich die PET-Flasche in einem dieser Ballen befindet. Derzeit werden mehr als drei Viertel aller in Österreich verkauften PET-Flaschen fachgerecht entsorgt und einer möglichen Wiederverwertung zugeführt. Die Ballen der „Saubermacher“ landen in einer Recyclinganlage und werden zu „Flakes“ verarbeitet. Aus diesen können wieder neue PET-Flaschen geformt werden. Nach Angaben von „Saubermacher“ werden die Plastikschnipsel hauptsächlich innerhalb Österreichs verkauft.

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PET-Flaschen machen jedoch nur einen kleinen Teil des Leichtstoffabfalls aus, manche Materialien sind schwerer zu recyceln als andere. „Nur sortenreine Kunststoffverpackungen können stofflich verwertet werden“, sagt Bernadette Triebl-Wurzenberger. „Im besten Fall bestehen die Produkte aus Einkomponentenkunststoffen, wie reinem Polystyrol beim Joghurtbecher. Diese in der „Saubermacher“ Anlage sortenrein aufbereiteten Materialien können zu einem neuen Produkt weiterverarbeitet werden, zum Beispiel zu Fleecepullis, PET-Flaschen und Ähnlichem. Viele Verpackungen bestehen jedoch aus Mehrkomponentenkunststoffen.“ Als Beispiel nennt die Expertin Käseverpackungen: Das Plastik-Tray unten ist hart, während oben eine weiche Folie zum Abziehen angebracht ist. In der Fachsprache wird dies als Verbundstoff bezeichnet.

Die PET-Flaschen werden in Ballen zusammengepresst und dann verkauft. Foto Saubermacher

Hier hilft auch das Pfandsystem nur bedingt, denn laut Schätzungen werden durch die Einführung des Pfands insgesamt nur etwa drei Prozent mehr Kunststoffe recycelt werden. Schon jetzt müssen Inverkehrbringer beziehungsweise Hersteller von Plastikverpackungen die Kosten der Sammlung und Verwertung im Vorhinein bezahlen. Dadurch soll sichergestellt werden, dass schon bei der Herstellung dafür gesorgt wird, dass die Verpackung innerhalb von einem der unterschiedlichen Sammel-Systeme entsorgt wird. Auf persönlicher Ebene ist das Zero-Waste-Prinzip ein radikaler Schritt zur Müllvermeidung, der ein klares Zeichen setzt. Dies ist jedoch nur eine individuelle Lösung des Problems. Oft ist es Konsumentinnen und Konsumenten gar nicht mehr möglich, auf Kunststoff zu verzichten. Zumindest nicht bei einem durchschnittlichen Konsumverhalten.

Wenn eine Kunststoffflasche gekauft wird, sollte diese mehrfach befüllbar sein, ein ähnliches System gab es in Österreich bereits in den 1980er Jahren. Durch die Einführung des Gelben Sacks sei dies zurückgedrängt worden. „Der gelbe Sack suggeriert, dass ohnehin recycelt wird und ich mir keine weiteren Gedanken machen muss“, sagt Ulrike Gelbmann. Vor allem andere Kunststoffsorten würden Sorge bereiten und die Lösungen sind unzureichend. Als Beispiel nennt die Abfallexpertin Joghurtbecher, die mit Papier umwickelt sind: „Wird das Papier nicht abgenommen, kann der Becher nicht richtig sortiert werden und landet im Restmüll.“ Wären Becher einfach etwas stärker und direkt bedruckt, würden sie öfters recycelt werden. Außerdem wären sie leichter und so auch der Transport hochgerechnet effizienter. Der Kreislauf einer PET-Flasche funktioniert im Vergleich dazu schon ganz gut, dennoch sollte nicht nur auf Recycling gesetzt werden. Von Müllverbrennungsanlagen zur Wärmegewinnung, über Mehrwegpfand, Ver-meidung und Wiederverwendung, bis hin zum Recycling – auf alle Fälle gibt es noch viel zu tun.


„Nach meinem Bachelorstudium der Zeitgeschichte wollte ich mich wissenschaftlich mit Nachhaltigkeit auseinandersetzen und beschloss das Masterstudium Global Studies – Gesellschaft und Kultur anzuhängen. Gleichzeitig entdeckte ich das Schreiben für mich. Ob kollektives Wohnen, nachhaltiges Reisen oder eben Abfallentsorgung – mich interessieren viele Themen im Spektrum der Nachhaltigkeit. Neben meiner Teilzeitbeschäftigung als Redakteur bei der Veganen Gesellschaft, bereiten mir diese ersten journalistischen Schritte viel Freude!“
Christian Gigler, 28


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