Die Grenzgängerin

Jalila Essaïdi hat schussfeste Haut gezüchtet und verwandelt Kuhmist in Kleidung: Die besten Ideen werden immer da geboren, wo sich die Disziplinen überlappen, sagt die forschende Künstlerin und nachhaltige Unternehmerin.
Von Franziska Dzugan

Alles begann mit Spinnenseide in Ziegenmilch. Jalila Essaïdi hatte über das futuristische Experiment eines Biologen gelesen, der an der Universität Utah genveränderte Ziegen schuf. Sie gaben mit Proteinen von Spinnenseide versetzte Milch. Der Grund: Die Paarhufer sind leichter zu halten als Spinnen, die sich als Kannibalen in Gefangenschaft oft gegenseitig auffressen. Der Forscher wollte aus der gewonnenen Seide schusssichere Westen machen. Als Essaïdi das las, fragte sie sich: „Warum nicht gleich eine kugelsichere Haut?“

Die Niederländerin versteht sich als „Bio-Artist“, indem sie Kunst und Biologie verbindet. In diesem Sinne schilderte sie dem Forscher ihren Einfall. Er war begeistert und Essaïdi legte los: Sie extrahierte menschliche Hautzellen aus den Resten von Schönheitsoperationen und züchtete, versetzt mit den Spinnenproteinen, eine reißfeste Haut. In einem forensischen Institut trat Essaïdi schließlich den Beweis an: Würde das lebende Material dem Schuss aus einer 22 Kaliber Langwaffe standhalten? Die Künstlerin feuerte selbst – und die Haut hielt. Langsame Kugeln wohlgemerkt, schnellere Kaliber konnte sie nicht stoppen.

Die schussfeste Spinnenhaut machte Jalila Essaïdi imit einem Schlag berühmt; BBC, CNN, Reuters und Discovery Channel baten sie zum Interview. Ihre Werke hingen seitdem im New Orleans Museum of Art, im Victoria and Albert Museum in London und in der Moskauer Tretjakow-Galerie. Als reines Kunstprojekt wollte sie die Haut aber nie verstanden wissen, so Essaïdi im Gespräch mit ORIGINAL: „Die Forschung geht weiter, es soll ein besseres Gewebe für Brandopfer entstehen.“

Die Haut führte die Künstlerin direkt zum nächsten spektakulären Plan. Denn sie wäre fast an dem Versuch, die genveränderten Ziegen in die Niederlande zu importieren, gescheitert. „Die Behörden machten mich auf das Gülleproblem bei der Tierhaltung aufmerksam. Sie forderten mich heraus, eine Lösung zu suchen“, sagt Essaïdi. Der Mist von Kühen, Schweinen, Schafen und Hühnern ist tatsächlich eine große, häufig unterschätzte Gefahr für die Umwelt. Er landet jährlich im Übermaß auf Europas Äckern und verseucht in der Folge Böden, Grundwasser und Flüsse.

Schals in zarten Farben, luftige Kleider, bunte Tops: Dass diese Stücke aus Dung entstanden sind, ist kaum zu glauben. „Stinkt das?“, wird Essaïdi häufig gefragt. „Natürlich nicht“, ist stets ihre Antwort. Mit Bauern aus ihrer Region entwickelte die Künstlerin die Faser namens „Mestic“, was von „Mest“ stammt, dem holländischen Wort für Mist. Er ist in großen Mengen vorhanden und muss nicht, wie Baumwolle, aufwändig produziert werden. Für „Mestic“ werden auch keine Bäume gefällt wie zum Beispiel für Viskose: „Im Gegensatz zum konventionellen Prozess brauchen wir weniger Energie und Druck, denn der Kuhmagen hat die Faser schon weich gemacht“, sagt Essaïdi. Ihr langfristiges Ziel ist, die Textilproduktion zurück nach Europa zu bringen.

Kleid aus Kuhmist. Mestic fashionshow. Foto Ruud Balk

In ihrem Biotech-Unternehmen „Inspidere“ in Eidhoven entsteht aus dem getrockneten und sterilisierten Kot Zellulose, daraus wiederum Stoffe und schließlich Kleider. Das beeindruckte den Moderiesen H&M, der die Biokünstlerin mit dem Global Change Award ehrte, ebenso wie die Europäische Kommission, die sie mit dem EU-Innovationspreis für Frauen auszeichnete. Doch der Mist kann noch mehr: Er kann zu Papier verarbeitet werden, oder zu Bioplastik für umweltfreundliche Verpackungen.

Geboren 1980 in den Niederlanden, studierte Essaïdi Kunst in Tilburg und Leiden. In eine Schublade pressen lassen wollte sie sich deswegen aber nie: „Ich glaube nicht daran, entweder Künstlerin oder Forscherin zu sein. Ich bin interdisziplinär“, sagt sie. Die großen Ideen würden immer da geboren, wo sich Disziplinen überschneiden und befruchten.

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Am 23. April stellte sie in ihrer Heimatstadt Eidhoven ihr aktuellstes Projekt vor: Den „Azolla-Burger“. Der Algenfarn namens Azolla Filiculoides wächst ohne viel Aufwand in Wasserschalen heran und ist reich an Proteinen. In Feinschmeckerkreisen gilt er bereits als das neue Soja. „Wir machen den leckersten Burger von Eidhoven“, ist Essaïdi überzeugt. Aber auch Azolla kann noch mehr: Der Algenfarn bildet eine Symbiose mit Cyanobakterien, die Stickstoff aus der Luft filtern und die Pflanze damit automatisch düngen. In Essaïdis Labor wächst die Pflanzen-Bakterien-Combo nun auch im Regenwasser aus den Dachrinnen heran. Die Künstlerin will herausfinden, wie gut sie es klären. „Wir befinden uns hier zwischen einer Autobahn und dem Flughafen, die Verunreinigung ist erheblich.“

Die Visionen gehen Jalila Essaïdi niemals aus. 2011 gründete sie die „BioArt Laboratories“, wohin sie junge Talente aus Biotechnologie, Kunst und Design, aber auch normale Bürger zum Forschen einlädt. Finanziert wird die Stiftung von der Regierung in Den Haag – was zeigt, wie begabt Essaïdi als Netzwerkerin ist. Dazu passt das Bild, das sie auf ihrer Website von sich zeichnet: Sie sei wie eine „Spinne in ihrem Netz, die jede Bewegung registriert“.

Jungen Unternehmern gibt Essaïdi folgenden Rat: „Traut euch, eure Vorbilder um Hilfe zu bitten, die meisten helfen gerne.“ Sie selbst hatte den Mut, die frühere EU-Kommissarin Neelie Kroes anzusprechen – und Kroes wurde ihre Mentorin. Für junge Talente wittert Essaïdi Chancen ohne Ende: „Die Wirtschaft befindet sich im Umbruch. Es geht heute um mehr als nur um Geld. Der ökologische Fußabdruck und soziales Engagement sind mindestens genauso wichtig.“


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