In Baumkronen und Pyramiden

Republik Freies Wendland, Gorleben, Deutschland, 1980
Foto: © Hans-Hermann Müller, 31. Mai 1980, Wendland-Archiv

Die originelle Schau „Protest/Architektur. Barrikaden, Camps, Sekundenkleber” bringt zivilen Widerstand ins Museum. Das Wiener MAK (Museum für angewandte Kunst) würdigt den Erfindungsreichtum des Aktivismus

Von Nicole Scheyerer

In der Säulenhalle des Wiener MAK hängt ein riesiges Banner. „Lobauautobahn: Highway to Hell“ verkündet das blaue Transparent, das zur Ausstellung „Protest/Architektur“ gehört. Bei den Dialogführungen durch die Schau schildern Aktivistinnen und Aktivisten ihre Erfahrungen. „Ich habe gleich eine Motorsäge in die Hand gedrückt bekommen“, erinnert sich Jonas an seine Anfänge im Protestcamp gegen die Schnellstraße. Der junge Mann schwärmt von den „coolen Gebäuden“, die er bei der Besetzung zimmern konnte. Nun steht ein Modell der Pyramide, die zum „LobauBleibt!“-Wahrzeichen wurde, im Museum. Dahinter zeigt ein Foto, wie der Bagger 2021 seine Zähne in die hölzerne Widerstandsikone stieß.

Lobau-Bleibt!-Proteste, Wien, Österreich, 2021–2022.

Foto: © Merle, 9. Dezember 2021

Hüttendorf Startbahn West, Frankfurt am Main, Bundesrepublik Deutschland, 1980–1981

Foto: © Walter Keber, 1981

Tahrir-Platz, Kairo, Ägypten, Protestcamp auf dem Tahrir-Platz während der „Revolution des 25. Januar“, 2011.

Foto: Jonathan Rashad, 9. Februar 2011 (CC BY 2.0)

Gezi-Park-
Proteste, Istanbul, Türkei, 2013
Foto: Ian Usher,

8. Juni 2013 (CC BY-NC-SA 2.0)

    Hongkong, 2019–2020

    Foto: Studio Incendo, 13. November 2019 (CC BY 2.0)

    Lützerath, Bundesrepublik Deutschland, 2020–2023. Foto: Anna-Maria Mayerhofer,

    30. Mai 2022 (CC BY-NC-ND 4.0)

    Farmers-Proteste, Delhi, Indien, 2020–2021

    Foto: Satdeep Gill, 15. Feb. 2021 (CC BY-SA 4.0)

    Bei Protestarchitektur sei die Symbolkraft oft wichtiger als die Funktion. Das erkannte Oliver Elser, Kurator am Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, als er Fotos der Aufstände 2019/20 in Hongkong betrachtete. Damals stapelten Studierende auf den Straßen Ziegelsteine und Bambusstangen, um den Zugriff der Polizei auf die Unis zu behindern. Diese Barrieren wurden zu einem Sinnbild für den Kampf gegen die chinesischen Repressionen. Der Protest der Studierenden und der unzähliger anderer ist nun museumsreif: Gemeinsam mit MAK-Kurator Sebastian Hackenschmidt würdigt Elser, wie wehrhaft und flexibel die Protestarchitektur ist.

    Die gelungene Schau holt auch historisch weit aus. Beim Mai-Aufstand in Dresden 1848 verschanzten sich die Revolutionäre hinter einem Wall aus Steinen, Holzträgern und Fässern. Eine Lithografie dieser Barrikade, die der republikanisch gesinnte Architekt Gottfried Semper verstärken half, dient als Ausstellungsprolog. Eine Timeline führt von dem Aufstand der Pariser Kommune 1789 bis heute. Genauer widmen sich die Kuratoren dreizehn Fallbeispielen, die zeitlich mit der Washingtoner „Resurrection City“ 1968 gegen Armut einsetzt und bis hin zu Bauernaufständen in Delhi 2021 reicht. Gorleben, Tahrir-Platz, Majdan, Gezi Park: All diese Ortsnamen stehen für Bewegungen, die im öffentlichen Raum aufbegehrten.

    „Für die Dauer eines Protestcamps entsteht eine Art Gegengesellschaft, ein utopischer Raum, in dem ein ganz anderes Leben möglich wird“, sagte Elser in einem Interview. Die Ausstellung möchte lebensecht vermitteln, wie Protestkultur im Do-it-yourself-Modus baut, lebt und kämpft. Auf einer Plastikplane liegen rund um ein Zelt allerhand Werkzeuge und Tools, wie sie auch im Protestlager Lützerath zum Einsatz kamen. In dem norddeutschen Weiler setzte sich ein Klimacamp gegen den Braunkohle-Abbau ein. Wie in Lützerath geht es bei Protestarchitektur oft um Verzögerung, nach dem Motto „Sind die Bäume einmal gefällt, ist es zu spät“. Manche Verschleppungsmaßnahmen zielen in die Höhe: Wenn eine Struktur über zweieinhalb Meter hoch ist, müssen aus rechtlichen Gründen Spezialkräfte anrücken, um die Polizei und die Aktivisten nicht zu gefährden.

    Zum Beispiel musste die Polizei im Hambacher Wald 2018 über 100 in den Baumkronen sitzende Baumhäuser räumen. In dem Waldgebiet zwischen Köln und Aachen verhinderten Abholzungsgegner jahrelang weitere Rodungen. Zu den spektakulärsten Exponaten der MAK-Schau zählt eine originale Brücke, die dort weit oben hing. Über den Köpfen des Publikums schwebt eine Liliputversion der Baumhütten, die an Vogelhäuschen erinnern. Die vielen extra für die Ausstellung gebauten Modelle sind putzig, aber die Soundkulisse von Oliver Hardts 20-minütigem Film lässt keinen Zweifel an der Heftigkeit und der Gewalt, die den Aktivisten entgegenschlug. Dramatische Szenen mit Wasserwerfern, Tränengas und prügelnden Polizisten machen das Risiko bewusst, das Demonstranten und Besetzer in Kauf nehmen. Gleichzeitig schwingt in Hardts Zusammenschnitt von Doku-Material der letzten 50 Jahre auch etwas hippieske Protestromantik mit.

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    Konsequenterweise wurde für das Display der Schau fast nur Material verwendet, das in den Museen vorhanden war. So auch die dreiecksförmigen Stellwände aus Aluminium, die an die Bauform der „A-Frames“ erinnern. Ein Architektenteam entwarf damit 1968 eine Art Planstadt für die Ärmsten der Armen, aber aufgrund von Dauerregen, matschigem Untergrund und Vandalismus musste die „Resurrection City“ in Washington D.C. nach wenigen Wochen aufgeben. Dagegen schafft die Bewegung der obdachlosen Arbeiter in Brasilien in kürzester Zeit auf öffentlichen Plätzen überdachte Schlafstellen für Wohnungslose. Das MAK zeigt eine Typologie von Protestbauten. Aus der Architekturgeschichte lieferten Buckminster Fullers „Tensegrity“-Tragwerke oder Frei Ottos Dächer Vorbilder für mobile und leichte Konstruktionen. Manche Protestcamps ähneln mit ihren Verschlägen informellen Siedlungen wie Slums, andere setzen auf identitätsstiftende Türme, Pfahlbauten, Rundhütten oder Traktoren mit Aufbau. Oft greifen auch die Gegner zu solchen Formen, man denke an den Kontrollturm „Skywatch“, mit dem die New Yorker Polizei die Zelte der Occupy Wall Street-Besetzung überwachte.

    „Ein Bauer hat uns Heuballen zum Sitzen und Schlafen geschenkt, aber durch die Nässe haben die furchtbar zu stinken begonnen“, erzählt Aktivist Jonas bei der Führung. Die Tour geht vorbei an den Transparenten, Flugblättern und Foldern von „LobauBleibt!“, aber auch an einer der Klageandrohungen, welche die Wiener Stadtregierung 2021 an Dutzende Personen verschickt hat. Damit die Räumung ihres Camps möglichst lange dauert, benützten die Lobau-Besetzer auch sogenannte „lock-on devices“. Diese „Lockies“ aus einem Eisenrohr, in dem zwei Leute ihre Arme mit Eisenketten oder Karabinern befestigen können und beispielsweise Bahngleise blockieren. „Und wie kommt man da wieder raus?“, fragt eine Ausstellungsbesucherin. „Das erledigt schon die Polizei mit der Flex“, lautet die Antwort voll Galgenhumor. 

    PROTEST/ARCHITEKTUR.
    Barrikaden, Camps, Sekundenkleber
    Bis 25.8.2024
    MAK Wien
    Museum für angewandte Kunst
    mak.at


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