Grenzgänger

In einer italienischen Grenzstadt leben hunderte Geflüchtete auf der Straße. Während die Stadtregierung kaum Unterstützung bietet, ist es die Zivilbevölkerung, die Menschen versorgt. Von Sarah Kleiner

Ein unscheinbarer Parkplatz in Ventimiglia, Ligurien. Müllcontainer säumen links den Weg zur Caritas. Vor der Zufahrt schlafen drei Männer am Boden. Sie liegen auf einem ausgebreiteten Pappkarton und haben sich die Kapuzen ihrer Jacken über den Kopf gezogen, um sich vor der Sonne zu verstecken, die der italienischen Mittelmeerküste auch im Oktober noch sommerliche Temperaturen beschert. Der tägliche Andrang für die kostenlosen Essensrationen ist vorbei, nur noch zwanzig Menschen stehen in Grüppchen zusammen. Sie warten auf „il dottore“. Ein weißer Lieferwagen biegt ums Eck und parkt. Mit ein paar Handgriffen wird ein Zelt als Unterstand aufgebaut. Cecilia Momi nimmt auf einem Hocker Platz und klappt den Laptop vor sich auf.

„Die Mehrheit der Migranten, die nach Ventimiglia kommen, sind Menschen, die nur durchreisen und versuchen, andere EU-Länder zu erreichen“, sagt Momi. „Viele waren vorher in Ländern wie Tunesien oder Libyen, wo ihnen die verschiedensten Arten von Gewalt widerfahren sind. Sie wurden schlecht behandelt und bitten jetzt einfach um Hilfe.“ Cecilia Momi ist Humanitarian Affairs Officer bei „Ärzte ohne Grenzen“. Die NGO betreibt in Ventimiglia eine mobile Klinik, mit der Migranten und Geflüchtete medizinisch versorgt werden. Denn die 24.000-Einwohner-Stadt an der italienischen Riviera hat sich zum „Flaschenhals“ der europäischen Fluchtbewegung entwickelt.

Hunderte Menschen wollen die naheliegende Grenze zu Frankreich passieren, aber die wird seit 2015 strengstens bewacht, mittlerweile mit Helikoptern, Drohnen, Nationalpolizei. Alle Züge aus Italien werden durchsucht. Die nächsten Stationen des Regionalzugs nach der französischen Grenze haben klingende Namen: Cannes, Monaco, Nizza – die Schmuckstücke der Côte d‘Azur. Personen, die mit dem Auto, dem Zug oder auch zu Fuß nach Frankreich wollen und ohne gültige Einreisedokumente angetroffen werden, werden zurück nach Italien gebracht, etwa 80 Personen pro Tag. Nachdem die Stadtregierung Ventimiglias die Unterstützung für Geflüchtete in den vergangenen Jahren sukzessive zurückgefahren hat, landen die meisten von ihnen auf der Straße. Momentan leben etwa 400 Menschen ohne Unterkunft in der Stadt, und ohne Perspektive.

Von Februar bis Juni 2023 hat „Ärzte ohne Grenzen“ in der mobilen Klinik in Ventimiglia sowie an der italienisch-französischen Grenze 320 Menschen medizinisch behandelt oder beraten. Das Durchschnittsalter der Personen war 23, die größte Altersgruppe waren 16- bis 20-Jährige. Etwa ein Drittel waren Frauen, 23 waren schwanger oder stillende Mütter, 15 Patienten waren unter fünf Jahre alt. Die meisten Menschen kamen ursprünglich von der Elfenbeinküste (28 %), Guinea (28 %) und Kamerun (5 %). Zudem nahmen beinahe 700 Menschen an sozialmedizinischen Gruppensitzungen teil.
Spendenmöglichkeit:
aerzte-ohne-grenzen.at/spenden


Cecilia Momi, Humanitarian Affairs Officer bei Ärzte ohne Grenzen.
Foto Sarah Kleiner


Während der Arzt – „il dottore“ – im Inneren der mobilen Klinik einen Patienten nach dem anderen versorgt, notiert Momi die einzelnen Fälle und hört sich die Geschichten der Menschen an. Ein junger Mann aus Burkina Faso erzählt, dass er über Tunesien nach Italien gekommen sei, er war zuvor in Neapel, sitzt nun aber Ventimiglia fest. Er wollte nach Frankreich, da er Französisch spricht, hoffte er, dort Arbeit zu finden. Aber nachdem die Grenzbeamten Fingerabdrücke genommen und ein kurzes Interview mit ihm geführt haben, wurde er zurück nach Italien gebracht. Wieder einmal. Die meisten Geflüchteten haben schon mehrmals probiert, die Grenze zu überqueren, manche über 20 Mal.

Die restriktive Grenzpolitik, die im Schengenraum mittlerweile zur Tagesordnung gehört, zeigt in Orten wie Ventimiglia ihre volle Konsequenz. In der Stadt, die vom Tourismus lebt, in der Stadtbewohner und Urlauber sich in diesem warmen Herbst am Strand räkeln, prallen Welten aufeinander. Urlaub und Flucht, reich und arm, Menschen mit Rechten und Entrechtete. Nachdem ein größeres Camp 2020 vom ehemaligen Bürgermeister geschlossen wurde, bleibt den Geflüchteten und Migranten nichts anderes, als am Flussbett zu schlafen, in leerstehenden Häusern, an den Schienen. Es gibt für sie kein Vor und kein Zurück. Zur Zeit gibt es etwa 40 offizielle Schlafplätze in der Stadt, bei der Caritas und in einem PAD („Punto di Accoglienza Diffusa”, Aufnahmezentrum, Anm.), vorrangig für Familien und unbegleitete Minderjährige. Es sind die zivilen Hilfsorganisationen, italienische, französische und kirchliche Vereine, die die Migranten in der Stadt mit dem Nötigsten versorgen.

Gegenüber des Friedhofs von Ventimiglia, wieder auf einem großen Parkplatz, sammeln sich jeden Abend Freiwillige wie Filippo, um ihnen Getränke und eine warme Mahlzeit anzubieten. Gegen 18 Uhr werden auf einem Biertisch große Behälter gestellt, heute gibt es Penne mit Tomatensauce. Die Geflüchteten stellen sich in einer Reihe an. Egal, wo sie hinkommen, erst mal müssen sie warten. Nur wenige haben einen Rucksack oder eine Tragetasche bei sich, manche sind barfuß.

„Wir haben zur Zeit Probleme, genug Schuhe für die kalte Jahreszeit aufzutreiben“, sagt Filippo. Er ist Pensionist und ein unterhaltsamer Zeitgenosse, früher war er Maurer und Handwerker am Bau. „Mit dem Essen, das wir zur Verfügung stellen, lösen wir schon die Hälfte der Probleme, die die Menschen in ihrem Kopf haben“, sagt Filippo. Er erzählt Anekdoten und scherzt mit den Migranten. „Mangia, mangia“ – iss, iss! – sagt er zu einem und deutet ihm, sich hinten in der Reihe anzustellen. Er erklärt den Menschen, dass sie nicht über Ventimiglia versuchen sollen, nach Frankreich zu kommen, sondern über andere Wege. An der Riviera ist die Grenze dicht. Dass die Stadtregierung die Essensausgabe eigentlich untersagt hat, hält die freiwilligen Helfer nicht ab herzukommen.

Der Bahnhof von Ventimiglia.

Foto Sarah Kleiner

Organisiert wird die tägliche Mahlzeit von der „Scuola di Pace“, einem Verband von mehr als 30 gemeinnützigen Vereinen, darunter zum Beispiel die lokale Caritas, ein Verein für Geschlechtergleichstellung namens „Penelope“ oder auch „Spes“, eine Initiative, die Unterstützung für Menschen mit Behinderung anbietet. Die Menschen, die helfen, sind Pensionisten, Lehrer, Sozialarbeiter, Studierende. Die meisten Vereine, die jeden Abend abwechselnd hierher zum Friedhof kommen, sind allerdings französisch. Während die Regierungen Italiens und Frankreichs sich auf politischer Ebene gegenseitig die Verantwortung für die brenzlige Situation in der Stadt zuschieben, arbeiten die Menschen hier zusammen.

Luciano Codarri, der Gründer und ehemalige Präsident der „Scuola di Pace“, sitzt in einem Wagen und beobachtet das Geschehen vom Beifahrersitz aus. Er ist hochbetagt, hat nur noch einen Lungenflügel, wie wir erfahren, und steigt nicht aus dem Auto. Codarri raucht eine Zigarette und bläst den Rauch aus dem heruntergelassenen Fenster. „Heutzutage baut man politischen Konsens auf dem Leben und dem Blut von anderen auf”, sagt er gelassen. Er erzählt, dass er als Missionar, Priester und Gewerkschafter tätig war, dass er den Verein „Spes“ und die „Scuola di Pace“ gegründet hat. „Ich war bestimmt immer auf der Seite der Armen. Ich bin profund gläubig, aber nicht in die Institution der Kirche, sondern gläubig an die Werte des Evangeliums.“ Spricht man mit Menschen wie ihm oder Filippo, so stellt sich die Migrationsfrage als eine ganz einfache dar. Die Antwort ist immer Mitmenschlichkeit: eine, die vor der Politik, vor dem Populismus, dem Geld, der Angst, vor dem Misstrauen steht.

Natürlich entstehen in Städten wie Ventimiglia, in den Grenzgebieten des modernen Europas, durch die hohe Zahl an Zuwanderern Probleme. Die aussichtslose Situation der Menschen wirkt sich auf die Kriminalität in der Stadt aus, Ladendiebstähle und Schlägereien mehren sich. Auch bei der Essensausgabe sind zwei Männer sichtlich betrunken und machen Stress. Die Migrationsfrage dividiert die Stadtbevölkerung dadurch immer mehr auseinander. Die Stadtpolitik der vergangenen Jahr setzte auf Abschreckung, in der Hoffnung, dass weniger Menschen in Ventimiglia bleiben würden.

„Die Migranten sind tatsächlich bedürftige Menschen“, sagt Bürgermeister Flavio Di Muro in seinem Büro im Rathaus von Ventimiglia. „Die erste Maßnahme, die ich als Bürgermeister ergriffen habe, war deshalb die Eröffnung des PAD. Wir haben bereits Vereinbarungen zur Aufnahme unbegleiteter minderjähriger Ausländer, wobei zu beachten ist, dass die Minderjährigen nach Frankreich überführt werden sollten. Dann gibt es viele Migranten, die zwar aus schwierigen Lebenssituationen kommen, aber Schlägereien, Kriminalität, Belästigung und illegale Aktivitäten begehen.“ Der seit Mai amtierende Bürgermeister der rechten Lega-Partei hat die komplexe Aufgabe, die unterschiedlichen Interessen in der Stadt unter einen Hut zu bringen. Bürger wollen sich sicher fühlen in der Stadt, Frankreich will trotz Verurteilungen durch den Europäischen Gerichtshof die Grenze nicht öffnen, die Stimmung ist auf allen Ebenen angespannt. Die NGOs fordern eine adäquate Unterkunft, die Migranten brauchen sie. Inwieweit die heutigen Probleme durch die fehlgeleitete Migrationspolitik der Mitte-rechts Stadtregierung Ventimiglias verursacht wurden, will Di Muro nicht kommentieren, er konzentriere sich auf die Zukunft.

Optimismus des Willens

Als die Dunkelheit über die Freiwilligen der „Scuola di Pace“ hereingebrochen ist, biegt die Polizei auf den Parkplatz ein. Mehrere Beamte steigen aus und kommen zu Filippo. Sie wollen wissen, wie viele Mahlzeiten ausgegeben wurden. Es waren über 100. Nachdem es keine offizielle Anlaufstelle für Migranten und Geflüchtete in der Stadt gibt, geben die Essensrationen von Caritas und „Scuola di Pace“ Aufschluss darüber, wie viele sich ungefähr in der Stadt befinden, ob es mehr werden oder weniger. NGOs und Hilfsorganisationen fordern auch deshalb eine Einrichtung, in der Durchreisende für eine gewisse Zeit unterkommen; in der sie Wasser und Essen, medizinische und psychosoziale Angebote, rechtliche Beratung bekommen.

„Also wenn man die Wahl hat, dass Menschen auf ihrem Weg auf der Straße leben, unter einer Brücke, am Strand oder entlang des Flusses, ohne Unterkunft, ohne Wasser und Essen, oder dass sie in einer oder mehreren Einrichtungen untergebracht werden unter angemessenen Bedingungen, dann denke ich, letztere Option wäre die bessere für alle Beteiligten“, sagt Cecilia Momi. Abhilfe soll ein Transitzentrum schaffen, das Flavio Di Muro noch diesen Winter in Ventimiglia eröffnen will. Es soll regulären Migranten, also Personen, die identifiziert sind, die sich im Einwanderungs- und Asylprozess befinden, zugänglich sein. Nachdem die Verwaltung in Italien teilweise mehr als sechs Monate braucht, um Termine für Asylgesuche wahrzunehmen, ist zu erwarten, dass in Ventimiglia auch mit so einer Einrichtung Menschen auf der Straße bleiben.

Die politische Lösung der Migrationsfrage tendiert zu einer Selektion von Menschen; einer Unterscheidung zwischen denen, denen man helfen soll und jenen, die kein Recht auf Hilfe haben, weil sie aus den falschen Gründen in Europa sind. Für die zivilen Helfer tut die politische Lösung nichts zur Sache. „Die Geschichte zeigt uns, dass es in einem Augenblick von Veränderung Leute gibt, die Angst haben“, sagt Luciano Codarri, rauchend und in seinem Auto sitzend. „Und es gibt die, die stattdessen den Mut der Hoffnung und der Erneuerung haben. Wir wollen zu dieser zweiten Sorte von Menschen gehören. Und wir sind überzeugt, dass wir in der Geschichte die Gewinner sein werden.“ Zum Schluss zitiert er den italienischen Philosophen und Kommunisten Antonio Gramsci. „Wir haben den Pessimismus der Vernunft, aber einen großen Optimismus des Willens.“


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