Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!
Es ist der größte Genuss und manchmal ein notwendiges Übel. Es ist der wichtigste Kitt der Gesellschaft und markiert doch kulturelle Grenzen und Abgrenzungen. In Österreich und vielerorts auf der Welt ist es auf jeden Fall eines der beliebtesten Gesprächsthemen: Das Essen.
Der vielseitige Alpenraum und eine starke, industrielle Lebensmittelerzeugung haben uns in Österreich die vergangenen Jahrzehnte üppige Mittagstische und eine bunte Kulinarik beschert, mit Fisch und viel Fleisch, mit Käs‘ und Obers, Obst und Gmias, mit viel Weizen und einer Süßspeisenvielfalt, um die uns andere Nationen nur beneiden können.
Was aber geschieht aktuell? Wie verändert sich das Essen auf unseren Tellern, wenn wir versuchen, das Ernährungssystem nachhaltig zu gestalten? Wie kann Konsumentinnen und Konsumenten das überhaupt gelingen? Und welche Möglichkeiten haben wir, auf die unausweichlichen Veränderungen der Klimakrise zu reagieren, und doch weiterhin Vielfalt und Ernährungssicherheit zu genießen? Wir haben uns wieder auf die Suche nach Antworten gemacht und sind auf Labor-Fleisch, auf Proteine aus CO2, Patente auf Pflanzen und vieles mehr gestoßen.
Georges Desrues hat sich zum Beispiel mit den Prinzipien der Slow Food Bewegung beschäftigt und erkannt: Regionale Spezialitäten sind heute die wahren Besonderheiten. Die neue Exotik im Kulinarischen zeichnet sich durch das Wiederentdecken vergessener Obst- oder Pflanzensorten und Wertschätzung für Esstraditionen und lokale Charakteristika aus.
Franziska Dzugan hat sich mit der Ernährungsexpertin Hanni Rützler und dem Designer Harald Gründl unterhalten. Die beiden eint, dass sie nach vorne blicken: Rützler setzt sich in ihrem jährlich erscheinenden „Food Report“ mit Ernährungstrends auseinander, Gründl mit visionären Küchenlösungen, wie Bio-Gasanlagen oder kreislauffähige Kühlschränke. Wie unsere Küchen in Zukunft aussehen werden und was darin zu finden sein könnte, lesen Sie im Doppelinterview. Und von den erwähnten Hightech-Lebensmitteln, die der klassischen Landwirtschaft Konkurrenz machen, lesen Sie in Nina Kaltenbrunners Recherche ab Seite 16.
Essen ist viel mehr als reine Nahrungsaufnahme, nicht umsonst reden wir im Deutschen von Lebensmitteln. Beim Essen tauschen wir Geschichten aus, wir verbinden es mit Erinnerungen, speichern Sinneseindrücke wie Gerüche manchmal unser Leben lang. Wir teilen etwas Wertvolles miteinander. Darüber zu reden, was am Teller gerade vor uns liegt, wo es herkommt und wie es hergestellt wurde, ist aber heute mindestens genauso wichtig, wie es in vollen Zügen zu genießen.

Für die geistige Nahrung soll Ihnen das vorliegende Heft dienen.

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Evi Ruescher, Herausgeberin

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