„Jetzt tut doch mal was für den Klimaschutz!“

Babette Karner

Motivation statt Resignation: Wie kann es gelingen, die Menschen zum Wohle des Klimas aus Lethargie und Resignation zu reißen und sie zu verantwortungsvollem Handeln zu bewegen?

Extremwetterereignisse wie Überschwemmungen, Hitzewellen und Dürren sind weltweit längst keine düsteren Zukunftsszenarien mehr, sondern alljährliche Realität. Nicht zuletzt mit der Fridays for Future-Bewegung ist der Klimaschutz mit Nachdruck auf die politische und mediale Agenda gerückt. Dass dringend gehandelt werden muss, ist den meisten Menschen klar. Was jedoch kaum diskutiert wird: Wie kann man den Einzelnen tatsächlich dazu motivieren, aktiv zu werden? Und: Was hindert Menschen daran, ihr alltägliches Verhalten zu ändern – wie kann man sie in ihrem Denken und Fühlen dazu bewegen? Dass das Wissen um den offensichtlich bereits stattfindenden Klimawandel allein nur begrenzt Wirkung hat, ist augenscheinlich. Und so kommen auch zahlreiche Forschungsprojekte zu dem Schluss, dass nicht unbedingt die Angst vor dem Klimawandel die Menschen zum Handeln bewegt, sondern vielmehr konkrete, nachahmungswürdige Taten von anderen, am besten nahestehenden Menschen.
Interessante Daten liefert das Ergebnis einer Meta-Analyse im Fachjournal „Nature Climate Change“ der Umweltpsychologinnen Anne van Valkengoed und Linda Steg von der niederländischen Universität Groningen: 106 Einzelstudien mit insgesamt rund 64.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 23 Ländern haben die beiden Frauen analysiert und sind der Frage nachgegangen, was Menschen motivieren kann, auf Klimaveränderungen zu reagieren. Vier Aspekte können Menschen am ehesten zu einer Verhaltensänderung bewegen:
Wahrnehmen, was andere tun: Es ist wichtig zu wissen, was andere Menschen zu tun bereit sind, um beurteilen zu können, welches Verhalten möglicherweise effektiv ist.


Angst vor dem, was kommt: Menschen versuchen normalerweise, negative Gefühle zu vermeiden: Konkrete Ängste können die Bereitschaft, das eigene Verhalten anzupassen, verstärken.


Überzeugung, dass eine Handlung nützlich ist: Je eher die Menschen der Meinung sind, dass bestimmte Maßnahmen wirksam sind, desto eher sind sie bereit, sich auf diese einzulassen.


Vertrauen darauf, dass man selbst etwas ändern kann: Menschen müssen daran glauben, dass sie in der Lage sind, etwas zu bewirken, um nicht in Resignation zu verfallen.

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„Climate Anxiety“: Die Angst vor dem, was kommt
Interessant an obiger Auflistung ist vor allem Punkt zwei, der besagt, dass Menschen offenbar eher bereit sind zu handeln, wenn sie negative Folgen für sich befürchten. In einer Umfrage der Universitäten Yale und George Mason vom Frühjahr 2019 gaben sechs von zehn befragten US-Bürger an, dass sie zumindest „irgendwie besorgt“ über die Erderwärmung seien. Knapp ein Viertel der Befragten gab sogar an, „sehr besorgt“ zu sein. Auch in Mitteleuropa ist der Klimawandel heute nicht mehr etwas, was nur in anderen Teilen der Welt passiert: Erst die Hitzesommer 2018 und 2019, dann die Hochwasserkatastrophe in Deutschland 2021 und der riesige Waldbrand in Niederösterreich. Der Klimawandel ist Realität – und etwas, vor dem man sich fürchtet.
Klimaangst oder „Climate Anxiety“ kann jedoch zu Lähmung und Resignation statt zu Aktionen führen, gibt Carel Mohn, Projektleiter bei Klimafakten.de in einem Interview mit dem Deutschlandfunk zu bedenken: „Zeigt man Menschen Bilder von Extremwetterkatastrophen und verknüpft diese mit dem Appell: ‚Jetzt tut mal was für den Klimaschutz!‘, dann löst das zumeist das Gegenteil aus, nämlich Gefühle von Angst, Überforderung, Abwehr und auch Flucht.“
Einer Untersuchung der Universität Koblenz-Landau zufolge versuchen Menschen, die unter Klimaangst leiden, tiefergehende Informationen über den Klimawandel zu vermeiden. Vermutlich, um sich vor negativen Emotionen zu schützen. Allerdings zeigt eine andere Studie von schwedischen und US-amerikanischen Forschern: Wer ein Extremwetterereignis tatsächlich miterlebt hat, ist eher bereit, etwa höhere Steuern zu zahlen, um die Klimakrise zu lösen. Mediale Panikmache ist demnach nicht zielführend, sehr wohl aber persönliche Erlebnisse und Zugänge.

Wer in seinem Bekanntenkreis darüber spricht, 
wie unser Leben von Klimaveränderungen 
betroffen sein wird, kann als Influencer und Advokat aktiv werden.

Vorbild sein, Menschen mitreißen
Wer selbst etwas tut, motiviert andere, ebenfalls aktiv zu werden. Erzählt man Bekannten, Freundinnen oder Familienmitgliedern konstant und begeistert davon, wie man selbst Plastik vermeidet, regionale Lebensmittel konsumiert, den öffentlichen Verkehr nutzt oder auf Flugreisen weitgehend verzichtet, erreicht damit gleich zwei Dinge: Man zeigt auf, dass „selbstgemachter“ Klimaschutz möglich und gar nicht so schwierig ist. Art Markman, Professor für Psychologie und Marketing an der University of Texas in Austin und Autor des Buchs „Smart Change“ – einem Leitfaden, der zeigt, wie Verhaltensgewohnheiten entstehen und wie wir schlechte Gewohnheiten bei uns und bei anderen in positive verwandeln können –, sagt dazu: „Wer in seinem Bekanntenkreis darüber spricht, wie unser Leben von Klimaveränderungen betroffen sein wird, kann als Influencer und Advokat aktiv werden. Natürlich gibt es immer Skeptiker, doch sollte hier der Konflikt gemieden und die Konversation gefördert werden.“
Aus Gesprächen im Bekanntenkreis kann auch Aktivismus entstehen: Sich mit anderen auszutauschen, zusammenzuschließen und gemeinsam etwas zu unternehmen, kann ein probates Mittel gegen das lähmende Gefühl der Klimaangst sein. Die Fridays for Future-Bewegung ist das beste Beispiel dafür. Denn gemeinsam kann mehr Druck ausgeübt werden um durchzusetzen, dass sich Staaten und Firmen aktiv am Kampf gegen den Klimawandel beteiligen.


„Es ist grundsätzlich eine Frage der Haltung, wie man mit dem Thema Ressourcenschonung und Klimaschutz umgeht.“ Birgit Aichinger, GF Vöslauer

Engagierte Firmen
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer so scheint: Firmen sind längst zu Mitstreitenden im Kampf gegen den Klimawandel geworden. Mit innovativen Konzepten leisten zahlreiche europäische und amerikanische Firmen vor allem im Bereich des Wertstoff-Recyclings ihren Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel. Das hat einen nicht zu unterschätzenden psychologischen Effekt: Wer sieht, dass selbst große Betriebe versuchen, ihren Beitrag zu leisten, kann sich umso weniger auf die bequeme, resignierende „Das bringt doch alles nichts mehr!“-Haltung zurückziehen.

Interview mit Birgit Aichinger, Geschäftsführerin Vöslauer Mineralwasser
Schon seit 15 Jahren vorbildlich in ihrem Engagement für Recycling, Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung ist die Vöslauer Mineralwasser GmbH. Seit Anfang 2020 werden alle PET-Flaschen aus rePET gefertigt, einem Material, das zu 100 Prozent aus recycelten Flaschen besteht. Bis 2025 sollen auch Folien und Etiketten aus 100 Prozent Recyclingmaterial bestehen. Was die Firma Vöslauer dazu motiviert hat, rePET Getränkeflaschen auf den Markt zu bringen, schildert die Geschäftsführerin des Unternehmens, Birgit Aichinger

Birgit Aichinger: Wir beschäftigen uns schon seit über 15 Jahren mit Themen rund um Nachhaltigkeit und ressourcenschonende Produktion. Gleichzeitig mit Einführung der PET-Pfandflasche im Jahr 2003 haben wir begonnen, uns auch mit dem Thema Recycling zu beschäftigen. Das Volumen, das durch PET-Zweiweg-Pfand zu uns zurückgekommen ist, haben wir auf die Hauptgebinde unseres Sortiments verteilt, damals mit einem Anteil von bis zu 25 Prozent rePET, den wir bis 2010 bei der „1,5 l ohne“-PET-Flasche bereits auf 50 Prozent steigern konnten. Als Pioniere im Bereich innovative und ressourcenschonende Verpackungslösungen haben wir die Entwicklungsarbeit mit unseren Partnern konsequent fortgesetzt und schließlich 2018 die erste „0,5 l ohne“-Flasche aus 100 Prozent rePET auf den Markt gebracht. Anfang 2019 wurden alle „ohne“- und sukzessive auch alle anderen Gebinde aus 100 Prozent rePET produziert, mit März 2020 kam die Umstellung des gesamten PET-Sortiments auf 100 Prozent rePET auf all unseren Märkten.

Wie motivieren sie Kundinnen und Kunden zum Verwenden von Recyclingprodukten?
Wir beobachten die Bedürfnisse unserer Kundschaft sehr genau, und sie will nachhaltige Lösungen, die in ihren Alltag passen. Wir bieten genau das: PET-Flaschen aus 100 Prozent rePET oder Glas-Mehrweg mit Etiketten aus Recyclingmaterial. Im Frühjahr 2022 bringen wir die aktuell erste PET-Mehrwegflasche wieder auf den österreichischen Markt. (Anm. d. Red.: PET-Mehrweggebinde waren bis in die 1990er Jahre üblich, sind dann allerdings aufgrund mangelnder Nachfrage gänzlich aus den Regalen verschwunden). Außerdem kann Recycling auch richtig chic sein! Davon kann man sich im Vöslauer Design Shop überzeugen.

Wie kann man Menschen aktiv zum Klimaschutz zu motivieren?
Es ist grundsätzlich eine Frage der Haltung, wie man mit dem Thema Ressourcenschonung und Klimaschutz umgeht. Und unsere Positionierung ist hier ganz klar: Wir wollen Teil der Lösung sein und unseren Beitrag für eine enkeltaugliche Zukunft leisten. Wir versuchen, den Konsumentinnen und Konsumente zu zeigen, dass sich Qualität, Lifestyle und Umweltschutz nicht ausschließen, und dass sich unser Produkt gut in den Alltag integrieren lässt. Und wir nutzen alle uns zur Verfügung stehenden Kanäle, um Bewusstsein für Umweltschutz, Ressourcenschonung und Recycling zu schaffen. 
voeslauer.com/design-shop

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