Luxus wird morgen etwas anderes bedeuten

Foto Regine Schöttl

Schönheit und Fülle sind flüchtig – was heute selbstverständlich scheint, wird in der Rückschau Luxus gewesen sein. Von Gerlinde Pölsler

Die Hütte ist schlicht. Es gibt ein Matratzenlager und ein paar Zimmer mit Stockbetten, zwei Klos und zwei Waschräume für alle Gäste. Gemütlich. Doch was die Unterkunft in den Schladminger Tauern adelt, ist ihre Lage: Direkt von der Ignaz Mattis-Hütte schaut man geradewegs hinunter auf den dunkel schimmernden Unteren Giglachsee. Ansonsten: Felswände, borstige Wiesen, Alpenblumen. Stille. Was für ein Luxus, schießt es mir, vor der Hütte sitzend, durch den Kopf.

Einen weiteren Luxusmoment erlebe ich diesen Sommer an der Ligurischen Küste. Nach einem steilen Aufstieg durch Kiefernwald standen wir plötzlich auf einem Felsvorsprung: Unter uns nur noch Meer, soweit man sieht. Ich muss an den Song „In Italy“ von Soap&Skin denken und wie Vicky Krieps alias Sisi sich dazu im Film „Corsage“ in die Fluten stürzt – unter sich Unendlichkeit.

Jede Sekunde ist aber auch das Wissen da: Die Schönheit, die Fülle, sie sind flüchtig.

Manchmal erkennt der Mensch Luxuriöses ja erst im Nachhinein. Im Zug schnappte ich heuer ein Gespräch zweier Studis, erstes Unijahr, auf. Auf der Rückfahrt vom Besuch daheim waren sich beide einig: Die Menüs der Mamas, täglich ein frisch gekochtes Essen, das hat schon was! Was ihnen früher selbstverständlich, ja, vielleicht manchmal lästig war, hatten sie nun als Luxus zu schätzen gelernt.

So wie mir als Kind der Schnee schon bis zur Wollhaube oben stand. Die Bergwinter der 1970er und -80er Jahre waren außer finster vor allem eines: lang. Im Oktober ging es los mit der Schneetreiberei, beim Osternestsuchen waren wir schon in ausgelassenster Frühlingslaune, wenn zwischen grauen Batzen ein paar braune Flecken herauslugten.

Dagegen freuen sich unsere Kinder heute einen Haxen aus, wenn endlich mal Schnee fällt und mehr als eine Nacht liegen bleibt. Die Erderhitzung hat verschneite Winterlandschaften zum Wunder verwandelt.

Die Realität des Anthropozäns brach auch in die Sommeridyllen ein. Während der Küstenwanderung war nicht nur das Meerpanorama unser Begleiter, sondern auch Hitze, Kopfweh und Schwindel. Im Juli erlebten wir den heißesten Monat der Menschheitsgeschichte. Sowohl im Juli als auch im August wurde im weltweiten Schnitt das vorindustrielle Temperaturniveau um mehr als 1,5 Grad überschritten.

Schwerlich ignorieren ließ sich auch der vor dem Strand an der Küste im Wasser treibende Müll. Kunststofffetzen und Tschickstumpen verfingen sich an Füßen und Wasserbällen. Unschön, erinnerten sie doch an das Mikroplastik in allen Meeren, das normalerweise so diskret ist, nicht ins Auge zu springen. In einem sauberen Meer baden? Vergangener Luxus.

Manches Versunkene kennen wir gar nicht mehr, das ist die Sache mit der „Shifting Baseline“: Sie vernebelt uns den Blick auf die schwindende Artenvielfalt. Den Radau, den die Vögel in der Morgendämmerung des Frühlings einst schlugen, hört jede Generation leiser als die vorige – und jede folgende weiß gar nicht, dass und wie es je anders war.

Einer Löwenzahnwiese ansichtig, wähnen wir uns heute schon im Naturparadies. Ich schätze die Löwenzähne, doch die Blumenwiesen meiner Kindheit waren um einiges bunter als heute – und wie gern würde ich einmal die Wälder sehen, durch die meine Großeltern vor mehr als hundert Jahren als Kinder rannten.
Dabei konfrontieren die ökologischen Krisen uns noch mit ganz anderem. Erst heuer sahen wir eine Überflutung, eine Dürre, einen Hurrikan den nächsten jagen. Die Wetterextreme werden noch viel häufiger werden, wie die Forscherinnen und Forscher uns unmissverständlich sagen: Stehen wir doch im Jahresschnitt gerade einmal bei 1,2 Grad über dem vorindustriellen Niveau und bewegen uns auf plus drei Grad zu.

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Mit jedem Zehntelgrad mehr steigt die Gesundheitsbelastung. Trinkwasser, Lebensmittel sowie Lebensräume, die für Menschen noch bewohnbar sind – sie alle werden knapper. Auch in Österreich, wo wir mit bestem Trinkwasser unsere Klos spülen, ist das nicht für alle Zeiten garantiert: Mit den Gletschern rinnen auch Wasserreservoirs weg. Die Wachauer Marille – wird es sie in ein paar Jahrzehnten noch geben, wenn die Bäume immer früher blühen und ihre Blüten dann abfrieren? Sehr viel dessen, was uns heute selbstverständlich erscheint, wird in der Rückschau Luxus gewesen sein. Das zu wissen ist wichtig: Sonst kriegen wir nie unsere Hintern hoch.


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