Hoffnung am Brennpunkt

Nigerias Lebensmittelproduktion baut zu einem großen Teil auf Substistenzwirtschaft auf. Foto Zews

Nigeria spürt die Auswirkungen des Klimawandels deutlich. Dürren, Überschwemmungen und soziale Unruhen, die sich immer mehr zuspitzen, erschweren die landwirtschaftliche Produktion. Zukunftspotenzial für die Lebensmittelversorgung bietet der Agroforst.
Von Sarah Kleiner

„Ich habe Angst um mein Land“, sagt Onyebuchi Patrick Agwu. Er hetzt an diesem Donnerstag von Termin zu Termin, führt das Interview zwischen Forschungsberichten und dem Vorbereiten von Lehrveranstaltungen am Telefon. „Ich befürchte, dass sich die landwirtschaftliche Produktion in naher Zukunft so drastisch reduzieren wird, dass wir nicht mehr genug Essen für die Bevölkerung herstellen können“, sagt Agwu. Der Klimaforscher beschäftigt sich seit Jahren mit der Landwirtschaft Nigerias und mit dem Klimawandel.

Onyebuchi Patrick Agwu

Der westafrikanische Staat zwischen Benin und Kamerun ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Flächenmäßig ist er etwa 11-mal so groß wie Österreich, allerdings leben dort beinahe 215 Millionen Menschen. Die Bevölkerung hat sich in den vergangenen 60 Jahren vervierfacht und die Lebensmittelproduktion kann dem immer weniger nachkommen, zunehmend auch aufgrund des Klimawandels. Nigeria ist eines der Länder, das dessen Auswirkungen bereits deutlich zu spüren bekommt. Es gilt als Brennpunkt der Klimakrise.

Laut Prognosen könnte die Republik die schwersten Ernteverluste Afrikas verzeichnen, eine Studie der Weltbank rechnet bis Mitte des 21. Jahrhunderts mit einem Rückgang der Ernteerträge in Nigeria um bis zu 30 Prozent gegenüber dem Mittel der Jahre 1975 bis 2005. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Regenzeit verschoben, gleichzeitig sinken die Niederschlagsmengen. Im ganzen Land, aber vor allem im Norden, wo die Sahelzone in die trockene Savanne übergeht, gibt es immer öfter und immer länger andauernde Dürreperioden. Ein Großteil des Getreides, das national konsumiert wird, stammt allerdings aus dem Norden, Mais und Sorghumhirse, auch „guinea corn“ genannt, dominieren die dortige Landwirtschaft.

Auf der anderen Seite werden insbesondere die Küsten- und Flussregionen von Überschwemmungen bedroht. Das Eindringen von Salzwasser macht Felder und Grundwasser unbrauchbar, Sturmfluten mehren sich. Im vergangenen Jahr wurden durch Überflutungen mehr als 500.000 Hektar Anbaufläche im Land zerstört. In den diesjährigen Sommermonaten könnten laut UNICEF 25 Millionen Menschen Gefahr laufen, zu hungern, 17 Millionen sind bereits heute unterversorgt. Und in einer Studie kamen Klimaforscher der „World Weather Attribution Group“ zu dem Schluss, dass solche Regenfälle durch den Klimawandel 80 Mal wahrscheinlicher wurden. Während die Vereinten Nationen die nigerianische Regierung, die Spendengemeinschaft, private und öffentliche Stakeholder dazu aufruft, aktiv zu werden und Hilfe zu leisten, besucht Onyebuchi Patrick Agwu Farmer auf ihren Gründen. Seine Antwort auf die Herausforderungen der Lebensmittelversorgung ist der Agroforst.

„Ich habe bereits elf Bauerndörfer besucht und sie haben schon auf Agroforstwirtschaft umgestellt“, erklärt der Forscher. Dabei handelt es sich um ein traditionsreiches Anbausystem, das in Nigeria (aber auch in Österreich) schon lange praktiziert wird. Agroforste sind Landnutzungssysteme, bei denen Gehölze, also Bäume oder Sträucher, mit Ackerkulturen und teilweise auch Viehzucht auf einer Fläche kombiniert werden. So entstehen Synergien zwischen den einjährigen und mehrjährigen Anbausystemen. Die Ackerflächen werden mit Baum- oder Strauchreihen durchsetzt, was den Boden auflockert und ihn auf Dauer fruchtbarer macht. Es wird auf multifunktionale Nutzpflanzen geachtet, in dem zum Beispiel „Düngerbäume“ oder Futterstauden für das Vieh angesetzt werden. Außerdem fungiert das Gehölz als Überschwemmungsprävention, indem es den Oberflächenabfluss nach Regenfällen minimiert. Die Agroforstwirtschaft bringt also klar umwelttechnische Vorteile für die Biodiversität und die Bodenqualität, andererseits profitiert auch der Landwirt selbst. Es handelt sich um ein Low-Input-System, das heißt, es soll mit wenigen bis gar keinen zusätzlichen Hilfsmitteln wie künstlichen Düngemitteln oder Pestiziden gearbeitet werden. Die Welternährungsorganisation (FAO) erkannte die Wichtigkeit von Agroforstsystemen für den Naturschutz Mitte der 1970er Jahre offiziell an.

In der Agroforstwirtschaft werden Gehölze, Ackerkulturen und teilweise auch Viehzucht auf einer Fläche vereint.

Mit dem raschen Bevölkerungswachstum wuchs in Nigeria auch die landwirtschaftliche Produktion, was die Errichtung großer Monokulturen und den Einsatz von Pestiziden mit sich brachte. Die heutige landwirtschaftliche Struktur basiert noch zu einem großen Teil auf Subsistenzwirtschaft, aber die großen Ländereien und Plantagen, auf denen Orangen, Maniok, Palmfrüchte oder Kakao hergestellt werden, leisten einen wichtigen Beitrag zur nationalen Versorgung und zur Exportwirtschaft. Dabei kommen laut Pestizidatlas der NGO „Global2000“ auch Stoffe zum Einsatz, die in Europa aufgrund ihrer krebserregenden Wirkung verboten sind. „Wir haben das große Problem in Nigeria, dass wir eine absolut mangelhafte Qualitätskontrolle haben“, sagt Onyebuchi Patrick Agwu. „Im Agroforst arbeiten wir bei Pflanzenkrankheiten mit biologischen Gegenmaßnahmen. Das ist ein wesentlicher Aspekt und Vorteil dieses Systems.“ Das Stichwort ist Symbiose: „Es gibt Pflanzen, die Krankheiten oder Schädlingsbefällen bei anderen Pflanzen entgegenwirken. Man muss jene finden, die voneinander profitieren und sich gegenseitig gedeihen helfen.“

Agwu machte seinen PhD im Bereich Klimawandel und Biodiversität an der Universität Félix-Boigny an der Elfenbeinküste und unterrichtet zur Zeit am „Department of Forest Resources Management” an der Osun State Universität in Nigeria. Vom Land erhalten weder er noch die Landwirte Subventionen für den landwirtschaftlichen Umstieg. Agwu sucht um Fördergelder an, um die Aktivitäten und Fortbildungsprogramme zu finanzieren, und erhält diese zum Beispiel vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) oder vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung. Auch das „West African Science Service Centre on Climate Change and Adapted Land Use“ (WASCAL) steuert finanzielle Unterstützung bei.

Bei seinen Besuchen spricht Agwu mit den Landwirten, hört sich an, womit sie zu kämpfen haben. „Aufgrund der klimatischen Veränderungen produzieren viele Kulturpflanzen und Bäume weniger Früchte, auch die Proportionen, die Größe der Früchte nimmt ab“, erklärt er. Nach einer Analyse der Situation und der klimatischen Bedingungen vor Ort, identifiziert Agwu die geeigneten Pflanzen- und Gehölzarten und entwirft einen Anbauplan. Dabei muss zunehmend individuell und punktuell auf Regionen eingegangen werden, nachdem sich auch für die Agroforstkomponenten die Anbaubedingungen verändern. „Es hängt stark vom Gebiet ab, aber meistens empfehle ich den Anbau von Fruchtbäumen“, erklärt Agwu. „Man kann sich von ihnen ernähren, die Früchte und Samen verkaufen und sie speichern Wasser in den Stämmen.“

Dass es rasche landwirtschaftliche Lösungen und eine Stärkung der Lebensmittelsicherheit in Nigeria braucht, wird beim Gespräch über die sozialen Umstände im Land offenkundig. Seit Jahren terrorisiert die islamistische Miliz Boko Haram die Bevölkerung, die sozialen Unruhen werden durch die Landverluste weiter genährt. Im ganzen Land machen sich Hirten auf den Weg, weil ihre Herden keinen Flecken Erde mehr zum Grasen finden. Gewaltsam enteignen sie Landwirte, besetzen ihren Grund und vertreiben die Farmer aus ihren Regionen. Hirte gegen Bauer, die Bevölkerung trägt den Kampf um fruchtbares Land untereinander aus. „Wir glauben, der Agroforst hat das meiste Potenzial für die nigerianische Landwirtschaft“, sagt Agwu. Die Versorgung mit Nahrung sei für ihn auch der Schlüssel für ein friedliches Miteinander und ein Ende der Kämpfe. Er will jedenfalls weiterhin durch Bildung und Stück für Stück, Dorf für Dorf, den Brennpunkt entschärfen.



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