„Gutes tun muss Grenzen überschreiten“

Die Umweltaktivistin Céline Cousteau ist mit dem Amazonasgebiet seit ihrer Kindheit verbunden. Ihre Erkenntnisse über die indigenen Völker des Javari-Tals in Brasilien verarbeitet sie heute als Dokumentarfilm, als Unterrichtsprogramm und als Gastdesignerin bei Swarovski. Von Juliane Fischer

Sie stammen aus einer Familie, in der so gut wie alle auf Achse waren. Ihr Großvater Jacques war ein Pionier der Meeresforschung, ihr Vater hat als Taucher und Filmproduzent gearbeitet, ihre Mutter ging als Fotografin auf Expedition. Kann man da anders, als auch in diesem Bereich zu landen?
Ich habe eigentlich Kunst und Psychologie studiert und im Krankenhaus gearbeitet. Was mich interessiert, ist der menschliche Geist. Mit interkulturellen Beziehungen hatte ich immer zu tun. Ich will wissen, wie Unternehmen quer durch die Kulturen funktionieren und wie wir als globale Gesellschaft ticken. All diese Bereiche spielen in meinem Tun eine Rolle. Denn man kann Natur und Mensch nicht getrennt sehen. Wenn wir also über Umwelt sprechen, müssen wir immer die Menschen in den Mittelpunkt stellen.


„Wenn ich nicht offen bin für

Zusammenarbeit, dann erreiche

ich keine neuen Leute, sondern

rede nur für die eigene Blase.“


Wo und wie sind Sie aufgewachsen?
Meine Familie war durch die Arbeit in den USA. Wir zogen von Frankreich nach Los Angeles. So bin ich zwar in Kalifornien geboren, aber ich empfinde meine Wurzeln in Frankreich, wo beide Familienzweige herkommen und wohin ich immer zurückkehre. Ich bin eine Nomadin und brauche nur einen Ort, zu dem ich regelmäßig kommen kann.

Was war ein Schlüsselmoment in Ihrer Kindheit?
Meine Amazonasreise, als ich neun Jahre alt war, war wichtig für mein Bild von der Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt, unserem Ökosystem. Es war nicht unbedingt geplant von meiner Familie, mich und meine Karriere damit zu beeinflussen, aber meine gesamte Familie reiste hin und so hatte ich auch die Chance für ein paar Wochen. Wir flogen nach Peru und wir gingen dort an Bord des Forschungsschiffs „Calypso“. Diese Zeit schuf zweifellos eine starke Verbindung zu diesem Ort.

Das war 1981. Wann kamen Sie wieder dorthin zurück?
Das zweite Mal war 2006. Im Rahmen einer Filmexpedition meines Vaters. Es ging bei dieser Doku „Rückkehr zum Amazonas“ darum, den Reisen meines Großvaters nachzuspüren.
Wir besuchten die Plätze, an denen mein Opa geforscht hatte und das verfestigte den Bezug. Gerade in diesem indigenen Gebiet entstand so eine Verbindung mit den Leuten. Sie fragten mich, ob ich zurückkommen könnte und die Geschichte der Marubo erzählen möchte, sodass Menschen etwas über ihr Leben lernen konnten. So entstand mein Film und die Kampagne „Tribes on the Edge“.

Natürlich sieht man die Welt als Kind ganz anders, aber was hat Sie überrascht nach einem Vierteljahrhundert, was hatte sich verändert?
Als Kind lebst und erfährst du alles direkt im Augenblick. Du analysierst nichts. Das war der Unterschied zum erwachsenen Blick. Ich habe gelernt, dass die Indigenen mehr mit sich selbst, ihren Mitmenschen und der ganzen Erde verbunden sind. Und ich sah, was zig-fach in den Nachrichten geschildert wird: Der Amazonas wird zerstört, die Ureinwohner verschwinden, der Wald wird abgeholzt, illegale Aktivitäten, Waldbrände – all das, aber es ist noch einmal ganz anders, wenn man es vor Ort erlebt. Dann nimmt es eine ganz andere Bedeutung und Gewichtung in deinem Leben ein. Ich bin dem Platz tief verbunden und es ist mir bewusst: Wir alle hängen unweigerlich damit zusammen, was dort passiert.

Sehen Sie nachhaltigen Tourismus als einen Weg, um Wissen und Verständnis für die globalen Auswirkungen unserer Lebensweise zu erlangen?
Yeah, ich meine, Reisen an sich ist ein Privileg und ein Luxus. Das sehen wir durch die Pandemie noch viel mehr. Ich hoffe, diese Zeit bewirkt, dass das den Leuten bewusst wird.
Das Virus zeigt uns, wie alles zusammenhängt. Wenn wir das nicht daraus lernen, verpassen wir eine große Chance. Egal, wo es seinen Anfang genommen hat, Tatsache ist, dass wir alle davon betroffen sind und jetzt kommt es darauf an, wie wir damit umgehen. Jeder reagiert anders, die Regierungen reagieren anders. Der Zugang zum Gesundheitswesen ist höchst unterschiedlich. Wohlstandsunterschiede werden besser sichtbar.
Wir können uns als Touristen fühlen, ohne zu reisen. Wenn ich als „Explorer“ bezeichnet werde, dann sehe ich mich nicht in einer Reihe mit jenen, die den Gipfel des höchsten Berges erklimmen und auf Skiern ans Ende der Welt gehen. Mir geht es um eine innere Erforschung, unabhängig davon, wo du dich gerade befindest.

Was macht dabei die vielgepriesene „Nachhaltigkeit“ aus?
Nachhaltiger Tourismus geht über die wiederbefüllbare Wasserflasche hinaus. Die sollte sowieso eine Selbstverständlichkeit sein, genauso wie unser kompostierbares Holzbesteck.
Nachhaltiger Tourismus ist eine Denkweise. Es geht um Respekt und darum, den Einheimischen etwas zurückzugeben. Zu dieser Einstellung gehört zu erkennen: Manchmal muss man einfach gar nicht reisen. Ich schätze es, dass ich weniger herumfahren muss. Manchmal sind persönliche Treffen unersetzbar, aber ist wirklich jede Dienstreise nötig?

Seit 2015 sind Sie Testimonial für Tread Right, einer Organisation für nachhaltiges Reisen. Warum und was beinhaltet diese Rolle?
Für mich ist es wichtig mit Leuten zu arbeiten, die unverfälscht und ehrlich sind. Die Tread Right Foundation ist eine Plattform mit starken Prinzipien und einem authentischen Fundament. Als Botschafterin verbinde ich sie, Konzerne und die Öffentlichkeit. Ich sehe mich als Storyteller.
Jetzt ist der Zeitpunkt, sich neu zu orientieren. Tread Right hat die Chance genutzt und sich Ziele zur Klimaneutralität gesetzt. Tourismus hat eine große Hebelwirkung. Darin liegt riesiges Potenzial zu einem wahren Wandel. Die Branche besteht nicht nur aus großen Konzernen und Flugreisen. Da hängen viele lokale KMUs dran. Zu sagen „Wir verreisen jetzt einfach nicht mehr!“ ist keine Option. Da bricht in manchen Regionen das gesamte Wirtschaftssystem zusammen. Dass Tread Right jetzt in diesem Kollaps weitermacht, beweist für mich, dass sie sich aus den richtigen Gründen einsetzen.

Wie unterstütze ich nachhaltigen Tourismus?
Das ist auch jetzt nicht unmöglich. Ich finde es wichtig, regionale Anbieter zu unterstützen, also wohne ich immer in kleinen Unterkünften, keinen Hotelketten. Anstatt weit weg zu reisen, kann man nun in der Nähe Erholung suchen. Wir sind für ein Wochenende drei Stunden lang in ein Skigebiet gefahren. Die Lifte waren geschlossen, aber wir haben so die lokale Wirtschaft gestärkt. Es sind kleine Schritte, aber anstatt den Kaffee oder das Mittagessen zuhause zu machen, sollten wir es uns öfter von der regionalen Gastronomie holen. Wähle genau, wo du buchst und zahle faire Preise! Gibt es ein Projekt oder eine lokale NGO, die man fördern kann? Wie schaut der ökologische Fußabdruck der Reiseunternehmen aus? Wenn man sich vorher ordentlich Gedanken macht, kann man im Urlaub wirklich entspannen.

Ihr letzter Urlaub?
Anfang des Jahres war ich in Marokko. Unsere Unterkunft war ein kleines Bed and Breakfast, normalerweise für Yoga-Retreats. Außer uns war niemand dort. Ich war mit meinem Sohn Reiten mit einem einheimischen Fremdenführer.

Woran arbeiten Sie aktuell?
Seit acht Jahren arbeite ich an Folgenprojekten meines Doku-Films „Tribes on the Edge“. Eine Erweiterung ist ein Bildungsprogramm für Schulen in den USA, inspiriert durch den Film. Wir werden uns auch die Vernetzung innerhalb der Gesellschaft, globale Ernährungspolitik ansehen. Zielgruppe sind Neun- bis Zwölfjährige. Bei meiner Initiative im brasilianischen Javari-Tal läuft gerade eine Biodiversitätsanalyse. Außerdem habe ich ein Buch geschrieben und ich suche Partner, um Augmented und Virtual Reality-Inhalte zu erstellen und die Geschichten über Umwelt, Natur und Menschlichkeit mit neuen technischen Mitteln zu erzählen. Die Form ändert sich, die Botschaft bleibt die gleiche!

Betrifft das auch Ihr Gastdesigner-Projekt mit Swarovski?
Es ist egal, was die Storytelling-Form ist. Auf die Message dahinter kommt es an.

Recherchieren Sie vorher über so ein Unternehmen, beispielsweise bezüglich Ressourcennutzung?
Ja, schon ein bisschen. Was ich interessant fand, war ihre Wassernutzung. Sie brauchen recht viel Wasser um die Kristalle zu schneiden. Das erhitzte Wasser pumpen sie dann aber zurück in den Ort. Es wird in ein Heizungssystem eingespeist. Das fand ich faszinierend!

Haben Sie Angst für Greenwashing genutzt zu werden?
Das ist eine gute Frage! Das Risiko besteht immer. Kooperationen möchten nun einmal gut ausschauen. Die Frau, die für Partnerschaften bei Swarovski zuständig war, kontaktierte mich mit einem handgeschriebenen Brief! Das macht einem den Menschen hinter einem Konzern bewusst. So hatten sie gleich meine volle Aufmerksamkeit. Wir müssen einsehen: Gutes tun muss Grenzen überschreiten! Wenn ich nicht offen bin für Zusammenarbeit, dann erreiche ich keine neuen Leute, sondern rede nur für die eigene Blase. Und vielleicht ist eine echte Verbesserung geplant? Alles, was im Licht der Öffentlichkeit ist, ist einer Kritik ausgesetzt – verstärkt durch die Sozialen Medien. Urteile werden rasch gefällt, obwohl die Wissensbasis klein ist. Es ist komplex. Aber ich lasse mich nicht abhalten von Komplexität!

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Welche positiven Seiten sehen Sie an der Pandemie?
Es gibt eine Unmenge an potenziellen positiven Seiten. Ich investiere so viel Zeit für die Wiederverbindung von uns mit der Natur, aber jetzt kann es auch darum gehen, sich nach innen zu kehren und zu fragen: Was funktioniert in meinem Leben nicht? Was brauche ich? So kann man diese Zeit zur Reflexion nützen und eine neue Perspektive gewinnen. In mein Highschool-Jahrbuch schrieb ich damals ein Zitat des französischen Rappers MC Solaar. Sinngemäß übersetzt heißt es: „Ich komme voran, indem ich zurücktrete, denn der Schritt zurück ist ein Anlauf, um Voranzukommen.“ Genau diese Chance bekommen wir gerade. Wir müssen uns nicht ständig nach außen richten, sondern uns fokussieren, Gedanken sammeln, auf uns achten, emotional, körperlich und geistig. Wenn wir wieder ein bisschen freier sind und die Energie nach draußen in die Welt
bringen können, wird es sich lohnen. Zumindest ist das meine
Hoffnung!

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