LEBENSWERK SUCHT ZUKUNFT

Die Initiative „Perspektive Landwirtschaft“ ermöglicht außerfamiliäre Hofübergaben in Österreich, so wie die zwischen Familie Wimmer und Familie Berger.
Von Sarah Kleiner
Foto Ursula Röck

„Das ist die Amelie“, sagt Franz und deutet auf eine braune Kuh mit weißen Flecken auf dem Leib. Sie steht in einem rundum offenen Stall, die umliegenden Wiesen sind satt eingeschneit und glänzen in der Sonne. „Sie ist ein bisschen schüchtern“, sagt Franz. Franz und Marta Wimmer, beide 70 Jahre alt, betreiben im oberösterreichischen Hausruckviertel eine Milchwirtschaft mit elf Kühen und fünf Kälbern. Außerdem bauen sie Karotten, Karfiol, Kartoffeln, Sellerie und viele andere Obst- und Gemüsesorten an. Marta und Franz machen das seit 50 Jahren, die Tiere und die Landwirtschaft sind ihr Leben. So viel Zeit, Kraft und Liebe die beiden auch in ihren Hof gesteckt haben, so hätten sie den Betrieb doch fast einstellen müssen. Wie zahlreiche andere Landwirte in Österreich hätten sie beinahe keine Nachfolger für ihr Lebenswerk gefunden.

Seit 1995 hat Österreich ein Drittel seiner land- und forstwirtschaftlichen Betriebe verloren. Die Gründe dafür sind vielseitig und haben auf wirtschaftlicher Ebene mit benachteiligenden Marktstrukturen und verstärkter internationaler Konkurrenz zu tun. Ein Grund sind gesellschaftliche Traditionen in der Landwirtschaft, denn neun von zehn Höfen bleiben in der Familie. Vergangenes Jahr wurden in einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens „Keyquest“ 205 österreichische Betriebsführer ab 50 Jahren nach ihrer Hofnachfolge befragt. Die Hälfte der Landwirte (51%) hatte noch nicht geregelt, wer den Betrieb eines Tages weiterführen sollte. Bei der anderen Hälfte gaben nur zwei Prozent an, den Betrieb an jemanden außerhalb der Familie übergeben zu wollen. Die außerfamiliäre Hofübergabe ist in Österreich im Vergleich zu anderen EU-Ländern eher unpopulär, dabei mangelt es nicht an Menschen, die Wege in die Landwirtschaft suchen.

Marta und Franz Wimmer sind seit 50 Jahren zusammen, 1974 haben sie geheiratet. Sie bewirtschaften im Hausruckviertel eine Fläche von elf Hektar, allein von der Landwirtschaft zu leben, war für die beiden aber nie möglich. Franz hat nebenher stets als Tischler oder Staplerfahrer gearbeitet. Jahrzehntelang ist er morgens um 4:45 Uhr aufgestanden – am Wochenende „ein bisschen später“ –, ist in den Stall gegangen und hat die Kühe gefüttert und ausgemistet. Wenn er damit fertig war, hat Marta übernommen und die Kühe gemolken, während Franz sich auf den Weg in die Arbeit gemacht hat.

„Ein großes Problem ist, dass sich viele Menschen das Leben als Landwirt zu einfach vorstellen“, sagt Franz. Die Wände in der bäuerlichen Stube sind mit Holz vertäfelt, die Regale mit Katzenfigürchen bestückt, die Fußbodenheizung ist an. Die Familie Wimmer hat es sich hier gemütlich eingerichtet. „Man muss das wirklich lieben, wenn man sich für so ein Leben entscheidet“, sagt Franz. Der Blick aus dem Fenster reicht bis zum Höllen- und Totengebirge. Franz sitzt am großen runden Holztisch, neben ihm die bald neuen Hofbesitzer, Martin und Birgit, beide Mitte zwanzig. Kennengelernt haben sich die Familien über die „Perspektive Landwirtschaft“, eine Online Hofbörse, die zwischen Landwirten und jenen vermittelt, die es werden wollen. Erst vor zwei Wochen ist die vierköpfige Familie Berger am Hof eingezogen und seither „muss ich wirklich sagen, ist das Zusammenleben wie im Märchen“, sagt Marta.

Martas und Franz’ gemeinsamer Sohn Hermann sollte den Betrieb eines Tages erben. Er war entschlossen, auch die Land- und Milchwirtschaft weiter zu betreiben. Hermann erging es allerdings wie vielen Jungbauern in Österreich; er tat sich schwer, eine Partnerin zu finden, die sich für das Leben als Landwirtin begeistert. „Hermann hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Er wollte es sich so richten, dass er allein die Landwirtschaft betreiben kann, damit die Frau arbeiten gehen kann, wenn sie will“, sagt Franz. Die Familie hat deshalb entschieden, auf einen Ein-Personen-Betrieb umzusatteln. 2007 wurde der Hof auch auf dem Papier an Hermann übergeben.

Das Leben am Land, eine „kleine“ Landwirtschaft betreiben und von den eigenen Erzeugnissen leben, das stellen sich viele Menschen romantisch und entschleunigt vor. In der Realität ist der Betrieb einer Landwirtschaft ein aufwändiges unternehmerisches Unterfangen, das viel Know-how, Pflichtbewusstsein und Eigeninitiative erfordert – ein harter Job. In den letzten Jahrzehnten ist es zudem beachtlich schwieriger geworden, in der kleinstrukturierten Landwirtschaft zu überleben. Die durchschnittliche Gesamtgröße der land- und forstwirtschaftlichen Betriebe in Österreich ist von etwa 32 Hektar im Jahr 1995 auf rund 46 Hektar im Jahr 2016 angewachsen, die durchschnittliche Anzahl von Rindern am Hof im selben Zeitraum von 20 auf 32 Tiere.

„Wenn man davon leben will, sind schon 20 Hektar vergleichsweise wenig“, sagt Franziska Schrolmberger. Sie ist stellvertretende Obfrau vom ÖBV, der „Österreichischen Berg- und Kleinbäuer_innen Vereinigung“. Außerdem ist sie, wie sie selbst sagt, Quereinsteigerin in die Landwirtschaft. „Dass Förderungen und Subventionen in erster Linie nach Hektar-Größe ausgeschüttet werden, führt dazu, dass vor allem kleinere Betriebe oft durch die Finger schauen“, so Schrolmberger. Laut Agrarstrukturerhebung von 2016 hat Österreich seit 1995 rund 80.000 land- und forstwirtschaftliche Betriebe verloren, von den übrigen 160.000 wurden mehr als die Hälfte im Nebenerwerb geführt. „Die Förderstrukturen spornen die Landwirte an, zu expandieren,“ sagt Schrolmberger, „außerdem bewegen sich die Preise für Grundstücke und Höfe in Österreich in einer Höhe, die für junge Menschen nicht leistbar ist“, sagt sie. „Generell ist es schwer, Zugang in die Landwirtschaft zu bekommen, wenn man nicht hineingeboren wird“, so die angehende Landwirtin.

In den Jahren nach der Übergabe hatten die Wimmers das Gefühl, vorgesorgt zu haben und die für Zukunft gerüstet zu sein. Dann, im Oktober 2016, ist das Haus abgebrannt. Die Rückbrandklappe bei der Heizung schloss nicht, ein technisches Gebrechen zwang die Familie wieder zu sanieren, wieder aufzubauen, wieder zu planen. „Aufhören kommt überhaupt nicht in Frage, hat Hermann damals gesagt‘, sagt Franz. Das Haus wurde angesichts der Brandschäden bloß winterfest gemacht, im März 2017 startete die Wiederaufbauphase. Mitten in den Arbeiten einen Monat später kam die Diagnose.

„Ich weiß noch, wie Hermann ganz fahl im Gesicht hier in die Stube gekommen ist“, sagt Franz. Hermann ging an diesem Tag zum Arzt und wurde sofort weiter ins Spital geschickt. Es stellte sich heraus, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hatte. Hermann wurde zweimal operiert, „dass er die zweite Operation überlebt hat, war eigentlich schon ein Wunder“, sagt Franz. Der sonst so gefasste, starke Landwirt kämpft mit den Tränen. Der Krebs konnte restlos entfernt werden, hatte aber schon in andere Körperregionen ausgestrahlt. Im Herbst musste sich Hermann deshalb einer Chemotherapie unterziehen. „Die hat ihn körperlich ruiniert“, sagt Franz. Am 4. Juli 2018 verstarb Hermann Wimmer im Alter von 45 Jahren.

Das Ehepaar hatte damals keine Aussicht, wie es weitergehen sollte. „Aufhören kam nicht in Frage, das habe ich Hermann versprochen“, sagt Franz. Nachdem sie den Schock verarbeitet und alle Angelegenheiten von Hermann geklärt hatten, beschloss das Ehepaar, den Hof jemand Neuem zu übergeben, um sicherzustellen, dass die Landwirtschaft weiterleben würde. Über die Plattform „Hof sucht Bauer“ fand Franz schnell über ein Dutzend Interessenten für den Betrieb, mit einem Paar kamen die Wimmers ins Treffen. Die Familien lernten sich kennen, vereinbarten Details, planten und erdachten die Zukunft neu. Franz schrieb dem Paar sogar einen Brief, in dem er einerseits auf den Reichtum hinweist, den das
Leben mit Bezug zur Natur bedeutet, aber andererseits die große Verantwortung und Verpflichtung verdeutlicht, die das Betreiben einer Landwirtschaft mit sich bringt. Das junge Paar lebte für über ein Jahr probeweise am Hof, alles sah gut aus. Doch kurz vor dem Termin beim Notar überlegten die
beiden es sich anders. Der landwirtschaftliche Betrieb sei doch eine zu große Belastung. „Da war wirklich eine Harmonie da“, sagt Marta. „Danach dachten wir, jemanden mit dem es menschlich so gut passt, finden wir nie wieder.“

„Das Wichtigste ist, dass man offen und ehrlich ist, was die eigenen Wünsche, Vorstellungen und Bedenken betrifft, und das auch klar kommuniziert“, sagt Margit Fischer von der „Perspektive Landwirtschaft“. „Dann geht die Übergabe auch meistens gut.“ Zu Beginn des Jahres ist Franz auf die österreichische Online-Hofbörse gestoßen, auf der Hofbesitzer und -suchende nach Erwerb einer Mitgliedschaft Steckbriefe schalten und sich so kennenlernen können. Der Trägerverein „Netzwerk Existenzgründung in der Landwirtschaft“ setzt sich seit Jahren dafür ein, außerfamiliäre Hofübergaben in Österreich zu ermöglichen. Finden sich geeignete Personen, Paare und Familien, wird das Zusammenleben oft in einer Probephase getestet und rechtliche und finanzielle Details genau vereinbart. Von der „Perspektive Landwirtschaft“ werden die Menschen dabei begleitet. „In der Probephase ist es wichtig, dass sich Hofübergebende und Hofsuchende genau überlegen, was beide Seiten wollen. Welche Kosten oder Investitionen kommen auf einen zu, wie regelt man das Wohnrecht, inwieweit wird der Betrieb weitergeführt? Es sollten möglichst genaue Vereinbarungen getroffen werden, um Missverständnisse zu vermeiden“, sagt Florian Jungreithmeier vom Verein.

„In der außerfamiliären Hofübergabe steckt deshalb so viel Potential, weil sie Leute in die Landwirtschaft bringt, die das wirklich machen wollen“, sagt Franziska Schrolmberger vom ÖBV. „Der Druck, der oft auf junge Leute besteht, den Betrieb der Eltern weiterführen zu müssen, kann diese auch in ihren eigenen beruflichen Möglichkeiten einschränken.“ Die neuen Hofbesitzer im Hausruckviertel Birgit und Martin sind so ein Fall. „Bei mir hat sich der Wunsch oder fast schon Drang, Bauer zu werden, mit sechs oder sieben Jahren entwickelt“, sagt Martin. Er und Birgit stellen die andere Seite der Hofnachfolge dar: jene Menschen, die in die Landwirtschaft wollen, aber keinen Zugang haben. „Ich wollte das schon als Kind unbedingt, aber einen Betrieb kaufen konnte ich nicht und mir eine Frau zu nehmen, nur wegen ihres Hofes, das wollte ich nicht“, sagt der Oberösterreicher. „Wir haben uns wirklich bemüht und viele Landwirte besucht und kennengelernt“, sagt Birgit – dabei machte die junge Familie durchaus schlimme Erfahrungen. Zeitweise musste die vierköpfige Familie sogar bei Verwandten übernachten, weil sie keine Unterkunft hatte.

Nachdem der Steckbrief der Familie Wimmer an einem Montag auf der Website der „Perspektive Landwirtschaft“ freigeschalten wurde, ging alles Schlag auf Schlag. Fünf Tage später meldete sich Martin. Die beiden Männer lernten sich zuerst kennen und besprachen, welche Vorstellungen sie von Landwirtschaft, der Arbeit am Hof und ihrem zukünftigen Leben generell hätten. Am nächsten Tag kam Martin mit seiner Frau, der 11-jährigen Tochter und dem 7-jährigen Sohn schon zu Besuch. Die beiden Familien verstanden sich auf Anhieb. Schon zwei Wochen später wird beim Notar die Hofübergabe geregelt.

Beide Paare haben sich für ein landwirtschaftliches Leben eingesetzt, beide mussten dafür Schicksalsschläge und Hürden in Kauf nehmen und sich immer wieder neu orientieren. In der warmen Stube bei Kaffee und Kuchen scheint es, als seien die beiden Familien angekommen und in der kurzen Zeit zusammengewachsen. Den Moment Glück haben sie sich auf jeden Fall verdient. „Was mich am meisten fasziniert, ist, dass Martin und Birgit die Landwirtschaft genauso weiterbetreiben wollen, wie wir uns das gewünscht hätten“, sagt Franz. „Wir haben da sehr ähnliche Vorstellungen“, sagt er und blickt hinüber zum grinsenden Martin. Tatsächlich passen die Familien gut zusammen. „A Lotto 6er is nix dagegen”, sagt Marta.  

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