Film

27 Storeys – Alterlaa Forever

3.200 Wohnungen, 27 Stockwerke hoch: Der Wohnpark Alterlaa sticht allein durch seine Größe im Süden Wiens hervor. Riesige Betonblöcke, die in Terrassenform schmal nach oben steigen. Bianca Gleissinger kehrt für ihren Dokumentarfilm in die Wohnanlage des Architekten Harry Glück zurück, in der sie ihre Kindheit verbrachte. „Wohnen wie die Reichen für alle“ lautete das Glücksversprechen des Sozialen Wohnbaus, „Pools für Proleten“, titelten die Zeitungen bei der Eröffnung 1976. Gleissinger fühlt zwischen Kindheitserinnerungen und Generationenkonflikten nach, wie es sich heute in einer einst wegweisenden Wohnutopie lebt. Ärztezentrum, Geschäfte, Schulen, Grünflächen in Parkgröße – eine Stadt in der Stadt. Ungezwungen lässt der Film die Drehsituation einfließen: Regieanweisungen, Wiederholungen und Gleissinger selbst lockern die Gespräche mit den Alteingesessenen auf, die von hoher Wohnzufriedenheit berichten. Leise Kritik kommt von den Jungen, die sich in der Gemeinschaft der 30 Klubs vom Modellbau bis zum Freddy-Quinn-Fanklub nicht wieder finden. Die Kritik das „größte Altersheim Österreichs“ ist nicht weit hergeholt. Jungfamilien und migrantische Bewohner und Bewohnerinnen kommen nicht zu Wort, zurück bleibt jedoch ein liebevoller Blick auf eine Utopie am Prüfstand. (Martin Nguyen)
Regie: Bianca Gleissinger
Ö/D 2023, 82 Minuten
(ab 2.6. im Kino)


Asteroid City
15. Juni 2023 im Film Casino, Wien

Bringt das Alien eine Botschaft des Universums oder hat es gar Antworten auf existenzielle Fragen? Vielleicht. Sicher ist, dass Asteroid City vorsichtshalber vom Militär zur Sperrzone erklärt wird, und so stecken Witwer Mitch Campbell (Jason Schwartzman) und seine vier Kinder in dem abgelegenen Nest fest. Während sich sein Schwiegervater (Tom Hanks) um die Enkel kümmert, Amerikas Wissen über den Weltraum ins Wanken gerät und im Hintergrund Atombomben getestet werden, freundet sich Mitch mit einer Schauspielerin an (Scarlett Johansson). Wenn da nur nicht dieses Gefühl wäre, dass das Alien kein Überbringer guter Nachrichten ist …
Regie: Wes Anderson
USA 2023, 105 Minuten, O.m.U.


The Five Devils
(OT: Les cinq diables)

Vickys Superkraft liegt in ihrer Nase. Das kleine Mädchen (Sally Dramé) kann feinste Gerüche unterscheiden, vom Kaffeefleck im Kalender ihrer jungen Mutter Joanne (faszinierend: Adèle Exarchopoulos) bis zum Atem eines Eichhörnchens. Sie reproduziert ihre Lieblingsdüfte und sortiert sie sorgfältig in Einmachgläsern. Als in dem kleinen französischen Dorf am Fuße der Alpen plötzlich ihre Tante Julia (Swala Emati) auftaucht, beginnt eine mysteriöse Reise in die Vergangenheit: Vicky kann nämlich mit Gerüchen in fremde Erinnerungen eintauchen.
Léa Mysius‘ Mysterythriller beginnt mit einem in Flammen stehenden Gebäude, während Joanne schockiert in die Kamera blickt. Der Film ist die Suche nach diesem Bild und erzählt dabei von einer unglücklichen Dreierkonstellation. Joanne und ihr Mann Jimmy (Moustapha Mbengue), Julias Bruder, leben aneinander vorbei, während Vicky in den dunklen Geruchsrückblenden die „Amour Fou“ ihrer Mutter und ihrer Tante entdeckt. Vicky flüchtet zunehmend in die Welt der fremden Erinnerungen, auch weil die Hänseleien im Dorf aufgrund ihres Afrolooks nicht aufhören. Es bleibt vieles mehrdeutig und mysteriös im Film, doch er verwebt auf der Suche nach der Vergangenheit geschickt die fantastischen Ebenen mit dem Realismus der Gegenwart. (Martin Nguyen)
Regie: Léa Mysius
F 2023, 103 Minuten
(im Kino)


Die Gewerkschafterin
(OT: La syndicaliste)

Ein „Nein“ zählt für Maureen nicht. Maureen Kearney (Isabelle Huppert) ist eine hartnäckige Gewerkschafterin beim französischen Atomkraftkonzern Areva. Als der politisch protegierte Luc Oursel die Direktorin Anne Lauvergeon ablöst, wird die Stimmung für Maureen deutlich ungemütlicher.
Nach wahren Begebenheiten manövriert Jean-Paul Salomé den Film in der ersten Hälfte als behäbigen Wirtschaftsthriller durch Intrigen und politische Machtspiele. Mit Hilfe von zugespielten Dokumenten will Maureen beweisen, dass französisches Knowhow nach China transferiert werden soll. Zahlreiche Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Nach anonymen Drohanrufen lassen unbekannte Täter Maureen gefesselt und vergewaltigt in ihrem Haus zurück. Nach dem ersten Schock kommen der Polizei jedoch Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit: Maureen wird plötzlich als Verdächtige geführt. Es sind vor allem männliche Blicke des Zweifels, die beginnen sie als verrückt und paranoid darzustellen, was der Politik nicht ungelegen kommt. Isabelle Huppert ist wie geschaffen für die Figur der toughen und zugleich fragilen Maureen, die sich nicht wie ein typisches Opfer verhält. Und ganz beiläufig erzählt der Film vom ungleichen Kampf einer Frau in männlichen Machtzirkeln, die sie für unerwünscht halten. (Martin Nguyen)
Regie: Jean-Paul Salomé
F/D 2022, 122 Minuten
(im Kino)


All the Beauty and the Bloodshed

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Profit durch Schmerz, Gewinn durch Sucht: Die Dokumentarfilmerin Laura Poitras („Citizenfour“) verwebt die persönliche Geschichte der US-Fotografin und Aktivistin Nan Goldin, die mit intimen Fotografien über Sexualität, Drogen und Liebe in den 1980er-Jahren berühmt geworden ist, mit dem Kampf gegen eine der einflussreichsten Familien in den USA: die Sacklers.
Nach einer Operation wird Goldin ein starkes Schmerzmittel verschrieben: Oxycontin, das profitstärkste Medikament des Sackler Pharmaimperiums und Hauptverantwortlicher der Opioid-Epidemie in den USA. Sie wird stark abhängig davon, schafft jedoch den Ausstieg und kämpft seitdem mit aktionistischen Protesten im Louvre, Tate oder Guggenheim gegen die Sacklers. Mit großzügigen Spenden an berühmte Museen versuchten sie von ihren Geschäftspraktiken abzulenken, denn die Multimilliardäre bewarben Oxycontin aggressiv, obwohl sie wussten, wie gefährlich es war. Poitras zeigt ganz deutlich auf welcher Seite sie steht. Während die Kamera als Teil der Proteste diese begleitet, blickt der Film auf Goldins schwierige Kindheit, ihren Durchbruch als Fotografin in der New Yorker Kunstszene und ihre kraftvollen Fotografien wie etwa zur AIDS-Krise zurück. Es ist ein eindrückliches Porträt einer Frau, das zeigt wie ihre Kunst und ihr Aktivismus untrennbar miteinander verschmolzen sind. (Martin Nguyen)
Regie: Laura Poitras
USA 2022, 117 Minuten
(im Kino)


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