Green Investments

Versicherungen als Hebel für nachhaltiges Wachstum.

Von Herbert Ritsch

Versicherungsunternehmen beschäftigen sich zwar zunehmend mit Nachhaltigkeit, sind jedoch sehr zurückhaltend, wenn es um eine aktive Bewerbung nachhaltiger Versicherungsprodukte geht. Dies liegt an der strikten Auslegung der EU-Taxonomie, die Abweichungen leicht als „Greenwashing“ brandmarken könnte.

Am ehesten findet man Nachhaltigkeit bei fondsgebundenen Lebensversicherungen. Immer mehr Versicherer ergänzen ihr Fondsangebot um nachhaltige Fonds, die bestimmte ökologische und soziale Mindeststandards erfüllen. Diese orientieren sich an der EU-Offenlegungsverordnung und werden in Artikel 8 (hellgrün) und Artikel 9 (dunkelgrün) eingeteilt. Beispiele sind Fonds, die nicht in Rüstung, Öl oder Kohle investieren oder gezielt Unternehmen mit hohen ESG-Standards auswählen.

Laut einer Studie der Ratingagentur Morgen & Morgen bieten mittlerweile über 90 Prozent der Lebensversicherer weltweit nachhaltige Fonds dieser Kategorien an. Deren Anteil am Gesamtangebot beträgt 30 bis 50 Prozent. In Österreich tun dies alle großen Versicherungen, während manche kleinere sehr zurückhaltend sind.

Eine von mir für die Arbeiterkammer Wien durchgeführte Umfrage bei den 20 größten österreichischen Versicherungen, wie zum Beispiel Merkur, Österreichische Beamtenversicherung oder auch Wiener Städtische, hat ergeben, dass Interessenten von Finanzprodukten der Faktor Nachhaltigkeit zwar wichtig ist, sie jedoch nicht aktiv danach fragen. Dies hängt auch mit der Beratung im Kundengeschäft zusammen. Bei einem in den Versicherungsunternehmen durchgeführten Mystery Shopping rieten sogar acht von zehn Kundenberaterinnen und -beratern explizit von nachhaltigen Fonds ab, mit dem Argument angeblicher Renditenachteile gegenüber herkömmlichen Fonds.

Auch bei Sachversicherungen beschäftigen sich Versicherer zunehmend mit Nachhaltigkeit. Potenzial für nachhaltige Angebote besteht hier vor allem in den Bereichen:

Kfz-Versicherungen: Tarife mit Vergünstigun-gen für E-Autos, Hybrid- oder andere emissionsarme Fahrzeuge.

Haftpflichtversicherungen: Bessere Konditionen für Unternehmen aus nachhaltigen Branchen.

Gebäudeversicherungen: Günstigere Tarife für klimafreundliche Gebäude.

Gewerbeversicherungen: Vergünstigungen für nachhaltige Produktionsverfahren und Umweltmanagementsysteme.

Das Angebot nachhaltiger Sachversicherungen ist leider noch begrenzt. Laut einer Erhebung des Deutschen Vereins für Versicherungswissenschaft bieten derzeit nur rund 20 Prozent der Versicherer in mindestens einem Sachversicherungsbereich Nachhaltigkeitsaspekte an. In der Sachversicherung steckt das Thema Nachhaltigkeit daher noch in den Anfängen. Angesichts der steigenden Nachfrage nach nachhaltigen Angeboten gibt es für Versicherer jedoch großes Potenzial, sich als Vorreiter zu positionieren.

Die Anzahl der Schadensfälle in Österreich zeigt einen stetigen Anstieg, was ein enormes Potenzial eröffnet, das sich aus der Ersetzung dieser Schäden durch überwiegend nachhaltige Produkte ergibt – sofern sie durch die Versicherung abgedeckt sind. Laut Jahresbericht des Versicherungsverbands lag die Summe der Schadenversicherung im Jahr 2022 inklusive KFZ bei rund 40 Milliarden Euro. Würden diese Schadenersatzleistungen nachhaltige Produkte einfordern, ließe sich der große Hebel erkennen, den Versicherungen kraft ihres Geschäftsmodells haben. Jedoch gibt es ein großes Hindernis.
Und dieses liegt in der Klausel „Gleichartig und gleiche Güte“. Diese ist in jeder Wohngebäudeversicherung oder Haushaltsversicherung enthalten. Sie bedeutet, dass der Versicherer verpflichtet ist, beschädigte Gebäudeteile mit Materialien gleicher Art und Qualität wie die vorhandenen wiederherzustellen.

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Möchte man beispielsweise eine kaputte Ölheizung mit Mehrkosten durch eine Wärmepumpe ersetzen, müsste die Versicherung dies nicht zwangsläufig unterstützen. Man wäre gezwungen, auf eine neue Ölheizung zurückzugreifen, um Versicherungsleistungen zu beanspruchen. Konsumentinnen und Konsumenten sollten bei ihren Versicherungen deshalb unbedingt nach Einfügung der Klausel „Mehrleistung bei nachhaltigem Schadenersatz“ fragen. Durch die Klausel der Mehrleistung könnte die Versicherung die zusätzlichen Kosten für eine Wärmepumpe abdecken.

Die Ostangler Brandgilde VVaG, in Deutschland und Österreich tätig, ist ein Best-Practice-Beispiel im Bereich nachhaltige Sachversicherung. Bei einem Totalschaden leistet sie beispielsweise auf Wunsch des Versicherungsnehmers Mehrkosten für eine nachhaltige Reparatur von bis zu 20 Prozent über dem versicherten Zeitwert. Eine zentrale und sich herausbildende Forderung ist daher: Die Mehrleistung für Nachhaltigkeit muss als Klausel in jede Art der Versicherung (Haushalt, Wohnen und Recht, Unfall, Leben, Gesundheit) aufgenommen werden.

Herbert Ritsch ist seit 2021 akkreditierter Prüfer des Österreichischen Umweltzeichens für Finanzprodukte (UZ-49). Mit seiner Firma ESG Solutions berät er Unternehmen und Investoren bei der nachhaltigen Geldanlage.


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