Frischer Wind für neue Räder

Till Naumann (2.v.l.) und Robert Johnen (3.v.l.) teilen sich bei MOWEA die Geschäftsführung.

Von Lukas Bayer
Ein Berliner Start-up erfindet die Kleinwindkraft neu und zeigt, dass es nicht auf die Größe ankommt. Das kommt auch der Klimabilanz von Streaming und Videotelefonie zugute. Produziert werden die Räder nahe Wiener Neustadt.

Er gehe während der Teambesprechungen schon mal gerne eine Runde spazieren, sagt Robert Johnen. Viele seiner Meetings finden zurzeit online statt, wir führen unser Gespräch über das Telefon. Das ist auch klimafreundlicher als mit dem Zug nach Berlin zu fahren. Dort ist Robert Johnen geschäftsführender Partner eines Start-ups, das der Kleinwindkraft zu neuer Größe verhelfen will.
Bei MOWEA – der Name steht für modulare Windenergieanlagen – konzipiert man Mikrowindturbinen, die wie Legosteine beliebig miteinander kombinierbar sind. Die Turbinen sollen auf Dächern industrieller Gebäude und auf Mobilfunkmasten eingesetzt werden – Standorte, an denen große Windräder undenkbar wären. Nicht nur wegen der Abstandsregelungen, sondern auch wegen der zu geringen Windgeschwindigkeiten. Die armlangen Rotorblätter der Mikrowindturbinen beginnen sich schon ab einer leichten Brise zu drehen. Sie erzeugen regelmäßig Strom, vor allem in der Nacht. Große Windräder brauchen dagegen um die 40 Stundenkilometer und stehen an den meisten Tagen still.

Die armlangen Rotorblätter der Mikrowindturbinen beginnen sich schon ab einer leichten Brise zu drehen. Sie erzeugen regelmäßig Strom, vor allem in der Nacht.

Ein Baukastenprinzip hält die Kosten gering
Robert Johnen kam 2019 als Finanzexperte zu MOWEA, mittlerweile teilt er sich mit Till Naumann die Geschäftsführung. Er wollte etwas schaffen, wovon jeder profitieren kann und erzählt von einer „deutsch-österreichischen Erfolgsgeschichte“: Vergangenes Jahr sei man hierzulande mit dem „APTI-Award“ für Nachhaltigkeit ausgezeichnet worden, der von der Bundesimmobiliengesellschaft vergeben wird. Außerdem stehe man vor einer Kooperation mit der Asfinag.
Die Idee zum Start-up sei Jahre zuvor an der Technischen Universität Berlin entstanden. „An sich ist das klassische Baukastenprinzip nicht neu, in der Kleinwindkraft aber sehr innovativ“, sagt Johnen. „Wir sind weltweit die ersten, die im Telekommunikationsbereich mehr als zwei Turbinen zu einem System zusammenschalten. Die entscheidende Frage war, ob wir damit auch überproportional Kosten einsparen können.“ Der studierte Betriebswirt beschreibt damit eine zunächst widersprüchliche Annahme, die in der Branche gilt: Je größer und höher desto effizienter.
Durch das Baukastenprinzip und die Standardisierung der Turbinen bieten sich aber erhebliche Kostenvorteile. Nebenkosten für Installation, Wartung oder die Integration in das Internet der Dinge (IoT) verringern sich relativ gesehen mit jeder erworbenen Turbine. Was für private Häuslebauer nicht wirtschaftlich sei, rentiere sich für größere Abnehmer. MOWEA will in den nächsten fünf Jahren 30.000 bis 50.000 Stück auf den Markt bringen. Großes Potenzial sieht man in Regionen wie Afrika, Südamerika oder Indien, wo noch viele Mobilfunkmasten dieselbetrieben sind. Aktuell steht hinter dem Start-up ein 14-köpfiges Team, das sich zeitnah verdoppeln soll.

Kooperation mit Vodafone und Vantage Towers
Klimakrise, Corona-Pandemie und 5G-Ausbau haben vor allem in die Anwendung von Mikrowindturbinen auf Mobilfunkmasten frischen Wind gebracht. Die mobile Datenübertragung hat sich in Österreich seit Pandemie-Beginn um ein Viertel erhöht, in Deutschland sogar um 50 Prozent. Hauptsächlich, weil mehr gestreamt und videotelefoniert wird.
„Wenn 5G kommt, verschwinden 3G- und 4G-Antennen nicht einfach, sondern werden aufgerüstet. Das erhöht zunächst den Energiebedarf, denn die älteren Übertragungstechnologien werden erst nach und nach abgeschaltet“, erklärt Robert Johnen. MOWEA steht kurz vor einer Kooperation mit dem deutschen Telekommunikationsanbieter Vodafone und dessen Tochterfirma Vantage Towers. „Die Zusammenarbeit mit MOWEA fügt sich sehr gut in unsere Gesamtstrategie ein, eine nachhaltige Digitalisierung in Europa voranzutreiben und die Industrie durch technologische Innovation bei der Dekarbonisierung zu unterstützen“, sagt Enrico Schadock, leitender Entwicklungsmanager von Vantage Towers. 52 Mobilfunkmasten sollen noch in diesem Jahr mit je acht bis 16 Mikrowindturbinen ausgerüstet werden, eine erste Testturbine dreht sich bereits im norddeutschen Torgelow. Man könne mit Windenergie bis zu 100 Prozent der Energie ersetzen, die eine Mobilfunkanlage benötigt. Vantage Towers rechnet dadurch mit jährlichen CO2-Einsparungen von bis zu 239 Tonnen – eine Menge, die unser Nachbarland allerdings alle zehn Sekunden emittiert. In Kombination mit Photovoltaik oder Wasserstoff könne ein Standort selbst bei windstillen Phasen autark betrieben werden.

Die ersten Mikrowindturbinen drehen sich bereits auf einem Mobilfunkmasten
in der deutschen Kleinstadt Torgelow. Fotos Mowea

Nur eine von vielen Lösungen gegen die Klimakrise
„Wir sehen in Kleinwindkraft-Projekten eine sinnvolle Ergänzung“, erklärt Bernhard Fürnsinn, Energiewirtschaftsexperte der IG Windkraft. „Allerdings müssen wir jedes Jahr 500 Megawatt zubauen, um unseren Stromverbrauch im Jahr 2030 gänzlich mit erneuerbaren Energiequellen decken zu können. Das sind rund 100 neue Windkraftanlagen pro Jahr.“ Oder umgerechnet eine Million Stück der Mikrowindturbinen von MOWEA.
Leicht wird es jedenfalls nicht, dem notwendigen Ausbau der Windkraft nachzukommen. In den nächsten zehn Jahren würden rund 1.000 Megawatt Leistung aus alten Windkraftanlagen wegfallen, zudem bremsten langwierige Genehmigungsverfahren und fehlende Flächen den Bau neuer Anlagen. Es bräuchte endlich auch Projekte in den westlichen Bundesländern und diese müssten schneller umgesetzt werden.
„Installieren wir nun aber zehntausende Mikrowindturbinen, könne die Geräuschkulisse als störend empfunden werden“, warnt Udo Bachhiesl. Er ist stellvertretender Leiter des Instituts für Elektrizitätswirtschaft und Energieinnovation an der Technischen Universität Graz. „Es gab beim Bau des Grazer Murkraftwerks Widerstand und immer wieder bei neuen Photovoltaik-Anlagen. Außerdem strahlt das wie bei einer Discokugel, wenn Sonnenlicht auf die Rotorblätter trifft.“
MOWEA zufolge sei diesbezüglich mit keinen Problemen zu rechnen. Dank einer patentierten Verankerungstechnologie erwarte man nur leichte Vibrationen. Die Rotorblätter selbst seien kaum hörbar. „Wir konzentrieren uns auf Gewerbegebiete und Mobilfunkmasten. Dort gibt es weniger regulatorische Probleme und man stört keine Nachbarn“, sagt Robert Johnen. Auch der beschriebene Discoeffekt sei irrelevant, denn die Turbinen sind erstmal nur im außerstädtischen Raum angedacht. Bedenken von Tierschützern räumt er aus dem Weg. „Es gibt einen Vogelschutz. Bei Turbinen dieser Größenordnung bräuchte man den aber gar nicht.“

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Eine deutsch-österreichische Erfolgsgeschichte
Die ersten Turbinen sollen ab April nahe Wiener Neustadt beim Druckgussspezialisten Dynacast Österreich gefertigt werden. „Für uns ist es ein Meilenstein, in der Branche der grünen und erneuerbaren Energien einsteigen zu können“, erklärt Mario Hausleber. Er ist Projektmanager von Dynacast Österreich und für die Zusammenarbeit mit MOWEA verantwortlich. Sein Unternehmen baut hierfür Stahlformen, in denen flüssiges Aluminium unter hohem Druck zu Gehäusen und Anbauteilen gepresst wird. Diese werden anschließend gefräst und beschichtet, damit die Form erhalten bleibt. Pro Turbine braucht es fünf solcher Teile.
Mit weltweit über 20 Standorten könne bei Bedarf überall hin geliefert oder gar vor Ort produziert werden. Dies sei ein wichtiger Faktor in der Zusammenarbeit, denn
MOWEA hat besonders den asiatischen Markt im Visier. „Einer der größeren potenziellen Kunden sitzt aber hier in Österreich“, sagt Mario Hausleber und verweist damit auf die geplante Kooperation mit der Asfinag. „Wir wollen in der Branche gemeinsam mit MOWEA wachsen. Bald sollen sich auch auf unserem Firmendach Mikrowindturbinen drehen.“


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