Ein Kaleidoskop für Cineasten

Von Tina Schneider-Rading

Wes Anderson ist die stilbildende, aus der Zeit gefallene Lichtgestalt unter den Filmemachern. Kollegen, Kritiker und Zuschauer feiern seine durchkomponierten Szenen. Vor Kurzem ist sein neues Werk erschienen: „The French Dispatch“ ist ein Panoptikum der Schaulust, nicht nur für Filmfreunde. Set Designerin Hélène Dubreuil gewährt uns einen Blick hinter die Kulissen.

Dieser Teppich. Er hätte Hélène Dubreuil fast in den Wahnsinn getrieben. Sie war eine der Szenenbildnerinnen von Wes Andersons aktuellem Film „The French Dispatch“ und erinnert sich noch genau: Anderson wollte mit dem Teppich in einer Szene auf einen seiner früheren Filme anspielen. Dann entschied er sich am Tag vor den Dreharbeiten für einen Farbwechsel. Also musste die Ausstattung einen neuen Teppich finden, innerhalb von ein paar Stunden. „Ein Wahnsinn“, sagt Dubreuil. Diese Anekdote ist nur ein Beispiel für die Präzision Wes Andersons auf allen filmischen Ebenen. Und sie ist Teil des Geheimnisses, warum man sich dem Sog seines Werks nicht entziehen kann. In „The French Dispatch“ zeigt der Regisseur anhand mehrerer Episoden das journalistische Portfolio eines Magazins in den 1970er Jahren mit Sitz in Frankreich. Der Film ist eine Hommage an „The New Yorker“, an die großen Autoren und ans Geschichtenerzählen. Hollywoodstars von Owen Wilson bis Tilda Swinton geben sich in den Szenen die Klinke in die Hand.

Set Designerin
Hélène Dubreuil


Und Wes Anderson macht fürs Publikum Platz auf seinem fahrenden Regiestuhl, 108 atemlose Minuten lang. Gedreht wurde in der südwestfranzösischen Stadt Angoulême. Es gibt jede Menge Zeitsprünge, Perspektivenwechsel, schwindelerregende Tableaus. Und ein Set Design, in dem in jedem Bild – ob in Schwarzweiß oder in Farbe – einfach alles stimmt: von der Schreibmaschine über den Teppich bis zur Zigarettenschachtel. Kenner beurteilen die Qualität eines Films auch danach, wie sehr sie in seine Welt eintauchen können. Wes Anderson und sein Set Designer Adam Stockhausen spendieren uns einen Besuch auf einem irrwitzigen, abenteuerlichen Jahrmarkt der Bühnenbilder. Und zwar mit allem, was dazu gehört: Spiegelkabinett, Karussell, Achterbahnfahrten, zuckersüße Aussichten, schräge Liebe und unzählige, flüchtige Begegnungen.


Hélène Dubreuil war sich bewusst, für Anderson Universen rekonstruieren zu müssen, mit absurdem Aufwand: „Es gibt ein Foto, da haben wir einen halben Schlachthof aufgebaut“, sagt die Französin. „Das ganze Team wurde davor fotografiert, das ist mein liebstes Erinnerungsstück.“ Die Episodensammlung im Film ist ein immenser Strauß an Details. Es werden drei, eigentlich vier Geschichten erzählt – jede spannt ihre eigene Welt auf, bis in den letzten Quadratmillimeter. Stockhausen sagte in einem Interview, bei 125 Bühnenbildern habe er aufgehört, zu zählen. „Die größte Herausforderung war für mich die Szene mit einem Antiquitätenhändler“, sagt Dubreuil. „Ich liebe Antiquitäten und bin so darin eingetaucht, dass ich mich am Schluss selbst in den Details verloren habe.“

Werbung


Und vielleicht ist es ein weiteres Erfolgsgeheimnis von „The French Dispatch“, dass jeder im Redaktionsteam leidenschaftlich gern Geschichten erzählt. In einer Szene etwa hält der Redakteur in einer Heftkonferenz seinen Spiralblock ins Bild. Nur für einen Sekundenbruchteil, dennoch brennt sich ins Auge, was man da sieht: eine mit Schreibmaschine beschriftete blaue Karteikarte, die aufs weiße Papier geklebt ist. Die Wörter teils von Hand durchgestrichen, mit roter Tinte korrigiert. Puzzlestücke aus dem wahren Leben, Details bis in die Tiefe.
Man möchte diese Szenenbilder einfrieren, sie drucken lassen und sich die Wände damit tapezieren. Oder, noch besser, sich einen Tag im sonnengelben Büro des Chefredakteurs Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray) aufhalten dürfen. Die Registraturschränke öffnen und darin tatsächlich prall gefüllte Manuskriptmappen finden. Am besten, man geht noch einmal in diesen Film. Und noch einmal. Und immer wieder.


Zum Film erschien im Februar ein Bildband mit Set-Fotos und Hintergrundgeschichten von Matt Zoller Seitz: „The Wes Anderson Collection: The French Dispatch“, 256 Seiten, Englisch, Abrams & Cronicle Books.



Teilen auf:
Facebook Twitter