Essay

„Blue Marble“, die während des Flugs von Apollo 17 zum Mond am 7. Dezember 1972 entstandene Fotoaufnahme von der Erde. Foto NASA/Apollo 17 crew

Ressource Zuversicht
Von Ulrich Grober

Alle reden über Ressourcen. Flüssiggas, Erdöl, Speiseöl, Süßwasser etc. werden knapp und für viele unerschwinglich. Doch Hier und Jetzt droht etwas zu versiegen, das kostbarer ist als seltene Erden: unser Glaube an die Zukunft. Mit der Ressource Zuversicht aber sollten wir besonders „nachhaltig“ umgehen. Ohne sie zu hegen, zu pflegen und beständig zu erneuern, ist alles nichts.

Das Wort „Zuversicht“ klingt im zu Ende gehenden Jahr 2022 fast schon verdächtig. Die Welt scheint aus den Fugen. Eine Flut von Horrornachrichten löst Tag für Tag neues, lähmendes Entsetzen aus. Endzeitstimmung greift um sich. Ist „Zuversicht“ nicht … aus der Zeit gefallen? Zu einem leeren Wort geworden? Dient es dazu, etwas schönzufärben, was nicht schönzufärben ist? Einspruch!

Eine Mehrheit der Menschen überall auf der Welt ist friedfertig und hilfsbereit, empathiefähig und kreativ.

Graben wir zunächst nach den Wurzeln des Worts. Sie reichen tief. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm definiert „Zuversicht“ kurz und bündig als „Erwartung des Künftigen“. Die älteste Belegstelle ist fast 1.200 Jahre alt. Sie stammt von Notker, einem Dichter und Mönch des Klosters St. Gallen in der Epoche Karls des Großen. Bei ihm ist „zuoversiht“ noch religiös fundiert und eng gekoppelt an ein „Gottvertrauen“. In neuerer Zeit, so das Wörterbuch, erlebe das Wort einen Bedeutungswandel. „Zuversicht“ werde immer mehr zur „Erwartung dessen, was man wünscht“. In den Mittelpunkt rücke das „Vertrauen, das man auf sich und seine Fähigkeiten hat“.

Vergegenwärtigen wir uns das Wort: Zuversicht ist eine Sichtweise und eine Erwartungshaltung, eine Grundeinstellung oder, wie man im Englischen sagt, ein „mindset“. Zuversicht als Sicht auf Zukünftiges verbindet Erfahrung von Vergangenem, aktives Handeln in der Gegenwart und eine Vision
von einer lebbaren, lebenswerten, wünschenswerten Zukunft. Eine solche Haltung blendet die Katastrophen und Krisen der Gegenwart keineswegs aus. Aber sie überwindet den „Tunnelblick“ darauf. Das wiederum ist ein Fachausdruck aus der Augenmedizin. Gemeint ist dort eine krankhafte Verengung des Blickfelds.

Hat Zuversicht eine Basis in der Realität des 21. Jahrhunderts? Ja, es stimmt: Die Erderwärmung mit ihren mörderischen Hitzewellen, Dürren und extremen Wetterereignissen ist Teil der Realität. Die Kraft der Natur, sich zu regenerieren, zu „verjüngen“ (wie die alten Forstleute sagten), sich neu zu justieren, ist immer noch da. Dass „Gaia“ stärker ist – auch das ist Teil der Realität. Horror, Gewalt und Krieg sind Teil der menschengemachten Krise. Aber: Eine Mehrheit der Menschen überall auf der Welt ist friedfertig und hilfsbereit, empathiefähig und kreativ – auch das ist Teil der Wirklichkeit. Die Erscheinungen von Kollaps sind sehr real, aber auch Nachhaltigkeit hat eine starke Realität. Die Probleme liegen auf dem Tisch, die Lösungen aber auch. Die Möglichkeitsräume, die Potenziale, die Alternativen gehören zur Realität. Zuversicht bedeutet nicht, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen, sondern im Gegenteil ein größeres Bild davon wahrzunehmen – und daraus den Antrieb zu konstruktivem Handeln zu schöpfen.

Gewiss gibt es auch eine Art von Zuversicht, die einen rasend machen kann. Dieses „es ist noch immer gut gegangen“ ist eine Lizenz zum „weiter so“. Diese Einstellung und die „no future“ Endzeitstimmung treffen sich an einem wunden Punkt. Beides lähmt die Bereitschaft zu radikaler Umkehr. Die junge Klimabewegung hält dagegen „Eine andere Welt ist möglich!“, Fridays For Future – erfolgreich kämpfst du nur für eine gemeinsame Sache.

Ein ikonisches Porträt von Gaia – Mutter Erde – entstand vor genau 50 Jahren. Am 7. Dezember 1972, kurz nach Mitternacht Ortszeit, läuft im Kennedy Space Center im US-Bundesstaat Florida der Countdown für Apollo 17, den bis heute letzten bemannten Flug zum Mond. Fünf Stunden nach dem Start, in der Phase der Loslösung von der Erde wenden die drei Astronauten den Blick zurück. „Ja, der Mond ist da“, berichtet Ronald Evans zur Bodenstation in Houston. Dann, im selben Atemzug: „Die Erde ist…, da ist die Erde“ und Sekunden später „Whoops, was für eine Schönheit. Schau dir das an“. Man spürt ein Innehalten. Was die drei fasziniert, ist der Anblick der von der Sonne voll erleuchteten Erdkugel. Sie sind schon weit genug im All, um die ganze Erde mit einem Blick erfassen und auf Fotos bannen zu können, aber noch nahe genug, um die sich zeitlupenhaft drehende Erde mitsamt ihren Wolkenwirbeln, Ozeanen, Landmassen und Polareiskappen deutlich wahrzunehmen. Eugene Cernan, der Kommandant von Apollo 17, meldet, jetzt sehe er „die 100 Prozent volle Erde“. So, wie sie noch nie jemand gesehen habe. „Und weißt du, sie hängt an keinen Fäden. Sie ist da draußen, ganz allein.“ In diesem Moment entsteht das ikonische Foto des blauen Planeten. Unter dem Namen „Blue Marble“ wurde es zur Ikone unserer Epoche. „Du siehst aus dem Fenster“, erzählte Cernan später, „und blickst durch den schwarzen Weltraum zurück – auf den schönsten Stern am Firmament“. Aus der Umkehr des Blicks kristallisierte sich eine große Erzählung aus wenigen Worten. Sie handelt von der Einzigartigkeit, der Schönheit und der Zerbrechlichkeit des blauen Planeten. Sie fordert uns auf, mit der Biosphäre achtsam umzugehen, mit dem „Netz des Lebens“, dem Wunder des Lebens. Letztlich liegt hier die Basis von Zuversicht.

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Zurück ins Hier und Jetzt. Milla ist mein Enkeltöchterchen. Kurz bevor sie zwei wurde, übte sie ihr erstes Lied ein. Für den Martinszug in ihrem Viertel. Das Laternenlied, das sie dort mit Hingabe sang, erzählt von Sonne, Mond und Sternen. An diesem Abend zeigte ihr Papa ihr aus dem Fenster ihrer Wohnung im vierten Stock die Venus, den „Abendstern“, der knapp über dem Horizont am südwestlichen Himmel hell leuchtete. „Abend…tern“ wiederholte sie andächtig.
Eine plötzliche Eingebung: Das innere Kind, mit dem Milla später, auch in Zeiten höchster Not, Zwiesprache halten wird, bei dem sie Trost suchen und Kraft schöpfen kann – dieses innere Kind bildet sich genau jetzt. Quo vadis? Wo führt dein Weg dich hin, Milla? An der Schwelle vom 21. zum 22. Jahrhundert wirst du 80 Jahre alt. Wirst du 2099 den runden Geburtstag richtig feiern können? Gesund an Leib und Seele? Auf einem sich erholenden, wieder gesund, wieder cooler werdenden Planeten? Oder nicht? Wirst du dir deinen Sinn für das Wunder und den Zauber des Lebens bewahren können? Gelingt es dir, dein kindliches Staunen bei der ersten Erkundung der Welt auf einen Weg lebenslanger Selbstermächtigung zu überführen? Und werden dich diese Fähigkeiten durch die prekärsten Zeiten tragen?

Für einen wie mich, zur Welt gekommen fast auf den Tag genau in der Mitte des 20. Jahrhunderts, kommt das Ende in Sicht. Du bist meine einzige leibhaftige Verbindung zum 22. Jahrhundert. Nach mir die Zukunft – deine Gegenwart. Was kann ich in der Zeit, die mir noch bleibt, „enkelgerecht“ handeln? Was weitergeben? Ja, Milla, die Erde dreht sich weiter. Das Leben geht weiter. Der Abendstern wird dich auf deinem ganzen langen Weg begleiten. Und Sonne, Mond und all die anderen Sterne auch …


Ulrich Grober arbeitet als Publizist und Buchautor auf dem Themenfeld Ökologie und Nachhaltigkeit. Sein besonderes Anliegen ist die Verknüpfung von kulturellem Erbe und Zukunftsvisionen. Er schreibt für DIE ZEIT, taz, greenpeace magazin, Deutschlandradio, ORIGINAL, WDR und viele andere Medien. Seine Vortragstätigkeit führte ihn quer durch Deutschland und die europäischen Nachbarländer.


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