Die kühne Idee, den Markt zu ignorieren

Lebensmittelmarkt, Cecosesola. Foto Fabricio Ernesto Martorelli González / Right Livelihood

Wir gratulieren dem venezolanischen Kollektiv Cecosesola zum Alternativen Nobelpreis.

Von Kurt Bereuter

Vielleicht heißt Venezuela so, weil 1499 die europäischen Seefahrer bei der Guajira-Halbinsel ein Dorf auf Pfählen entdeckten, das sie unweigerlich an Venedig (Venezia) erinnerte und dieses südamerikanische Land an der Karibikküste deshalb „Klein-Venedig“ nannten, eben Venezuela.
1967 war Venezuela schon 9 Jahre lang eine Demokratie. Der spätere Erdölboom, der bis 1983 enorme Einnahmen in die Staatskasse zur Folge hatte, hatte noch nicht gestartet und die Versorgung mit Lebensmitteln oder medizinischen Leistungen war, wie heute noch, prekär. Aus dieser Not heraus entstanden schon vorher in benachteiligten Gebieten im ganzen Land Gemeinschaftsorganisationen, um die ärgste Not abzufedern. Daraus sollte 1967 ein Netzwerk entstehen, welches für mehr als 100.000 notleidende Familien lebensnotwendige Waren und Dienstleistungen erschwinglich macht. Was mit der Bereitstellung von Lebensmitteln begann, wurde bald auf medizinische Leistungen und die Gesundheitsvorsorge ausgeweitet und umfasst heute sogar Bestattungsdienste.

Wenn man bedenkt, dass es dieses Netzwerk jetzt schon seit mehr als einem halben Jahrhundert gibt, mag man sich fragen, welche Idee steht hinter dieser Initiative. Es sind dieser wohl gleich zwei, die sich vielleicht nicht bedingen, aber in diesem Fall sehr klar ergänzen. Wer jetzt an klassische Genossenschaften denkt, wie sie auch bei uns Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, liegt falsch. Denn die fungierten als Produzentengenossenschaften oder als Konsumgenossenschaften und agierten zum Nutzen ihrer Mitglieder – also der Produzenten oder der Konsumenten – und waren gewinnorientiert und hierarchisch aufgebaut. Beides sollte bei Cecosesola überwunden werden: Keine Interessenvertretung für eine Gruppe und keine Hierarchien, sondern kollektive Entscheidungen zum Wohle aller zu treffen. Durch die Überwindung von Wettbewerb und Individualismus hin zu einer kollektiven Solidarität mit gegenseitigem Vertrauen.

Die deutsche Böll-Stiftung nannte die eine Idee eine „kühne Strategie“, nämlich lapidar Dinge bedürfnisorientiert herzustellen und verfügbar zu machen und dabei den Markt so weit wie möglich zu ignorieren. Dazu mussten eigene Märkte im Sinne von Räumen geschaffen werden. Auf – oder besser in – diesen Märkten entsteht aber der Preis nicht je nach Angebot und Nachfrage, sondern es gilt ein Einheitskilopreis, zu dem verkauft wird. So entsteht der Preis hier gerade nicht auf dem Markt, sondern wird schon vorher zwischen den Kooperativen gemeinschaftlich ausverhandelt und nach den Erfordernissen der Produzenten ermittelt. Dieser Preis gilt in Folge als Einheitspreis für jedes Kilo, egal welcher geernteten Früchte- oder Gemüseart. Dieser Einheitskilopreis vermochte auch die Marktpreise auf den sogenannten freien Märkten zu drücken und verursachte dadurch einen weiteren erwünschten Effekt: günstigere Preise für Lebensmittel für die ganze Bevölkerung.

Was aber als zweite Idee hinter diesem Konzept entscheidend ist, ist jene der sozialen Transformation, wodurch nicht nur neue Organisationsformen und neue Prozesse entstanden sind, sondern ein neues Miteinander. Durch diese „Gemeinschaftlichkeit“ entstanden „Räume“ für Vertrauen, gegenseitiges Verstehen und Unterstützen, weil die Rollen der Herstellenden, der Vertreibenden und der Nutzenden immer zusammen gedacht werden. Die Bedürfnisse aller Beteiligten stehen gleichermaßen im Mittelpunkt und werden nicht gegeneinander ausgespielt, wie die Böll-Stiftung erklärt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Cecosesola, die formal als Zwischenhändler agieren, erkunden zuerst bei den Produzentinnen und Produzenten, was sie brauchen, um später ernten zu können, zuzüglich dem, was die Produzierenden zum Leben brauchen. Und dieser Prozess wiederholt sich in jeder der produzierenden Kollektive, die in Folge die unterschiedlichen Waren herstellen. Anschließend folgt der radikale nächste Schritt: Es werden alle entstehenden Kosten aller Kooperationen durch die produzierten Kilos quer durch die Produktpalette dividiert und gemeinsam vor aller Augen der Einheitspreis für ein Kilo errechnet. Dieser Preis unterbietet jenen der kommerziellen Märkte deutlich und drückt sie auch dort nach unten, zum Nutzen der Konsumenten.

Mit dieser Vorgehensweise sei der Maßstab für den Preis jener, was der Produzent für die Produktion und sein Überleben brauche, ohne Gewinne lukrieren zu wollen, weil sie sich als Gemeinschaft von Produzenten und Konsumenten verstehen und dieses Denken in ihren Gemeinschaften verinnerlicht haben. Die transparente und kooperative Form der Preisgestaltung stärke nicht nur das Zusammengehörigkeitsgefühl von Konsumenten und Produzenten, sondern es entfalle auch viel Bürokratie, es gebe keine Zwischenhändler und saisonale Absatzschwankungen beeindrucken das Gefüge nicht. Versteckte Kosten gebe es genauso wenig wie Kosten für Marketing und Werbung. Selbst die nicht wenigen politischen und ökonomischen Krisen hat Cecosesola im letzten Jahrhundert gemeistert – inklusive teils dramatischer Inflation – was dann doch verblüfft. Möglich sei dies durch gegenseitiges Vertrauen und die Fähigkeit, rasch zu reagieren und sich anzupassen. Durch diese Kultur des „Commoning“ sei auch in größerem Maßstab ein Leben und Auskommen in Würde, „jenseits von Markt und Staat“ möglich, was zu beweisen war und ist.

Dass dieses Prinzip auch auf andere gesellschaftliche Bereiche angewandt werden kann, zeigte Cecosesola mit dem Bau eines kooperativen Krankenhauses auf, das mit seinem Netzwerk über 250.000 Menschen betreut und jährlich bis zu 1.700 Operationen durchführt, deren Preise um die Hälfte günstiger sind als in privaten Krankenhäusern.

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Was die Right-Livelihood-Stiftung neben dem praktischen Nutzen dieses Kollektivs beeindruckte, war der alternative ökonomische Weg, der für die Entwicklung einer gerechten und leistungsfähigen Gemeinschaftsökonomie eine Alternative zum profitorientierten Wirtschaftsmodell darstelle und in vielen Ländern kollektiven Bewegungen eine wertvolle Inspirationsquelle sei. Eben ein Leuchtturmprojekt für die ganze Welt zur „Etablierung eines gerechten und kooperativen Wirtschaftsmodells als robuste Alternative zu profitorientierten Volkswirtschaften“.


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