Luft und Wasser

Von Babette Karner

Alternative Wassergewinnung, inspiriert von der Natur: Mit seinem preisgekrönten Projekt Warka Water beweist der italienische Designer und Architekt Arturo Vittori seit 2015, wie aus einer ästhetischen Verbindung von Natur und Design lebensrettende Projekte entstehen können.

Mit seinem preisgekrönten Projekt WarkaWater hat der italienische Designer und Architekt Arturo Vittori nicht nur gezeigt, wie man Luft in Wasser verwandelt, sondern auch, wie kluges Design Leben retten kann. Vittori verbindet neueste Technologien mit traditionellen Praktiken, um an der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst Lösungen für die dringendsten Frage unserer Zeit zu finden. Bereits 2017 hat das Original Magazin über das Warka Water-Projekt berichtet, im selben Jahr erhielt das Projekt zur alternativen Wassergewinnung beim „Zumtobel Group Award“ den ersten Preis in der Kategorie “Applied Innovations“.

Seit der Fertigstellung des ersten Warka Tower-Pilotprojekts in Äthiopien im Jahr 2015 hat die gemeinnützige Organisation WarkaWater Inc. viele wertvolle Erfahrungen gesammelt, die inzwischen unter anderem in Kamerun in Form eines ganzen Warka Dorfs in die Realität umgesetzt werden.

Wenn der Regen nicht kommt
Knapp 800 Millionen Menschen haben heute weltweit keinen Zugang zu sauberem Wasser. Täglich sterben tausende Kinder unter fünf Jahren an Krankheiten, die mit dem Konsum von verschmutztem Trinkwasser zusammenhängen. Denn das, was in Mitteleuropa zum Glück noch im Überfluss vorhanden ist, fehlt in vielen Teilen der Welt schmerzlich: Regen. Eines der Länder, das am stärksten vom Wassermangel betroffen ist, ist Äthiopien: Von 90 Millionen Einwohnern haben nur gut 30 Millionen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Als der italienische Designer und Architekt Arturo Vittori 2012 einige kleine, isolierte Dorfgemeinschaften auf dem Hochplateau im Nordosten Äthiopiens besuchte, erlebte er, was ein Mangel an sauberem Wasser für den Alltag dieser Menschen bedeutet: Die Dorfbewohner leben oft ohne fließendes Wasser und ohne Strom. Frauen und Kinder legen täglich kilometerlange Wege zurück, um Wasser aus oft mit Abfällen, Parasiten und Krankheiten verunreinigten Brunnen oder Tümpeln zu schöpfen und in schweren Plastikbehältern zurückzuschleppen. Das sei nicht nur zeitraubend, sondern gefährde vor allem die Kinder, sagt Vittori: „Durch den Wassermangel sind sie nicht nur gefährlichen Krankheiten ausgesetzt, sondern können wegen dieser überlebensnotwendigen Arbeit auch keine Schule besuchen: So ist der Wassermangel einer der Gründe, warum der Kreislauf der Armut bestehen bleibt.“

Inspiriert von der Natur
Vittori verließ Äthiopien mit dem Wunsch, diesen abgelegenen Dörfern Zugang zu sauberem Wasser zu verschaffen. Zu seinem Design-Vorbild wurde der Warka-Baum, eine riesige, hochgewölbte äthiopische Feigenart. Mittels modernster CAD-Programme entwarf der Architekt die atemberaubenden, futuristisch anmutenden Warka-Wassertürme: Gigantische Skulpturen, die einer Art Biomimikry der Natur folgen, die aber auch in einer Ausstellung zeitgenössischer Kunst problemlos ihren Platz finden würden. Sie werden in wasserarmen Regionen errichtet und können im Selbstbau aus am Ort vorhandenen Materialien angefertigt werden: ein vorbildlicher, kostengünstiger und dazu noch höchst ästhetischer Beitrag zur Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Wasser.

Ein Warka Water-Turm besteht aus Bambus, Hanf, Bioplastik und Metallbolzen und kann vor Ort von einem Vier-Mann-Team in nur
einer Woche aufgebaut werden. Jeder Turm ist fast zehn Meter hoch und kann durch das Ernten von atmosphärischem Wasserdampf mehr als 95 Liter Trinkwasser pro Tag sammeln. Anstelle von Strom nutzen die Türme die Temperaturdifferenz zwischen Tag und Nacht und funktionieren so auch in der Wüste. An einem Plastikgewebe in Inneren, das an Zitronen- oder Orangennetze erinnert, formen sich die Tautropfen, die dem Netz entlang in ein Becken am Boden rutschen und dort gesammelt werden. Am Ende kommt das Wasser durch einen Schlauch aus einem Wasserhahn.

Warka Water-Dorf in Kamerun
Im Lauf der Jahre wurde Vittori und seinem Team jedoch klar, dass es neben dem Mangel an Trinkwasser in vielen Regionen viele ebenso dringende Probleme zu lösen gilt, darunter etwa bessere Hygienestandards und eine zuverlässigere Energieversorgung. Seither hat sich Warka Water diversifiziert: Verschiedene Projekte, die von der Hygiene über die Lebensraumgestaltung (Warka-Haus) bis hin zur biologisch-dynamischen Landwirtschaft (Warka-Garten) und Energiegewinnung (Warka-Solar) reichen, sind in Ländern wie Haiti, Togo, Kolumbien und Kamerun in der Entwicklung.

In Kamerun entsteht seit 2018 sogar ein ganzes Warka Water-Dorf: Das Projekt, das voraussichtlich 2022 abgeschlossen wird, soll als Beispiel für ein Leben im Einklang mit der Natur dienen. Wie auch schon Warka Water folgt das Dorf der Philosophie von Arturo Vittori, sich stets zuerst die lokalen Gegebenheiten anzusehen, um anschließend an möglichen Lösungsansätzen zu arbeiten. Das Dorf besteht aus sieben Warka-Häusern, deren Baustil sich an den Wohnhäusern der Region anlehnt, zwei Warka-Türmen zum Sammeln und Ernten von Trinkwasser aus der Luft, Warka-Sanitation, das sind Kompost-Toiletten, die ohne Wasserspülung betrieben werden, einem Warka-Pavillon und einem modularen Warka-Garten, der die Bewohner mit Lebensmitteln versorgt.

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Weitere Informationen und Unterstützung:
warkawater.org


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