Ein Tag im Leben

Von Verena Rossbacher

Maria Leitner
Hotel Amerika
Roman
255 S., Reclam
ISBN-978-3-15-011476-6

Für diese Buchempfehlung befand ich mich in einer gewissen Bredouille. Besprechen oder nicht besprechen?

Argumente dagegen gibt es, ich sag‘s frei heraus, viele.

Die Handlung: Schlapp. Die Charaktere: Total platt. Literarizität: Kaum. So ziemlich alles, was ich an einer gelungenen Geschichte schätze, glänzt hier durch Abwesenheit oder wir kriegen gleich viel zu viel davon (ideologisches Geschwätz, beispielsweise).

Das ist natürlich, wenn man gerne aus dieser Kolumne hinaus in die Welt und hinein in die Buchhandlung geht, um kurz darauf ein schönes Buch in Händen zu halten, unerfreulich.
Die gute Nachricht ist aber meine Bredouille. Dass ich nun hier sitze und über dieses Buch spreche, kann nur eines heißen: Es gibt vieles, was ich an diesem Buch kritisiere, aber unterm Strich mehr, was ich lesenswert und auch empfehlenswert finde. Man kann also getrost in die Welt hinaus und in die Buchhandlung gehen und „Hotel Amerika“ erwerben. Man wird die Lektüre nicht bereuen.

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Verzichten wir also für einmal auf Protagonisten, mit denen man gerne gut Freund wäre und einen Plot, der den Namen verdient, auf grandiose Sätze, die wir ob ihrer Schönheit auswendig lernen, um sie da und dorten zu zitieren, und schauen wir, was sonst noch da ist.

Maria Leitner, geboren 1892, wuchs in einer deutschsprachigen jüdischen Familie in Budapest auf, arbeitete später als Journalistin unter anderem in Wien und Berlin und galt als Pionierin der investigativen Sozialreportage. Undercover arbeitete sie in Fabriken, als Verkäuferin, Kellnerin, Putzfrau und als „Scheuerfrau Nummer 952“ in New Yorker Hotels, um aus erster Hand über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der ärmsten Bevölkerungsschichten berichten zu können. Diese Erfahrungen sind auch die Grundlage für „Hotel Amerika“, das erstmals 1930 erschien und ein großer Erfolg war, bis es 1933 von den Nationalsozialisten auf die Liste der verbotenen Bücher gesetzt wurde. Maria Leitner starb 1942 verarmt und geistig zerrüttet im Exil in Frankreich. Der Reclam Verlag hat nun im Rahmen seiner Klassikerreihe das Buch neu herausgegeben, versehen mit einem sehr lesenswerten Nachwort von Katharina Prager.

Es geht, kurz gesagt, um einen Tag in einem luxuriösen Hotel, hauptsächlich geschildert durch die Augen einer irischen Wäscherin, eines schwedischen Zimmermädchens und eines deutschen Küchenjungen, allesamt Einwanderer aus dem alten Europa. Am Abend findet eine glamouröse Hochzeit statt zwischen der Tochter eines einflussreichen Medienmoguls und ihrem upperclassigen Verlobten, die ein Erpresser zu torpedieren versucht. Die Handlung ist, wie schon erwähnt, nicht wirklich überzeugend. Was einen jedoch vollkommen in den Bann zieht, sind die Schilderungen der drastischen Zustände im Hintergrund dieses Hotelbetriebs, oder, wie es im Klappentext heißt: „Die Kehrseite des amerikanischen Traums“, und diese Beschreibungen lassen einen lange nicht mehr los. Es ist ein Blick wie in eine Vorhölle, einen Abgrund, und dieser Abgrund spielt sich direkt neben uns ab, zumeist ohne, dass wir uns dessen bewusst sind – und das mag sich von damals zu heute graduell geändert haben, ist aber so aktuell wie eh und je.

Streng hierarchisch geordnet ist es ein System der Ausbeutung, der Erniedrigung und Angstmacherei. Der Luxus der wenigen Gäste steht in einem krassen Verhältnis zu der vollkommen zukunftslosen Armut derer, die dafür sorgen, dass dieser Luxus reibunsglos funktioniert. Schon lange habe ich kein Buch mehr gelesen, in dem die schreiende Ungerechtigkeit zwischen arm und reich so präzise und hart benannt wurde. „Hotel Amerika“ ist ein Zeitdokument, das zu lesen sich unbedingt lohnt. Noch während der Lektüre wird man milde für all das, was dieses Buch nicht ist – ein gelungener Roman zum Beispiel –, es wäre die Reportage vermutlich das passendere Format gewesen. Aber was soll‘s. Maria Leitner wurde mit Günter Wallraff verglichen, einem investigativen Journalisten, der durch seine verdeckten Recherchen in deutschen Fabriken bekannt wurde, „ein weiblicher Günter Wallraff der Weimarer Republik“, so wurde sie genannt, und das ist, fast hundert Jahre nach dem ersten Erscheinen von „Hotel Amerika“, Grund genug, ihr die Ehre zukommen zu lassen, die ihr gebührt. 


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