Ein Wohnzimmer für jedermann

Liegebänke aus der Bloc-Serie verleihen der Uferpromenade von Oakland ein modernes Gesicht.
Foto Vestre

Das norwegische Unternehmen „Vestre“ stellt stilvolles Stadtmobiliar für begrünte soziale Treffpunkte her und setzt bei der Produktion konsequent auf Nachhaltigkeit.
Von Jutta Nachtwey

Naturverbundener kann man kaum sitzen: Die Bank „Log“ des norwegischen Unternehmens „Vestre“, Spezialist für Stadtmobiliar, ist zum Andocken an einen abgestorbenen liegenden Baumstamm oder einen verrottenden Stapel von Ästen konzipiert. Von der Sitzfläche aus kann man den langsamen Zersetzungsprozess des toten Holzes verfolgen, das Lebensraum für Pilze, Flechten, Pflanzen und Insekten bietet. „Vestre“ will mit dieser Bank erfahrbar machen, dass alte Bäume für den Erhalt der biologischen Vielfalt von großer Bedeutung sind.

Den Menschen die Natur wieder näher zu bringen, ist ein zentrales Anliegen des Unternehmens. Neben Tischen, Stühlen, Bänken, Picknickplätzen und Lounge-Möbeln bietet „Vestre“ diverse Pflanztröge – formal abgestimmt auf die jeweilige Möbelserie. So lassen sich innerhalb des Stadtraums flexibel konfigurierbare begrünte Miniatur-Oasen mit unterschiedlichsten Sitzgelegenheiten schaffen.

Wer beim Stichwort Stadtmobiliar noch an unbequeme Bänke zwischen taubenbekackten Müllkörben und trist bepflanzten Waschbetonklötzen denken muss, kann diese Assoziationen also getrost mal ein bisschen updaten. Das Produktdesign von „Vestre“ verbindet Funktionalität und Stil, wobei das breite Farbspektrum je nach Kontext unterschiedliche gestalterische Akzentuierungen ermöglicht. Die Möblierung verleiht dem öffentlichen Raum das Ambiente eines Outdoor-Wohnzimmers, das alle willkommen heißt. Tatsächlich ist dies ein weiteres Ziel von „Vestre“: Orte zu schaffen, an denen Menschen zusammenkommen. Hierbei nimmt das Unternehmen auch auf das skandinavische Jedermannsrecht Bezug, das allen Menschen den freien Zugang zur Natur gewährt, und überträgt das Konzept auf den urbanen Raum. Per Stadtmobiliar gestaltet „Vestre“ soziale Treffpunkte, die allen die Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen sollen. Laut Firmenphilosophie wirken solche demokratischen und konsumfreien Treffpunkte Feindseligkeiten, Konflikten und der Polarisierung der Gesellschaft entgegen. Dank des ökologischen Wandels der Städte, der für mehr verkehrsberuhigte Zonen sorgt, werden mehr Flächen für eine solche Nutzung frei – was die Lebensqualität für alle steigert.

Das Unternehmen hat bereits in über 30 Ländern Mobiliar für lokale Projekte geliefert, zum Beispiel für den Time Square in New York, für die Uferpromenade von Oakland, für Schulen in San Bernardino oder für das Munchmuseum in Oslo – bei letzterem wurde auch der Innenraum mit Bänken, Tischen und Stühlen ausgestattet.

„Vestre“ blickt bereits auf eine lange Geschichte zurück. Johannes „Vestre“ gründete 1947 auf dem Gelände einer ehemaligen deutschen Kaserne in Haugesund an der norwegischen Westküste die Firma „Johs. „Vestre“ Mekaniske Verksted“. Sie stellte zunächst Spielgeräte für den öffentlichen Raum her und weitete das Produktspektrum seitdem stetig aus. Aus dieser Keimzelle entstand das heutige Unternehmen, das nach wie vor in Familienbesitz ist. Den Erfolg verdankt es auch den vielen involvierten Designerinnen und Designern, darunter Michael Olofsson, der zum Beispiel die Serie „April go“ entwickelte, oder Atle Tveit und Lars Tornøe, die gemeinsam die „Bloc“-Reihe gestalteten.

Die Metallteile des Mobiliars werden aus Stahl und Aluminium hergestellt, wobei „Vestre“ den CO2-Ausstoß möglichst gering hält: Beim Stahl liegt dieser laut Firmenangaben bei 20 Prozent unter dem Weltdurchschnitt, beim Aluminium sind die Treibhausgasemissionen bis zu achtmal niedriger. Bis 2030 will „Vestre“ 100 Prozent fossilfrei hergestellten Stahl verwenden. Eine Kombination aus Feuerverzinkung, Zinkgrundierung und Pulverbeschichtung sorgt dafür, dass der Stahl nicht rostet. Selbst in Küstennähe mit hohem Salzgehalt in der Luft gibt „Vestre“ als Lebensdauer mehr als 80 Jahre an.

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Für die Holzflächen der Outdoor-Möbel verwendet das Unternehmen skandinavische Kiefer aus FSC-zertifizierter Forstwirtschaft, da es härter als Holz aus wärmeren Klimazonen ist. Auf die Pulverbeschichtung und das Holz gibt das Unternehmen 15 Jahre Garantie. Abgenutzte Möbel können an die Fabrik zurückgeschickt, dort grundüberholt und zu neuem Leben erweckt werden – Ersatzteile gibt es zeitlich unbegrenzt.

„Vestre“ produziert an zwei Standorten. Das Stahlverarbeitungswerk liegt im schwedischen Torsby, eine halbe Fahrstunde von der norwegischen Grenze entfernt. Dank Solarmodulen auf dem Dach kann sich das Werk an sonnigen Tagen autark mit Strom versorgen. Vor zwei Jahren eröffnete „Vestre“ zudem im norwegischen Magnor die Möbelfabrik „The Plus“, für die das Architekturbüro „BIG Bjarke Ingels Group“ ein Gebäude mit kreuzförmigem Grundriss entwickelte. In den vier Werksflügeln sind die verschiedenen Schritte der Produktion untergebracht: Color Factory, Wood Factory, Endmontage und Lager. Im Zentrum des Pluszeichens entstand zwecks Transparenz ein Erlebniszentrum für Besucherinnen und Besucher. Das begrünte Dach trägt 888 Solarmodule und ist rund um die Uhr öffentlich zugänglich.

Die Nachhaltigkeit des Gebäudes wurde durch die „Building Research Establishment Environmental Assessment Methodology“ (BREEAM) mit „Oustanding“ bewertet – der höchstmöglichen Auszeichnung. Das Gebäude erzeugt zum Beispiel 55 Prozent
weniger Treibhausgasemissionen als vergleichbare konventionelle Werke, und der Energieverbrauch des Gebäudes liegt um 60 Prozent niedriger. Die Verkleidung ist aus verkohltem Lärchenholz, wobei das Verkohlen das Holz nahezu wartungsfrei sowie feuer- und pilzresistent macht.
„Vestres“ Produkte wurden bereits vielfach ausgezeichnet: Die Möbelserie „April Go“
erhielt zum Beispiel 2021 den German Design Award, die Serie „Habitats“ gewann 2022 den Danish Design Award, und in diesem Jahr wurde „Ypsilon“ beim Scandinavian Design Award zur „Bank des Jahres“ gekürt. Die Möbel taugen übrigens nicht nur für den öffentlichen Raum, sondern auch für Firmengelände und -gebäude. Man kann sie außerdem für den eigenen Garten, den eigenen Balkon oder die eigene Dachterrasse
erwerben. „Vestre“ macht sich insgesamt für eine Demokratisierung des Designs stark: Ästhetische Gestaltung sollte aus Sicht des Unternehmens nicht nur einer privilegierten Gruppe vorbehalten sein, sondern durch die
Möblierung von Plätzen, Straßen und Parks allen zu Gute kommen. Klingt ganz nach
einem Jedermannsrecht auf Design.


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