Energiewende braucht Bevölkerung an Bord

Von Doris Neubauer

Maissau mit seinen zehn Ortschaften befindet sich am Übergang vom Wein- ins Waldviertel. Über die Region hinaus ist die 2.000 Einwohner-Stadtgemeinde vor allem für zwei Themen bekannt: Die Amethystwelt Maissau mit dem größten europäischen Vorkommen des Edelsteins und die jährlichen Gottfried-von-Einem-Tage zu Ehren des Komponisten und ehemaligen Bewohners der Stadtgemeinde. Das soll sich bald ändern: Maissau möchte österreichweit als Energie-Vorbild wahrgenommen werden.

Um das Ziel zu erreichen, setzt die Stadtgemeinde auf das Konstrukt der Erneuerbaren- Energie-Gemeinschaften (EEG): Seit Juli 2021 können sich mindestens zwei Teilnehmer zusammenschließen, um über Grundstücksgrenzen hinweg Energie aus erneuerbaren Quellen zu produzieren, zu speichern, zu verbrauchen und zu verkaufen. Die Mitglieder oder Gesellschafter der EEGs müssen im Nahbereich der Erzeugungsanlagen angesiedelt sein und nutzen das Stromnetz eines Netzbetreibers. Dieses wird durch Netzebenen definiert. Sind Teilnehmer innerhalb der Netzebenen sechs und sieben (Niederspannungsnetz) miteinander verbunden, spricht man von einer lokalen EEG. Werden auch die Netzebenen vier (nur die Mittelspannungs-Sammelschiene im Umspannwerk) und fünf miteinbezogen, ist von einer regionalen EEG die Rede.

Der Maissauer Gemeinderat Hubert Wimmer

„Ich bin vor zwei Jahren auf das Konzept gestoßen“, erklärt der Maissauer Gemeinderat Hubert Wimmer, der an der FH Wien am Campus Favoriten im Bereich Energie und Elektrotechnik tätig ist. Mit dem Umweltgemeinderat Anton Hofstetter und Steinbruch-Chef, Wirtschaftsfunktionär sowie Lokalpolitiker Florian Hengl hat sich Wimmer durch den anfänglichen Informationsdschungel gearbeitet und innerhalb eines Jahres ein Konzept erstellt: „Wir wollten die Energiegemeinschaft über die Gemeinde als Bürgerservice anbieten“, sagt der Initiator und Geschäftsführer der eigens gegründeten Kommunal Energie Bündnis Wein Waldviertel GmbH (KEB). Während Privatpersonen oder Unternehmen ein wirtschaftliches Interesse am Verkauf der Energie unterstellt werden könnte, vertraue man, dass für „Gemeinden nicht immer eine Gewinnorientierung im Vordergrund stünde. Für sie ist es wichtiger, dass die Menschen profitieren.“

Ökologische, soziale und wirtschaftliche Vorteile
Dass sich Gemeinden als Initiatoren von EEGs eignen, hat für Eva Dvorak, Leiterin der Österreichischen Koordinationsstelle für Energiegemeinschaften, weitere Gründe: „Sie haben Interesse daran, auch sozial schwache Menschen einzubinden“, meint sie, „für die Energiewende brauchen wir alle Bevölkerungsschichten.“ Je vielfältiger die Teilnehmenden an einer Energiegemeinschaft, je unterschiedlicher ihr Verbrauchsprofil, desto eher könnte vermieden werden, dass alle Teilnehmenden zur gleichen Zeit Energie verbrauchen und zu anderen Zeiten überschüssige Energie nicht genutzt wird. Neben der sozialen Komponente stehen vor allem ökologische Vorteile im Mittelpunkt: „Ungefähr 75 Prozent des Stroms stammen bilanziell österreichweit schon jetzt aus erneuerbaren Energiequellen. Um die fehlenden 25 Prozent zuzubauen, benötigt es große Strukturen, es braucht aber auch dezentrale Erzeugungsanlagen. Da braucht es die Bevölkerung, die Geld in die Hand nimmt und Flächen für PV-Anlagen zu Verfügung stellt“, spielen die Energiegemeinden laut Dvorak eine wichtige Rolle in der Energiewende: „Das tut sie aber nur, wenn sie etwas davon hat.“ Wüsste man, woher die Energie kommt und wie sie produziert wird, so würde das zu einer neuen Wertschätzung von Energie als kostbarem Gut führen. Und damit im Idealfall zu einem effizienteren Verhalten und damit zu weniger Emissionen.

Eva Dvorak leitet die Österreichische Koordinationsstelle für Energiegemeinschaften.

War ursprünglich der Klimaschutz der treibende Gedanke, sei aufgrund der geopolitischen Situation und der gestiegenen Energiekosten die Unabhängigkeit und die Gestaltungsmöglichkeit fairer Preise in den Vordergrund gerückt: Das Wegfallen des Erneuerbaren Förderbeitrags und der Elektrizitäts-Abgabe für Strom aus Photovoltaik sowie die Reduktion der Netzentgelte sollen finanzielle Anreize schaffen. Außerdem können maximal 50 Prozent der erzeugten und nicht verbrauchten erneuerbaren Strommenge mittels Marktprämie gefördert werden. Der größte wirtschaftliche Vorteil bestehe aber darin, den Energiepreis innerhalb der EEG selbst zu bestimmen: „Heute bin ich in Strukturen gefangen, wo ich nur der Beifahrer bin und die ständigen Preiserhöhungen entweder akzeptiere oder Neuanbieter suche“, weiß Dvorak, die mit ihrem Team bis Anfang Dezember 2022 mehr als 2.300 Anfragen zu Energiegemeinschaften betreut hat, „viele wollen Strukturen schaffen, um der Preisspirale zu entkommen.“ Statt nach dem Merit-Order-Prinzip vorzugehen, also den Strompreis am teuersten Kraftwerk zu orientieren, könne man sich in Energiegemeinschaften einen fairen Preis ausmachen.

Bremse Strompreisdeckel
Dem Argument hat der von der Regierung bis Sommer 2024 eingeführte Strompreisdeckel etwas die Kraft entzogen. Verbraucherinnen zahlen dadurch beim großen Erzeuger weniger. Für Personen mit eigener Energieerzeugungsanlage ist es wirtschaftlich attraktiver, Strom gewinnbringend ins Netz einzuspeisen statt ihn in einer EEG zu teilen. Ein Argument, das für Dvorak jedoch langfristig nicht überzeugt. „Klar ist doch: Energiegemeinschaften bieten für ihre Mitglieder nicht nur sicheren, sauberen Strom, sondern auch sichere, kalkulierbare Strompreise.“

Wer wird Mitglied? Wie groß soll die Energiegemeinschaft sein? Welche rechtlichen Hürden bringt mein gewähltes Modell mit sich? Das sind nur einige der Themen, die die über 200 lokalen und regionalen EEGs schon in der Konzeptphase geklärt haben. „Für viele steht die Frage der Rentabilität im Fokus, ist es den ganzen Aufwand überhaupt wert?“, kennt Klaus Oberhuber, Geschäftsführer der Energieagentur Tirol eine Sorge, die von Fall zu Fall zu klären ist. Weiters schrecke die Abrechnung der zugeordneten Energie Anteile im laufenden Betrieb ab. Dafür müssen die erzeugte Energie des Betreibers und der Verbrauch jedes Teilnehmers, die im Viertelstundentakt beispielsweise über einen Smart-Meter gemessen werden, aus der eigens eingerichteten EDA-Plattform (Energiewirtschaftlicher Datenaustausch) bezogen und verständlich aufbereitet werden. Ein Schritt, bei dem insbesondere kleine Energiegemeinschaften aufgrund fehlender technischer Kapazitäten scheitern: „Aus diesem Anlass haben wir ein Abrechnungstool entwickelt, das den Prozess vereinfachen soll“, so Oberhuber.

Auch bei Fragen der Rechtsform, bei Unsicherheiten zu den technischen Voraussetzungen und bei der Vertragserstellung helfen bundesweit Koordinationsstellen wie die Energieagentur Tirol oder die Energie Zukunft NOE GmbH. Letztere griff dem Gemeinderat Hubert Wimmer und seinen Mitstreitern in Maissau unter die Arme: Seit September testen zwei EEG-Mitglieder – die Gemeinde selbst und eine Privatperson – die Einspeisung, die Abrechnung mittels Smart-Meter und die Online-Anmeldung beim Netzbetreiber. Mit 1. März sollen Bürger aktiv in die EEG geholt werden. 100 Gemeindemitglieder hätten bisher Interesse an der Stromabnahme gemeldet.

„Wir wollen nicht weniger als zehn bis 15 Prozent der Energie im Haushalt abdecken. Ideal wäre, im ersten Schritt auf 30 Prozent zu kommen“, so der EEG-Initiator. Auf den Dächern des Kindergartens, des Gemeindeamts und des Feuerwehrhauses wurden bereits Photovoltaik-Anlagen installiert. Zusätzlich sollen Dächer weiterer öffentlicher Gebäude sowie von Privathaushalten zur Erzeugung von Solarstrom genutzt werden. „Mit einem Partnerunternehmen im Bezirk ist es uns gelungen, allein in der Gemeinde Maissau 40 private PV-Anlagen zu verkaufen“, freut sich Wimmer, „mit den neuen Anlagen schaffen wir das und erreichen vielleicht einen Überschuss.“ Langfristig sollen bis zu 50 Prozent der Haushaltsenergie aus erneuerbaren Energiequellen stammen. Der Weg dahin sei allerdings weit und mit Solarkraft alleine kaum zu meistern. Deshalb sind der Ausbau von Windenergie und Biomasse sowie eine Wasserstoffanlage in Überlegung. Darüber hinaus brauche es Speicherlösungen, um im Fall eines Blackouts Energie verfügbar zu haben. „All das steckt in den Kinderschuhen“, so Wimmer, „unser erstes Thema ist die Erneuerbare Energiegemein-schaft.“

Bürgerenergiegemeinschaften sprengen Grenzen
Auch dieses Thema steht erst am Anfang: „Das Ziel ist nicht nur eine EEG zu gründen und zu betreiben sowie PV-Anlagen zu bauen“, erklärt der KEB-Geschäftsführer, „wir denken in einem größeren Ganzen.“ Dazu gehöre etwa die Einbindung von E-Ladestationen und Carsharing-Optionen für mehrere Gemeinden. Wimmers Blick geht zudem über die Grenzen von Maissau hinaus: Ab Januar 2024 können Verbraucher und Erzeuger im Rahmen von geografisch unbeschränkten Bürgerenergiegemeinschaften (BEG) an mehreren Energiegemeinschaften und gemeinschaftlichen Erzeugungsanlagen teilnehmen. „Wir sind bereits mit Gemeinden im Gespräch, um langfristig über die Dachorganisation BEG mehrere EEGs zu vereinen“, denkt Wimmer weiter, „das macht wirtschaftlich mehr Sinn, weil die Kosten gleich bleiben und eine noch effizientere Stromaufteilung möglich ist.“ Damit wird Maissau seiner Vorreiterrolle unter Österreichs Energiegemeinschaften weiter gerecht.

Wissenswertes rund um Energiegemeinschaften gibt es auf der Webseite der Österreichischen Koordinationsstelle für Energiegemeinschaften: energiegemeinschaften.gv.at

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Leitfaden Energiegemeinschaften Ausschreibung: klimafonds.gv.at


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