Lieber Leuchtturm statt Elfenbein

Foto Angela Lamprecht

CampusVäre – eine kreative Zukunftswerkstatt in Dornbirn
Von Daniela Egger

In den ehemaligen Fabrikshallen von F.M. Hämmerle, in direkter Nähe zur FH Vorarlberg in Dornbirn, entsteht ein Areal, an dem sich ein Teil der Kreativwirtschaft des Landes ansiedeln soll. Kuratiert und geleitet wird die 2021 gegründete CampusVäre von der Kulturmanagerin Bettina Steindl. Sie bringt einiges an Erfahrung aus großen Projekten mit.

„Ich liebe diese Hallen und komme jeden Tag so gern hierher zum Arbeiten“, sagt die Geschäftsführerin der CampusVäre Bettina Steindl über ihren Arbeitsort. Bevor sie für die Bewerbung der Region als Kulturhauptstadt nach Vorarlberg geholt wurde, war sie in Wien für das designforum zuständig und brachte auch dort schon Erfahrung mit dem Kulturhauptstadt-Projekt aus Nordrhein-Westfalen mit. Dass Vorarlberg am Ende nicht zur Kulturhauptstadt gewählt wurde, ist hinlänglich bekannt – stattdessen hat die Stadt Dornbirn die Qualitäten des bestehenden Teams und auch viele der damals erarbeiteten Inhalte bewahrt und lässt diese jetzt in die leerstehenden Hallen hinter der FH Vorarlberg fließen. Diese beiden haben im Jahr 2021 zusammen mit dem Land Vorarlberg den Verein CampusVäre gegründet, um das Projekt voranzutreiben. Zunächst gab es die Überlegung, das 12.000 Quadratmeter große Gebäude abzureißen und einen Neubau zu errichten – bei der ersten Begehung mit Bettina Steindl und ihrer Team-Kollegin Theresa Bubik war klar, dass es jammerschade wäre um die Atmosphäre der alten Industriehalle, zumal die Substanz bestens ist. „Wir starteten eine Online-Befragung, welches Potenzial die Menschen in dem alten Gemäuer sehen und im zweiten Schritt, ob sie auch selbst dort mit ihrem Unternehmen einziehen würden. Über 1.000 Leute waren auf der Seite und davon haben sich 145 die Zeit genommen, unsere weiterführenden Fragen zu beantworten. Mit ihnen sind wir jetzt in engeren Gesprächen und loten Bedürfnisse, Wünsche und Ideen aus.“


Über die neue Nutzung der Hallen wird also nicht in einem Elfenbeinturm entschieden, sie wird in einem Leuchtturm-Prozess gemeinsam so erarbeitet, dass sich die zukünftigen Mieterinnen und Mieter mit dem Standort identifizieren können. Im Jahr 2024 wird die CampusVäre nach der Umbauphase ihre Türen für diese öffnen. Dabei werden vor allem die Lichtverhältnisse der Halle verändert, Photovoltaik und Sanitäranlagen installiert und Wände eingezogen. Wo immer möglich werden die Materialien aus Recycling entstehen, wie Architekt Johannes Kaufmann betont: „Zukünftig wird sich die Baubranche viel mehr auf Sanierung und Umbau, statt Neubau einstellen müssen.


Der Ressourcenverbrauch der vergangenen Jahrzehnte hat wesentlich zu den aktuellen Umweltproblemen beigetragen. Die bestehenden Hallen zu nutzen und durch Umbauten mit gebrauchten Baumaterialien zu ergänzen, soll Möglichkeiten des zukünftigen Bauens aufzeigen.“
Neben der Gastronomie sollen so viele unterschiedliche Angebote angesiedelt sein, dass ein interessanter Branchen-Mix zustande kommt. Dabei sind gemeinsame Werte die Basis für die Auswahl, alles was nachhaltig, ressourcensensibel, kulturaffin und kreativ im weitesten Sinne ist, passt unter das weitläufige Dach. Bevorzugt wird, was einer Plattform für Kreativwirtschaft, Digitalisierung, Wissenschaft, Bildung, Innovation und Kultur entspricht. Die enge Zusammenarbeit mit der Stadt Dornbirn bringt auch eine größere Vernetzung mit sich, wenn etwa jemand nach einem Standort für ein Sportstudio sucht oder eine Bonsai-Gärtnerin anfragt, wo sie ihr Geschäft ansiedeln könnte. So können sich unerwartete Kooperationen mit der CampusVäre ergeben.

Bettina Steindl, Geschäftsführerin CampusVäre.
Foto Lucas Breuer

Innovation und Nervensysteme
Dr. Erich Wutscher, Leiter der Abteilung Hochbau der Stadt Dornbirn, hat seine Dissertation an der TU Graz zum Thema „Demontage und Recycling im Gebäudesektor“ geschrieben und ist ein Experte in Sachen Bauen im Bestand, Urban Mining und Sekundäre Ressourcennutzung. Er betreut die Vorhaben und baulichen Ausrichtungen der CampusVäre maßgeblich mit und arbeitet eng mit Architekt Johannes Kaufmann bei diesem Projekt zusammen. Er sagt über die CampusVäre: „Das Besondere an diesem Standort ist aus meiner Sicht die geschichtliche Entwicklung. Sie zeigt, dass es schon immer ein Ort der Innovation und somit auch der Transformation war. Die ersten Aufzeichnungen reichen bis ins späte 16., Anfang 17. Jahrhundert zurück und zeigen die Sägerbrücke als älteste Ach-Brücke, die damals den Hauptverkehrsweg zwischen Bregenz und Feldkirch beschreibt. Bevor der Ort bis Mitte des 19. Jahrhunderts zum Textilstandort wurde, war einst ein Sägewerk angesiedelt. Ende 19. Jahrhundert wurde das Areal von der F.M. Hämmerle übernommen und sukzessive ausgebaut bis zur Hochblüte der Textilindustrie. Ende der 1980er Jahre hat sich an diesem Standort die heutige FHV angesiedelt. Damals noch als Technikum Vorarlberg und ab Ende der 1990er mit FH-Statut, die sich bis heute sukzessiv erweitert hat.


Ich finde, dieser Ort besitzt einen bestimmten Genius Loci – ein Geist, der beflügelt, ermutigt und inspiriert. Früher waren die vorhandenen Rohstoffe ein Motor für die Wirtschaft, heute ist es viel mehr die Innovationskraft – deshalb braucht es ein Zentrum mit einer gewissen Strahlkraft. Der Wirtschaftsstandort Dornbirn soll gestärkt werden, und es ist wichtig, dass auch im Rahmen dieses Vorhabens der Geist, der diesem Ort innewohnt, weitergetragen wird. Aus der Forschung weiß man, dass Vernetzung unabdingbar ist für die Entstehung von Innovation. Die gebaute Struktur zeigt viele Zwischenräume in Form von Straßen, Wegen und Plätzen. Wenn Sie sich das Areal von oben ansehen, dann sieht man auch das Potenzial, diese Bereiche zu vernetzen und zu verbinden, ähnlich dem neuronalen Netz eines Nervensystems. Die Neuronen brauchen Verbindungen, sonst klappt es mit dem Denken nicht. Ein Ort der Kreativität und Innovation muss vernetzt werden. Das Ziel ist es, gemeinsam mit Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur- und Bildungseinrichtungen das Wachstum zu stärken und auf relevante gesellschaftliche Fragen einzugehen. Die Werkstatt zur Entwicklung der Zukunft ist also ernst gemeint, auch wenn im Hintergrund Wirtschaftlichkeitsberechnungen stehen – aber wir sind überaus optimistisch, was das Projekt CampusVäre angeht.“

Smart City und Bänkle für Gespräche
Die Geschäftsführerin des Areals, Bettina Steindl, ist sich ihrer Verantwortung sehr bewusst – hat sie doch auch in ihren früheren Tätigkeitsfeldern eine Menge Erfahrungen gesammelt. Etwa wie mit vorhandenen Ressourcen umgegangen werden muss, damit nicht eine weitere Blase entsteht, der die Bodenhaftung fehlt. „Als wir im Ruhrgebiet mit den EU-Geldern zur Kulturhauptstadt in die Umsetzung gingen, war es enorm wichtig, langfristig wirkende Strukturen aufzubauen. Und wir dürfen mit Freude sagen, dass die Leute in Nordrhein-Westfalen sich nach dem Projekt zu ihrer Region bekannt haben – während zuvor oft Düsseldorf als Herkunftsort genannt wurde“, berichtet sie. „Wenn es uns auch in Dornbirn gelingt, unsere Türen und Veranstaltungen zu öffnen für Menschen, die wir noch gar nicht auf dem Schirm haben, dann haben wir es richtig gemacht“, sagt sie auf die Frage, ob auch Menschen, die nicht in der Kreativwirtschaft arbeiten hier interessante Angebote vorfinden werden. Sofort entwirft sie als Beispiel das Bild von der Vereinbarkeit der Digitalisierung mit den Bedürfnissen älterer Menschen nach Gespräch und Begegnung, was in ihren Augen kein Widerspruch werden darf – und wenn es mit einem einfachen Bänkle auf dem Areal beginnt, auf dem Fremde und Generationen miteinander ins Gespräch kommen. Werkstatt zur Entwicklung der Zukunft ist ein großer Begriff, der oft verwendet wird, auch in der Pressearbeit der CampusVäre. Die Größe wird aber wohl immer aus kleinen Mosaiksteinen entstehen, die nach einer gewissen Zeit und mit ausreichend Glück ein lebendiges Bild ergeben.

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Werkstatt der Zukunft bedeutet Veranstaltungen, die nicht nur eine intellektuelle Schicht ansprechen, die stattdessen Gemeinschaft und Identität stiften. Es mag ein Stipendium für die Teilnahme an der Creative Academy in Linz sein, oder ein regelmäßiger Creative Lunch zur Vernetzung von Menschen, die sich dringend kennenlernen sollten, es bedeutet vielleicht auch, dass Raum vorhanden ist für Geräte, die gemeinsam genutzt werden können, weil nicht jedes Atelier einen eigenen teuren Drucker oder Plotter und nicht jede Werkstatt ihre eigene große Bohrmaschine braucht. Teilen, wiederverwerten, sorgfältig mit Ressourcen umgehen und dabei den Transfer von einer arbeitenden hin zu einer Wissensgesellschaft schaffen – das alles sind Herausforderungen für die kommenden Generationen. Dazu braucht es aber jemanden, der sich an so einem Standort langfristig darum kümmert, sonst haben solche Konzepte keine Chance zu bestehen – darin sind sich sowohl Bettina Steindl mit ihrem Team als auch die Stadt Dornbirn, das Land Vorarlberg und die FH Vorarlberg einig. Hier wurde ein großes Areal der Profiterzeugung entzogen und der Gemeinnützigkeit verschrieben. Auf lange Sicht eine sinnvolle Investition, denn Orte wie dieser prägen eine Stadt, setzen Impulse und schaffen dringend benötigte Freiräume. Sie tragen zur Urbanisierung wie auch zur Digitalisierung bei, und am Ende ist die oft behauptete Smart City mehr als nur ein Trendbegriff. Die gezielte Vernetzung von Menschen und ihren Fähigkeiten steht immer im Vordergrund, beispielsweise im Oktober mit Österreichs erstem „Festival zur Entwicklung der Zukunft“ im Rahmen der Creative Week Austria – ein Format, das in der CampusVäre entwickelt wurde zu den Themen Nachhaltigkeit in Design, Architektur, Politik, Gesellschaft und Wissenschaft. Auch die geplante Kooperation mit dem Original Magazin wird eine weitreichende Vernetzung – es soll eine Veranstaltungsreihe werden, bei der innovative Menschen ihre Arbeit vorstellen und dabei auf dem Podium und im Publikum mit führenden Köpfe ihrer Branche ins Gespräch kommen. 

CampusVäre Rampe. Foto Dominic Kummer


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