Film

© Polyfilm, Kairos Filmverleih

In memoriam VALIE EXPORT
Österreichisches Filmmuseum

24. Juni 2026

Die Praxis der Liebe 1985, VALIE EXPORT

An diesem Abend wäre VALIE EXPORT für ein Werkstattgespräch in der Filmpionierinnen-Reihe zu Gast gewesen, um über ihre beeindruckende Arbeitsbiografie zu sprechen. Aus dem traurigen Anlass des Ablebens von VALIE EXPORT wird in einer „In memoriam-Veranstaltung“ an die Künstlerin erinnert, die seit 1966 ein Werk von existenzieller Schlagkraft erschaffen hat.
VALIE EXPORT übergibt im Jahr 2020 dem Österreichischen Filmmuseum ihr filmisches Werk als Schenkung. Sie ist dem Filmmuseum zu diesem Zeitpunkt bereits lange verbunden. 1969 ist die Künstlerin – als Gründungsmitglied der „Austria Filmmakers Cooperative“ – Teil einer Protestaktion gegen die „autoritäre“ Struktur und Programmpolitik des Hauses, gegen seinen „reaktionären Historizismus“. Im Zeitraum zwischen diesen beiden Ereignissen, genauer, seit 1966, erschafft sie ein künstlerisches Werk von existenzieller Schlagkraft. 1967 wählt sie programmatisch einen Künstler*innennamen, der sie symbolisch von der ihr zugewiesenen Rolle als Frau in der Kunstwelt innerhalb einer männerdominierten Gesellschaft distanziert. In ihren Ausdrucksformen – darunter Zeichnung, konzeptuelle Fotografie, Installation, Skulptur, Performance – spielen Film und Video eine zentrale Rolle. Die Marke „EXPORT“ steht für eine Kunst, die gesellschaftliche Bedingungen affektiv wahrnehmbar macht und ihre mediale Regulierung entsprechend kritisch reflektiert. EXPORTS Anspruch: durch Wahrnehmung Wirklichkeiten zu verändern. (Katharina Müller)

    filmmuseum.at


    Barbara Buser –
    Pionierin der Nachhaltigkeit

    © Stadtkino

    Barbara Buser –
    Pionierin der Nachhaltigkeit

    Kann man das überhaupt Architektur nennen? Die heute preisgekrönte Architektin Barbara Buser, Jahrgang 1954, wurde in der Schweiz für ihre Philosophie zunächst nicht ernst genommen. Sie bewahrte Gebäude vor dem Abriss, baute diese mit wiederverwendetem Baumaterial um. „Möglichst nicht bauen“ war ihr Motto.
    Gabriele Schärer widmet der Baslerin nun in „Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit“ ein Porträt, das ihre Anfänge und ihre fortschrittliche Haltung erforscht. Buser baute im Südsudan mit Einheimischen Brunnen, bevor sie ihr Elternhaus als erstes vor der Abrissbirne rettete. Später als „Stadtkuratorin“ bekannt, eröffnete sie ihr eigenes Architekturbüro „in situ“, in dem sie anhand von „Zero Waste“-Bauprojekten energiesprühend den Unterschied zwischen Recycling und Wiederverwenden erklärt und ihr Wissen an die nächste Generation von Studierenden weitergibt. Ein weiterer Meilenstein ist das „Gundeldinger Feld“, ein ehemaliges Industrieareal in Basel, das Buser zu einem neuen, urbanen Lebensraum umgestaltet, ohne jedoch die Leistbarkeit für die Mieterinnen und Mieter aus dem Auge zu verlieren. Die Interviews mit hoher Informationsdichte leiden unter irritierenden Schwarzblenden, aber der Film zeigt eine tatkräftige Architektin, die auch als erste Fährfrau über den Rhein arbeitete und sich nun mit Fragen nach der Pensionierung beschäftigen muss. Eine Macherin, die gesellschaftliche Hürden nur als Sprungschanze betrachtete. (Martin Nguyen)

    Regie: Gabriele Schärer
    CH 2025, 118 Minuten
    (im Kino)


    The Love That Remains
    (OT: Ástin sem eftir er)

    © New Europe Film Sales

    Das ist kein gewöhnlicher Familienfilm. Der isländische Regisseur, Autor und Kameramann Hlynur Pálmason setzt in seiner unkonventionell zauberhaften Studie „The Love That Remains“ ausgerechnet im Stadium des Provisoriums nach einer Trennung an.
    Künstlerin Anna (Saga Garðarsdóttir) war mit dem Fischer Magnús (Sverrir Guðnason) zusammen. Ihre drei Kinder (Pálmasons eigener Nachwuchs) nehmen den Bruch äußerlich recht gelassen hin. Während Anna mit ihren großformatigen, rostbraunen Kunstwerken bereit für etwas Neues ist, klammert sich ihr Ex-Mann an das Vertraute. Die Liebe schwebt als Spurenelement in der Luft, doch zu schwach, um als feste Basis zu dienen. Mit lakonischem Humor folgt der Film den Kindern bei ihren Abenteuern in der idyllischen isländischen Natur. Anna hingegen versucht, ihre Kunst einem geschwätzigen Galeristen aus Dänemark schmackhaft zu machen, derweil Magnús auf hoher See eigentlich nicht weiß, was er fühlen soll. Vieles erzählt Pálmason durch visuelle Metaphern, mit einer fragmentarischen Erzählweise, aber so authentisch und wahrhaftig beobachtet, dass es einen tief berührt. Bisweilen sensibel, dann wieder surreal fängt der Film im Laufe der Jahreszeiten den Alltag einer Familie zwischen komplizierten Gefühlen, harmonischer Blaubeerernte und männlicher Orientierungslosigkeit ein. (Martin Nguyen)

    Regie: Hlynur Pálmason
    ISL/DK/SWE/F 2025, 110 Minuten
    (im Kino)


    Wohin der Wind uns trägt
    (OT: Where the Wind Comes From)

    © Polyfilm, Kairos Filmverleih

    In Amel Guellatys Langfilmdebüt „Wohin der Wind uns trägt“ steht die Freundschaft zwischen Alyssa und Mehdi im Zentrum. Die 19-jährige Alyssa (Eya Bellagha) muss sich in Tunis nach dem Tod ihres Vaters um ihre kleine Schwester und die verwirrte Mutter kümmern. An ihrer Seite der 23-jährige Nachbar Mehdi (Slim Baccar), der sich lustlos für IT-Jobs bewirbt. In Wahrheit schlägt sein Herz nämlich für die Kunst. Als Alyssa einen Zeichenwettbewerb mit einem Aufenthalt in Deutschland als Hauptgewinn entdeckt, überredet sie Mehdi, teilzunehmen. Eine heimliche Heirat zwischen den platonischen Freunden soll auch ihr Ticket aus Tunesien hinaus werden. Ein Land, das nach der kurz aufflammenden Hoffnung des Arabischen Frühlings für eine junge Generation nur mehr politischen Stillstand zu bieten hat. Die Zukunft liegt jenseits des Mittelmeeres.
    Regisseurin Guellaty schickt die beiden auf ein klassisches Roadmovie nach Djerba, wo der Wettbewerb stattfindet. Nur wie soll das ohne Fahrzeug funktionieren? Kurzerhand wird eines geklaut, und sie schlagen sich dank Alyssas Improvisationstalent und unbekümmerter Art durch. Doch neben komödiantischen Einlagen muss Alyssa am eigenen weiblichen Leib erfahren, wie eng ihre Welt in der tunesisch-muslimisch geprägten Tradition immer noch ist. Unterlegt mit arabischer Indiemusik, fängt der Film gekonnt die Ungeduld und Frustration der beiden ein, die sie am Ende schmerzerfüllt in den Wind brüllen. (Martin Nguyen)

    Regie: Amel Guellaty
    TUN/F 2025, 99 Minuten
    (ab 26. Juni im Kino)


    Romería – Das Tagebuch meiner Mutter

    © QuimVives,Elastica Films

    Eigentlich braucht die 18-jährige Marina (großartig: Llúcia Garcia) nur eine Unterschrift. Nach dem frühen Aids-Tod ihrer Eltern wächst sie bei der Familie ihrer Mutter in Barcelona auf. Für das Studium benötigt sie offizielle Dokumente, doch in der Sterbeurkunde ihres Vaters Alfonso fehlt Marinas Existenz. So reist sie 2004 mit dem Tagebuch ihrer verstorbenen Mutter nach Vigo. Beim Aufeinandertreffen mit der väterlichen Verwandtschaft muss sie schmerzlich feststellen, dass ein Teil sie immer noch nicht als Familienmitglied anerkannt hat. Allen voran die herrischen Großeltern.
    Auch in ihrem dritten Spielfilm „Romería“ nimmt Regisseurin Carla Simón ihre eigene Familiengeschichte als Ausgangspunkt. Ausgestattet mit einer digitalen Videokamera, dokumentiert Marina ihre Reise, stößt auf alte Erinnerungen, aber auch auf Verdrängung und Geheimnisse. Denn im Spanien der 1980er Jahre nach der Franco-Ära verheimlichen die Großeltern Alfonsos Aids-Erkrankung und Heroinsucht; die Schuld geben sie Marinas Mutter. So imaginiert Marina aus den bruchstückhaften Erzählungen ihrer Onkel und Tanten in einer traumartigen Sequenz ihr eigenes Bild ihrer Eltern. Bestechend von Hélène Louvart fotografiert, durchleuchtet der Film ein diffuses Familiengeflecht und verknüpft poetisch und klug zugleich persönliche Erinnerungsarbeit mit der kollektiven Erfahrung einer ganzen Generation. (Martin Nguyen)

    Regie: Carla Simón
    E/D 2025, 114 Minuten
    (ab 21. August im Kino)


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