Einmal alles neu, bitte

Hasen, Insekten, Vögel: Unzählige Arten leiden und verschwinden gerade vor unseren Augen. Wir Konsumentinnen und Konsumenten spielen eine wichtige Rolle, aber lassen wir uns nicht erzählen, wir allein könnten die Welt retten: Jetzt muss die Politik ran.
Von Gerlinde Pölsler

Ihr Lebtag lang beobachten meine Eltern schon die Vögel auf den Feldern und im Garten. Wer mit wem im Winter am Futterhäuschen streitet, wer wann im Frühling wiederkommt und wo die Vögel ihre Nester befestigen. In den letzten Jahren sehen sie eines öfter: Tod. An einer Scheune bauten Hausrotschwänze ihr Nest. Junge schlüpften, fleißig flogen die Eltern zum Füttern mit Insekten und Würmern ein und aus. Dann kamen sie bloß noch in die Nähe, brachten den Kleinen aber nichts mehr. Die schrien, zuerst laut, dann immer leiser. Irgendwann war es still im Nest. Ähnlich war es bei einem zweiten: Vier winzige tote Vögel lagen darin. Steckte ein Raubvogel dahinter oder fanden die Eltern nicht mehr genug Futter?

Es lässt sich kaum noch ignorieren: Das Krankwerden, Sterben, Verschwinden. Unseretwegen. Es sind nicht bloß spektakulär Tiere wie die Eisbären. Feldhasen gehen massenhaft an Darmentzündung zugrunde, schuld ist das Mikroplastik. Tanja Busse, Autorin des Buchs „Das Sterben der anderen“, radelte mit ihrem kleinen Sohn am Bodensee, als der plötzlich ganz aufgeregt fragte: Mama, was ist das für ein Geräusch? Es dauerte ein bisschen, bis sie verstand: Ihr Sohn hatte noch nie Heuschrecken gehört. Selbst einstige Allerweltsarten verschwinden.

Die Vogelbestände auf Österreichs Wiesen und Feldern sind in den letzten zwei Jahrzehnten um 40 Prozent geschrumpft. Von Grauammern, Girlitzen und Rebhühnern ist nur noch ein Zehntel übrig. Der Grund liegt vor allem im Umbau von der bäuerlichen Landwirtschaft hin zur industriellen Bearbeitung. Pestizide machen Insekten und Kräutern den Garaus – und damit dem Vogelfutter.

Manchmal trifft die Erkenntnis der Unumkehrbarkeit mich unvermittelt. Das Foto eines verhungerten Eisbären. Ein Cover des „Nature“-Magazins, auf dem Insekten herumschwirren, dazu der Satz: „You´ll miss us when we´re gone.“ Schauen wir wirklich zu, bis es zu spät ist?

Mobilität, Energieverbrauch, das rasante Tempo, unter dem Wiesen und Felder unter Asphalt und Beton verschwinden: Lauter Riesenbaustellen, die angegangen werden wollen. Auf einem Feld aber könnten Europas Politiker rasch einen riesigen Umbruch bewirken. Jetzt. Europaparlamentarier, Kommission und Landwirtschaftsminister verhandeln aktuell darüber, wie in den nächsten sieben Jahren sage und schreibe 56 Milliarden Euro verteilt werden sollen – pro Jahr. Ein Drittel des EU-Haushalts.

Sie könnten jetzt Schluss machen mit einem Fördersystem, in dem immer noch mehr aus Tieren und Böden herausgepresst wird, in dem Pestizide und Dünger Fauna und Flora zusetzen. Sie könnten aufhören damit, den Großteil der Förderungen einfach nach Fläche auszuzahlen, sodass ausgerechnet die größten und am stärksten industrialisierten Betriebe die größten Stücke vom Kuchen kriegen. Sie könnten für die ersten zwanzig Hektar die doppelte Förderung auszahlen und damit Kleinbetrieben überleben helfen – die tun erwiesenermaßen mehr für die Artenvielfalt. Sie könnten Steuergelder dafür reservieren, dass Bauern Feldraine, Hecken und Brachen erhalten und noch andere Umweltauflagen erfüllen. Und die gesamte Agrarpolitik von Österreich bis Brüssel sollte endlich ihre Fixierung auf tierische Nahrungsmittel über Bord werfen. Der Fleischkonsum ist laut einer Studie der Vereinten Nationen die Hauptursache für den Verlust an Arten. Dennoch fließen noch immer Millionenförderungen in den Bau von Großställen und in Werbekampagnen für Fleisch. Dabei wäre mit dem Reduzieren der Fleisch- und Milchproduktion so viel gewonnen: Treibhausgasemissionen würden ebenso sinken wie die Nitratbelastung im Grundwasser. Natürliche Ökosysteme könnten bleiben, anstatt zu Ackerland und Weidefläche zu werden.

Sicher, auch wir Konsumentinnen und Konsumenten spielen eine Rolle. Aber lassen wir uns nicht einreden, wir allein könnten an der Supermarktkasse die Welt retten. Das können wir genauso wenig wie es der einzelne Bauer, die einzelne Bäuerin können, und wenn sie sich noch so abrackern. Nichts da – die Politik muss ihre Verantwortung wahrnehmen, auch gegen Widerstände von Lobbys. Sonst bleibt uns in einer nicht allzu fernen Zukunft nur noch, in leere Nester zu starren und uns zu erinnern, wie das war, als Vögel sangen.


Gerlinde Pölsler ist in der Obersteiermark auf einer Mini-Nebenerwerbslandwirtschaft aufgewachsen. Seit 2005 schreibt sie von Graz aus hauptsächlich für die Wochenzeitung Falter: über soziale und Gender-Themen, Umwelt, Landwirtschaft und Tierhaltung. Im Vorjahr absolvierte sie in Tirol ein Praktikum als Schafhirtin.

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Foto Regine Schöttl

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