Dinge des Lebens

Mit der App durchs Siegel-dickicht

Einkaufen zwischen Parabenen und Mikroplastik, Gütesiegeln und CO2-Fußabdruck: Apps liefern Infos auf Klick und Knopfdruck.
Von Babette Karner

Wer möglichst nachhaltig und umweltschonend konsumieren will, sollte schon beim Einkauf wissen, was Produkte enthalten, was Umweltsiegel bedeuten, wie es mit dem CO2-Abruck aussieht: Abhilfe schaffen Apps mit Scan-Funktion, die über umfangreiche Datenbanken verfügen und helfen, sich im Dickicht von Zertifikaten und Chemikalien zurechtzufinden.

Saubere Kosmetika: „ToxFox“ und
„Beat the Microbead“

Fast ein Drittel der Kosmetik- und Körperpflegeprodukte enthält hormonell wirksame Chemikalien, die die Gesundheit schädigen können. Bei sogenannten „endokrinen Disruptoren“ handelt es sich um Stoffe, die aufgrund ihrer zufälligen Ähnlichkeit mit körpereigenen Hormonen zentrale Steuerungsprozesse in Organismen beeinflussen können. Sie durchdringen Haut und Schleimhäute und sind heute im Körper der meisten Menschen nachweisbar und erhöhen unter anderem das Krebsrisiko. Allerdings ist es für Nicht-Chemiker nicht gerade leicht, nur anhand der kleingedruckten Listen an Inhaltsstoffen, die auf Verpackungen abgebildet ist, herauszufinden, welche Substanzen schädlich sind und welche nicht. Abhilfe schafft die App „ToxFox“ des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V.: Man scannt den Strichcode eines Produkts und erfährt sofort, ob in einem Kosmetikprodukt hormonell wirksame Chemikalien enthalten sind und um welche es sich konkret handelt. Auf Wunsch kann man per „ToxFox“ sogar mit zwei Klicks eine Nachricht an den Hersteller senden und ihn auffordern, auf schädliche Stoffe in Zukunft zu verzichten.
bund.net/themen/chemie/toxfox/

Neben krebserregenden Parabenen verwenden viele Hersteller in Kosmetikartikeln wie Duschgel, Shampoo, Seife, Creme, Peeling und Lotion noch immer Mikroplastik – Kunststoffpartikel mit einer Größe von weniger als fünf Millimetern. Die Folge? Beinahe überall in der Umwelt ist Mikroplastik nachweisbar. Betroffen sind vor allem die Meere und Bewohner: In Muscheln und Austern, in Robben und Walen, im Kot von Seemöwen und Seehunden finden sich heute winzige Plastikteile. Die Gefahr, die von den Mikroplastik-Partikeln ausgeht, ist seit langem bekannt. Zu einem Verbot konnte sich die EU aber bisher nicht durchringen.
„Beat the Microbead“ ist eine 2012 von der Plastic Soup Foundation ins Leben gerufene Kampagne. Scannt man mit der App gleichen Namens den Strichcode oder die Liste der Inhaltsstoffe eines Kosmetikprodukts, erhält man in Sekundenschnelle Hinweise auf Mikroplastik-Bestandteile. Die App ist zwar nur auf Englisch erhältlich, ist aber sehr leicht verständlich und verfügt über eine umfangreiche Produktdatenbank, die auch Produkte aus Deutschland, Österreich und derSchweiz umfasst.
beatthemicrobead.org

Wegweiser im Siegeldickicht: „Siegelklarheit“ und „Nabu-Siegelcheck“
Wer bereits versucht, nachhaltig und umweltschonend einzukaufen, ist schon einen Schritt weiter als „klassische Konsumierende“ und kann als Orientierungshilfe auf zahlreiche Umweltschutz-Zertifikate zurückgreifen. Ob ökologisch oder ohne Kinderarbeit produziert, ob Fair Trade oder frei von Tierversuchen: Siegel gibt es heute für beinahe jeden Themenbereich. Den Überblick über die Siegellandschaft zu behalten, ist jedoch nicht immer einfach. Gleichzeitig ist nicht jeder Stempel auch ein garantierter Nachweis für ein vorbildliches Produkt.
Die App „Siegelklarheit“, die im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) entwickelt wurde, ist so schlicht wie praktisch: Startet man die App, öffnet sich ein Menü, über das man wählen kann, ob man ein spezifisches Siegel sucht oder eines scannen möchte. Hat man ein Siegel gefunden, zeigen einem der Gesichtsausdruck und die Farbe eines Smileys nicht nur sofort, ob das jeweilige Siegel vertrauenswürdig ist: Es wird auch ausführlich beschrieben. Auf einen Klick werden auch weitere, ähnliche Siegel angezeigt.
siegelklarheit.de

Ganz ähnlich funktioniert der „NABU-Siegel-Check“ der Organisation Naturschutzbund Deutschland e. V. Auch diese App zeigt auf einen Blick, ob Lebensmittel ökologisch empfehlenswert sind oder eher nicht. Verbraucherinnen und Verbraucher können Logos, Siegel und Label auf den Verpackungen abfotografieren und erhalten sofort Informationen darüber, um welche Kennzeichnungen es sich handelt. Zudem erfährt man, welche Lebensmittel gut für Umwelt, Klima und Natur sind.
siegelcheck.nabu.de

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CO2-Fußabdruck-App in den Startlöchern: „inoqo“
Ein weiteres viel diskutiertes, aber auch sehr komplexes Thema ist der CO2-Fußabdruck von Produkten: Diesen verlässlich zu verfolgen war bisher nicht ganz einfach. Hier setzt das 2020 in Wien gegründete ClimateTech-Start-up „inoqo“ an. Noch steckt die App in den Startlöchern: Momentan ist man in der Beta-Testphase, im Herbst 2021 soll die „inoqo“-App allgemein erhältlich sein. Dann sollen Userinnen und User damit ihren Supermarkt-Kassenzettel scannen können und so eine Analyse zu den von den einzelnen Produkten verursachten CO2-Emissionen sowie zu Transportwegen und zur Biodiversität erhalten. Basis von „inoqo“ ist eine eigene Produktdatenbank, zusätzlich können auch Händler Daten und Informationen zu ihren Produkten liefern. „Unser Lebensmittel-Konsum verursacht bis zu 30 Prozent unseres CO2-Fußabdrucks, 70 Prozent des Artensterbens und 80 Prozent der globalen Entwaldung. Mit unseren Kaufentscheidungen stimmen wir jeden Tag darüber ab, in welcher Welt wir künftig leben werden. Mit „inoqo“ möchten wir Millionen von Menschen dabei unterstützen, Kaufentscheidungen zu treffen, die im Einklang mit ihren Werten stehen”, so „inoqo“-Gründer und CEO Markus Linder im Interview mit der „Wirtschaftszeit“.
inoqo.com 


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