Die Generationen-WG

Eva Falkner und Ute-Karin Höllrigl im Wohnzimmer ihrer WG. Foto Ursula Röck

Wie kann man die Verbindung zwischen Generationen wieder verstärken? Eine Wohngemeinschaft in Wien zeigt es vor.

Von Sarah Kleiner

Opernklänge erfüllen an einem grauen Jännernachmittag eine Wohnung im dritten Wiener Gemeindebezirk. Mit klarer, lauter Stimme schmettert Eva Falkner die erste Strophe von Anton Bruckners Motette „Locus iste“, ihre Hände auf den Tasten des E-Pianos, den Blick am Notenblatt. Ute-Karin Höllrigl sitzt daneben und schließt die Augen. „Mit Eva ist dieses Lied hier eingezogen”, sagt sie, „aber sie singt es mir viel zu selten.“ Bruckner komponierte das Stück vor rund 150 Jahren anlässlich der Einweihung der Votivkapelle in Linz. Ins Deutsche übersetzt lautet die erste Strophe: „Dieser Ort ist von Gott geschaffen, ein unschätzbares Geheimnis; nichts lässt sich daran aussetzen.“ An diesem Tag könnte mit „diesem Ort“ auch die gemeinsame Wohnung der beiden Frauen gemeint sein. Denn so wirklich etwas auszusetzen an ihrem Zusammenleben haben die zwei nicht.
Mehrere Generationen in einem Haus: vor einigen Jahrzehnten noch selbstverständlich, wird das zusehends zur Seltenheit. Immer mehr Menschen in Österreich leben allein. Mehr als jeder dritte Privathaushalt ist heute ein Einpersonenhaushalt, ihre Anzahl hat sich seit Mitte der 1980er Jahre laut Statistik Austria beinahe verdoppelt. Auch das generationenübergreifende Zusammenleben geht damit zurück. Unmerklich und schleichend verändert sich mit unserer Wohnform das gesellschaftliche Miteinander, eine Vereinzelung findet statt, und auch: eine Trennung zwischen Jung und Alt. Aber, sind Generationen-WGs hier ein probates Mittel für ein stärkeres Miteinander?

„Also ich hab‘ ein tiefes Mitgefühl für die Einsamkeit von Menschen im Alter“, sagt Ute-Karin Höllrigl. „Ich persönlich gehöre zu den Glücklichen, die noch begeistert sind, die eine Aufgabe haben. Aber wenn ich diese nicht hätte, wäre mein Leben sehr traurig.“ Die 85-jährige Psychoanalytikerin ist beruflich viel unterwegs, hält Seminare in Graz, Wien, im Waldviertel und im Vorarlberger St.Gerold. Bis Herbst 2022 war ihre Enkelin im Kabinett ihrer Wiener Wohnung einquartiert. „Als sie auszog, sagte sie, es sei schade um das Zimmer und es sollte jemand hier sein, wenn ich auf meinen Seminaren bin.“ Die Lösung fand sich in Person der 28-jährigen Studentin Eva. „Ich bin damals täglich von Oberösterreich nach Wien gependelt und saß fünf Stunden am Tag im Zug“, erinnert sie sich an die Zeit der Wohnungssuche. Dass sie für ihr Studium der Gesangspädagogik zu Hause üben – also auch singen – muss, war für manche WGs ein Problem. „Ute-Karin war die erste, die gesagt hat ‚Na sicher übst du daheim!‘“

Von Single zu Buddy
Kennengelernt haben sich die beiden Frauen durch die WG-Plattform „Wohnbuddy“. Konzipiert nach ähnlichen Projekten in Großbritannien, Deutschland, Frankreich oder auch Belgien, wird Wohnraum dort fast ausschließlich zwischen älteren Menschen und Studierenden vermittelt. Das Angebot konzentriert sich momentan noch auf den Raum Wien. Seit einigen Jahren werden neben privaten Zimmern auch leerstehende Räume in Seniorenheimen angeboten. Ziel ist es, Vorteile für beide Seiten zu schaffen: günstiger Wohnraum für junge, Gesellschaft und bis zu einem gewissen Grad Unterstützung für ältere Menschen. „Jegliche Unterstützung muss aber freiwillig erfolgen, das wird zum Beispiel im Fall der Seniorenwohnheime auch vertraglich festgehalten“, sagt Marlene Welzl. „Wohnbuddy“ will vermeiden, dass über die WG-Vermittlung pflegerische Tätigkeit oder Haushaltshilfe verschleiert wird.
Marlene Welzl ist Teil des dreiköpfigen Gründungsteams der WG-Plattform. „Wir sind damals alle drei von den Bundesländern nach Wien gezogen und in kleinen Studentenheimzimmern gelandet, die verhältnismäßig teuer waren“, sagt sie, „außerdem war es im Studentenheim oft sehr anonym. Dann haben wir gesehen, dass es in Wien viele ältere Menschen gibt, die relativ kostengünstig leben und über freien Wohnraum verfügen, die sich über Gesellschaft freuen würden.“ Nach einigen Jahren der Vorbereitung startete die Initiative im Jahr 2019 offiziell als „Wohnbuddy“.

Besonders bei Studierenden ist der Bedarf nach leistbaren Wohnformen momentan hoch. Eine Befragung vom Institut für empirische Sozialforschung (IFES) zeigte Anfang Februar, dass das Wohnen für diese zu einer immer größeren finanziellen Belastung wird. Die Befragten mussten durchschnittlich 43 Prozent ihres Einkommens für Wohnkosten aufwenden. Nach Informationen des Mikrozensus beträgt der Wohnkostenanteil beim durchschnittlichen Mieter in Österreich vergleichsweise 21 Prozent des monatlichen Budgets. 68 Prozent der rund 1.600 Befragten gaben an, neben dem Studium arbeiten zu müssen.

Psychoanalytikerin Höllrigl an ihrem bevorzugten Arbeitsplatz. Foto Ursula Röck

Altersbilder und ihre Folgen
Neben diesen Effekten haben Mehrgenerationen-Haushalte auch soziologische Auswirkungen. „Einsamkeit ist ein Thema, das sehr oft mit dem Alter verbunden wird“, sagt Christina Ristl von der Abteilung Psychologie des Alterns an der Universität Wien. Sie beschäftigt sich in ihrer Forschung mit Altersbildern und damit, wie sie sich auf unsere Psyche und Gesundheit auswirken. „Wenn wir uns aber die Zahlen ansehen, dann liegt der Anteil der Personen, die angibt, sich manchmal bis häufig einsam zu fühlen, bei den Älteren bei circa zehn Prozent. Das sind nicht mehr als in der Altersgruppe der bis 25-Jährigen.“ Der Großteil älterer Menschen fühle sich also sozial eingebunden und wertgeschätzt von anderen.

Obwohl unsere Gesellschaft demografisch betrachtet immer älter wird, sind Altersbilder in Medien und Gesellschaft oft weiterhin eher negativ konnotiert. Je nach Thema wird Altsein mit Gebrechlichkeit, Fragilität, Hilflosigkeit, Stillstand, körperlichem und geistigem Abbau assoziiert – wie die Realität anhand vieler konträrer Beispiele zeigt zu Unrecht. Negative Altersbilder können sich dabei wie eine selbsterfüllende Prophezeiung auswirken und sogar die Lebensdauer verkürzen. Wer erwartet, auf seine alten Tage kränker oder unbedeutender zu werden, hat eine größere Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich so kommt.

Internationale Vergleiche von Altersbildern legen zudem nahe, dass ein „Kampf“ um Ressourcen zu weniger Empathie und Verständnis zwischen Jung und Alt führen kann. „Je mehr es in einem Wirtschaftssystem um knappe finanzielle Ressourcen geht, desto negativer wird das Alter gesehen“, sagt Ristl. „Wenn Altersbilder nicht so sehr an diesen Ressourcen – also zum Beispiel auch Wohnraum – hängen, dann sind auch diese Konflikte nicht so stark ausgeprägt. Solche Länder zeigen dann etwas positivere Bilder.“ Und wie kann man negativen Altersbildern generell entgegenwirken? „Generationenaustausch“, sagt Ristl. „Nur diese Realität, die wir widergespiegelt bekommen, hilft uns zu erkennen, dass Stereotype nicht stimmen.“

Raumzeiten in Einklang bringen
„Man sagt ja, dass man in zwischenmenschlichen Beziehungen viel aufeinander projiziert, vor allem die eigenen Schattenseiten“, sagt Ute-Karin Höllrigl im bunten und mit Blumen bestückten Wohnzimmer ihrer Mietwohnung sitzend. Der Schlüssel für ein gelungenes Zusammenleben sei für die Psychoanalytikerin, diese Projektionen zu erkennen und ihnen nicht nachzugeben. Und – ebenso wie in allen Beziehungen – Kommunikation. „Wenn es mir nicht gut geht, dann sage ich das und Eva weiß dann, dass sie es nicht persönlich nehmen darf, wenn ich mal ein bissl grantig bin“, sagt sie und lacht. Auch Eva schätzt diesen Austausch. „Eine Sache, die ich auch von Ute-Karin gelernt habe, ist neben dem Essen nicht aufs Handy zu schauen oder Zeitung zu lesen wie mein Vater. Sie hat einmal gesagt: ‚Ich würde dich gerne inspirieren, dich jetzt einfach nur aufs Essen zu fokussieren.‘ Also diese Dankbarkeit, dass wir einen schönen, vollen Teller vor uns haben, lebe ich inzwischen selbst“, sagt Eva.

Der Takt der beiden Frauen stimme also im Wesentlichen überein, nicht immer aber das Tempo. „Die Jugend macht Dinge oft im letzten Moment und ist spontan. Wir bereiten uns ganz gemächlich vor und stellen uns lange vorher auf etwas ein“, sagt Höllrigl. Gefragt nach den Rückmeldungen, die „Wohnbuddy“ von erfolgreichen Vermittlungen erhält, sagt Marlene Welzl: „Bei den Jungen ist es oft die Entschleunigung und zu wissen, wenn ich nach Hause komme, ist jemand da, der mich runterbringt. Auch, dass man über Themen spricht, über die man mit Gleichaltrigen nicht spricht, wird als Bereicherung wahrgenommen.“ Zudem würden Einstellungen zum Alter herausgefordert und erneuert.
Die Unterstützung im Alltag beschränkt sich bei Eva Falkner und Ute-Karin Höllrigl auf klassische WG-Themen. Soll ich dir was vom Einkaufen mitnehmen? Wann kann wer in die Küche? Für Höllrigl ist der Esszimmertisch dort der bevorzugte Arbeitsplatz. Dass Eva manchmal nebenbei Gemüse schnipselt und kocht, ist ihr ganz recht. „Manchmal darf ich dann auch mitessen“, sagt Höllrigl. „Aber nur, wenn Eva keinen Couscous-Salat kocht – den mag ich nicht.“ Aber wenn das das größte Problem in dieser Wohngemeinschaft ist, dann haben die beiden Frauen hier wohl wirklich einen besonderen Ort geschaffen.


Weitere Informationen: wohnbuddy.com


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