Früchte der Sonne

EWS Sonnenfeld. EWS Consulting GmbH

Das „EWS Sonnenfeld“ im niederösterreichischen Bruck an der Leitha gilt als zukunftsweisendes Projekt in Sachen Landwirtschaft und Energiegewinnung. Es zeigt, dass sich die beiden um Flächen konkurrierenden Produktionen auch miteinander vereinen lassen.
Von Naz Küçüktekin

Auf den ersten Blick wirkt das Ganze ja ziemlich unspektakulär. Ein Feld eben, mit Photovoltaikanlagen. Nur dass diese nicht wie typischerweise flach angelegt sind, sondern leicht schräg. Und unter den Anlagen wächst ein bisschen Grün. Zwischen den Solarmodulen werden Mohn, Winterweizen, Getreide und auch Soja auf jeweils neun Meter breiten Ackerstreifen angebaut. Als im Grunde „sehr einfaches Prinzip” bezeichnet das Joachim Payr von der „EWS Consulting“, der maßgeblich daran beteiligt war, dass die sogenannte Agri-Photovoltaik-Anlage „EWS Sonnenfeld®“ überhaupt entstanden ist.
Doch ganz so einfach, wie es der Projektentwickler darstellt, ist es auch nicht. Nicht umsonst gilt das, was hier erprobt wurde, als Vorreiter in puncto Energiegewinnung und Landwirtschaft. So bekam das „EWS Sonnenfeld“ in Bruck an der Leitha als besonders innovatives „Muster- und Leuchtturmprojekt“ für Photovoltaik den Zuschlag des Klima- und Energiefonds. Vom Klimabündnis Europa wurde es mit dem „Climate Star Award“ 2023 ausgezeichnet.
Doch was genau ist eine Agri-Photovoltaik-Anlage? Und was macht sie so besonders?

Doppelnutzung von Flächen
„Strom, Landwirtschaft und Biodiversität. Alles in einem“ – das ist das Prinzip, auf dem das „EWS Sonnenfeld“ beruht, und das für Payr bereits seit 2019 eine innovative Zukunftsvision war. Denn für ihn müssen Energiegewinnung und Ackerbau nicht in Konkurrenz zueinander stehen – ganz im Gegenteil, sie können auch in einer Symbiose koexistieren. Aus diesem Gedanken heraus startete 2019 die „EWS Consulting GmbH“ in Kooperation mit dem Energiepark Bruck an der Leitha die Planung des Pilotprojekts. Nach zweijähriger Konzeption wurde das „EWS Sonnenfeld“ im Herbst 2022 in Betrieb genommen.

Seither wird das 5,5 Hektar große Grundstück in Bruck an der Leitha sowohl für Stromerzeugung als auch Landwirtschaft genutzt. Das Prinzip dabei ist, ohne nennenswerten Flächenverlust Strom zu erzeugen. Insgesamt nimmt die Energiegewinnung am „EWS Sonnenfeld“ zwei Prozent der Grundstücksfläche ein. 80 Prozent werden für die Lebensmittelproduktion genutzt. Die verbleibenden 18 Prozent der Fläche tragen als Blühstreifen zur Biodiversität am Feld bei. Eine Forschungsgruppe der Universität für Bodenkultur Wien ist ebenfalls an dem Pilotprojekt beteiligt. Sie evaluiert unter anderem, welche Auswirkungen die Schatten, die durch die Anlagen entstehen, auf die Pflanzen haben. Ein endgültiger Forschungsbericht steht noch aus, aber für Payr ist jetzt schon einer der größten Erfolge des Pilotprojekts, dass man die Bewirtschaftung aller angepflanzten Kulturen positiv abschließen konnte.

Rotierende, bifaziale Solarmodule
Eine Besonderheit der Photovoltaik-Module des „EWS Sonnenfeld“ ist auch, dass sie dem Sonnenverlauf im Tagesgang nachgeführt werden und so die Sonneneinstrahlung optimal nutzen. Im Unterschied zu fix montierten Modulen erwies sich das besonders im Winter als großer Vorteil. Im Vergleich zu fixen PV-Montagesystemen, die bei Schneebedeckung der Module keinen Strom produzieren können, haben die beweglichen und steuerbaren Solarpaneele am „EWS Sonnenfeld“ Sensoren, welche Schneefall erkennen und automatisch den sogenannten „Niederschlagsmodus“ aktivieren. Daraufhin werden die Modultische auf 70 Grad zur Windrichtung geschwenkt, wodurch der Schnee abrutschen kann und die Paneele weiterhin Sonnenstrom erzeugen. „Und weil wir bifaziale Glasmodule verwenden, wird durch die Reflexionsstrahlung, die durch den weißen Schnee noch größer ist, zusätzlich auch an den Rückseiten der Solarpaneele Sonnenstrom produziert. Diese auch Albedo genannte Reflexionsstrahlung addiert sich zur direkten Sonnenstrahlung“, sagt Joachim Payr.
5.500 solcher Module gibt es insgesamt auf der 5,5 Hektar großen Fläche in Bruck an der Leitha. Die jährliche Solarstromproduktion entspricht dem Verbrauch von 1.500 Haushalten.

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Weitere Anlagen schon in Planung
Für Payr ist das Pilotprojekt insgesamt jetzt schon ein Erfolg oder wie er sagt: eine mittlerweile konventionelle Technologie, die sich auch in der Praxis bewährt hat. Zwar seien Photovoltaikanlagen schon seit längerem eine erprobte Methode der Energieerzeugung gewesen, diese aber mit der Landwirtschaft zu kombinieren, habe aber doch einige Herausforderungen mit sich gebracht. „Es war unsere erstmalige praktische Erfahrung. Wir haben natürlich auch Fehler gemacht, aber aus denen haben wir auch viel gelernt. Und diese Erfahrungen und Learnings werden wir in Zukunft für weitere Projekte nutzen können”, sagt Payr. „Die technische Entwicklung ist für uns jedenfalls abgeschlossen. Was wir noch weiterentwickeln können, ist die Software in Bezug auf die Beschattungsintensität. Da sammeln wir noch Daten.”

Die Vision des Projektentwicklers wäre, eine zehn Hektar große Agri-PV-Anlage in jeder zweiten Gemeinde Österreichs zu errichten. „Damit würde man pro Anlage Strom für 3.000 Haushalte produzieren, während man noch acht Hektar für den Lebensmittelanbau nutzen kann”, erklärt Payr. Bis zu 17 Prozent des Strombedarfs Österreichs könne man laut ihm auf diese Art und Weise abdecken.
Eine Agri-PV-Anlage in Pellendorf, ebenfalls in Niederösterreich, ist seit 2023 bereits in Betrieb. Eine weitere ist im oberösterreichischen Schalchen in Planung. Grundstücke ab einer Fläche von fünf Hektar können von der „EWS Consulting Group“ kostenlos auf ihre Eignung als Agri-Photovoltaik-Anlage geprüft werden, womit man sowohl Landwirte, als auch Kommunen und Energiegemeinschaften ansprechen will.

Bis 2040 hat Österreich es sich zum Ziel gesetzt, klimaneutral zu werden. Um das zu erreichen, brauche es auch solche Lösungen, ist sich Joachim Payr sicher. Und indem man Bürgerinnen und Bürger und lokale Stakeholder miteinbezieht, könne auch die soziale Akzeptanz vom Ausbau erneuerbarer Energien gesteigert werden.


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