Essay. Mit leichtem Gepäck


Von Ulrich Grober

Jeder Wanderer, jede Wanderin kennt die Situation. Vor dem Aufbruch zu einer Tour, nämlich wenn du den Rucksack packst, musst du dich entscheiden: Was nimmst du mit? Du hast die Qual der Wahl. Die Outdoor-Branche hat in den letzten Jahrzehnten eine Fülle neuer Produkte auf den Markt gebracht. Viele sind höchst „funktional“, also praktisch, nützlich und jedes für sich genommen leichtgewichtig. Nur: Sie summieren sich im Rucksack zu einem bleiernen Gewicht.

Was wir am Körper und auf dem Rücken tragen, ist dann „funktional“, wenn es uns hilft, unser Ziel zu erreichen. Das freilich ist nicht in erster Linie der Punkt X am Ende unserer Route. Das Ziel liegt im Erlebnis des Weges und des Unterwegsseins selbst. Wann und wo du Momente des Glücks, der Bewusstseinserweiterung, des „Flows“ erlebst, ist nie vorhersehbar. Alles, was die Durchlässigkeit für den Strom der Eindrücke von außen und der Regungen von innen steigert, ist willkommen. Alles, was dich an Bewegung und Wahrnehmung hindert, was dich von Natur und Kosmos und der Zwiesprache mit dir selbst abschottet, ist Ballast.

Doch immer wieder tappt man in die Falle des Zuviel. Unterschwellig folgen wir erstmal der Logik: Je mehr wir mitnehmen, desto besser sind wir gegen alle Eventualitäten geschützt, desto besser gelingt die Wanderung. Dass diese Logik nicht stimmen kann, schwant jedem, der beim Aufbruch unter der Last des Rucksacks ins Taumeln kommt. Damit ist keiner radikalen Askese das Wort geredet. Es gibt ganz gewiss ein ‚Zuviel‘, aber eindeutig auch ein ‚Zuwenig‘. Wer stundenlang ohne einen trockenen Faden am Leib unterwegs ist, kennt nur noch ein Ziel: ein Dach über dem Kopf. Wo eine Wanderung freudlos wird, wo sie die Gesundheit gefährdet statt kräftigt, ist eine rote Linie überschritten. Die richtige Balance finden, für sich persönlich, prägt den individuellen Stil des Wanderns.

Eins scheint mir besonders wichtig: Die Lust am Wandern nicht von der Qual des Tragens zerstören lassen. In diesem Licht ist die Frage der Ausrüstung zu bedenken. Die Schlüsselfrage lautet immer: Was brauchst du – wirklich? Aus eigener Erfahrung plädiere ich für einen sorgfältigen Minimalismus. Alles weglassen, was verzichtbar ist. Aber auch alles mitnehmen, was für das Gelingen einer Wanderung unverzichtbar ist. Für sich selbst eine Obergrenze der Belastbarkeit festlegen. Bei mir hat sie sich inzwischen bei vier bis fünf Kilogramm eingependelt. In diesem Rahmen darauf achten, dass man genug dabei hat, um unterwegs die Wanderlust zu erhalten und die Pforten der Wahrnehmung weit offen zu halten – das wäre das Element der Sorgfalt in einer minimalistischen Strategie. Strapazen gehören zum Wandern. Aber sie sollten vom weiten Radius, vom zerklüfteten Gelände oder den Unbilden der Witterung herrühren und nicht vom unerträglich schweren Rucksack. „Travel light“, sagen – in der Tradition der Ureinwohner – die Wildnis-Wanderer in den USA. In einem Song der deutschen Popgruppe Silbermond heißt das: Es reist sich besser / mit leichtem Gepäck.

Das große Ziel: eine ressourcenleichtere Zivilisation
Lassen sich aus dem Horizont des Wanderns Anhaltspunkte gewinnen, wenn wir uns jetzt auf den Weg in eine nachhaltige Zukunft machen? Nachhaltigkeit ist im Kern eine Strategie der Reduktion. Wie können wir den ökologischen Fußabdruck minimieren? Und in diesem Rahmen die Warenströme, den Konsum und nicht zuletzt – die Geburtenraten? Mit möglichst wenig auskommen, auf einem möglichst dünn besiedelten Planeten. Was zählen wird, ist nicht das Bruttosozialprodukt, sondern der Glücks-Index. Weniger ist mehr. Noch so ein Spruch. Er klingt nach fernöstlicher Weisheit. Doch er stammt aus einem Laboratorium der europäischen Moderne. Im Bauhaus, der legendären Schule für Design und Architektur, versuchte man schon vor hundert Jahren, Funktionalität, Einfachheit und Schönheit zusammenzudenken. Der Spruch scheint paradox – und verwegen. Lässt sich im 21. Jahrhundert die Kargheit an materiellen Ressourcen zum Konzept machen? Das Leitbild wäre auch hier ein sorgfältiger Minimalismus. Aus einem Minimum an Ressourcen ein Optimum an Lebensqualität für alle zu erzeugen, erscheint dann als gangbarer Weg. Er würde den Absturz in die Schäbigkeit und Hässlichkeit vermeiden. Doch was ist es, das dann aufscheint und hervortritt, wenn wir den Mut zum Weniger aufbringen? Was ist das „Mehr“ im „Weniger“?

Schlüssige Antworten, die für alle gültig wären, gibt es wohl nicht. Aber einige Konturen werden sichtbar. Der Gedanke der Reduktion sollte stets einhergehen mit der Konzentration auf das Wesentliche. In welchen Momenten fühlst du dich lebendig? Diese Frage wird leitmotivisch. Augenblicke gesteigerter Lebendigkeit bewusst erleben und genießen, sie suchen und vermehren. Wäre das nicht eine Strategie bei der Suche nach mehr Lebensqualität? Es geht um ein „genug“, welches das Gegenteil von „zu viel“, aber ebenso das Gegenteil von „zu wenig“ ist. So öffnet sich der Blick auf die übergeordneten Ziele einer globalen Suchbewegung. „Sumak kawsay“ oder „buen vivir“ – „gut leben“ ist ein Motto aus den indigenen Kulturen am Amazonas. Pura vida! Jugendliche in Lateinamerika begrüßen sich so. Frei übersetzend könnte man sagen: „pralles Leben“, Fülle des Lebens. Der Mut zum Weniger schließt die Lust auf ein Leben, das weit ausgreift, mit ein. 

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Ulrich Grober. Ein Radio-Essay von Ulrich Grober mit dem Titel „Eine andere Welt ist möglich“ wurde im Februar von SWR2 ausgestrahlt. Der Podcast ist in der ARD-Mediathek abrufbar.


Illustrationen Bianca Tschaikner

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