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In der Holzwerkstatt entstehen in Eigenregie Tische, Schränke und Vogelhäuschen. Raum und Werkzeuge werden geteilt. Foto Christopher Glanzl

Der Traum von der selbstgebauten Wurmkiste oder dem 3D-gedruckten Lampenschirm kann an einer kleinen Wohnung und mangelnder Ausstattung scheitern. Wenn die Idee da ist, aber Raum und Geld fehlen, helfen Gemeinschaftswerkstätten.
Von Tara Giahi

In der „HAND.WERK.STADT“ in Mödling riecht es nach Holzspänen. Über drei Stockwerke erstrecken sich in dem unscheinbaren Gebäude nahe dem Bahnhof die Räumlichkeiten der Gemeinschaftswerkstatt. In der Holzwerkstatt im Erdgeschoss können die Besucherinnen und Besucher jeden Freitag und Samstag sägen, hobeln und bohren. Auch für Metallarbeiten und Elektronik gibt es eigene Bereiche. Im gegenüberliegenden Haus befindet sich eine Fahrradwerkstatt, in der auch schon alte Fahrräder für ukrainische Geflüchtete repariert wurden. Die „HAND.WERK.STADT“ ist ein Ort für alle, die gerne Neues mit den eigenen Händen erschaffen. Hier wird vom Kaffeetisch bis zum Teleskop vieles selbst geplant, selbst bestimmt und selbst gemacht.

Gemeinschaftswerkstätten bieten jenen Privatpersonen Platz und Baugeräte, denen für die Umsetzung ihrer Ideen Raum oder das notwendige Budget fehlen. Auch als offene Werkstätten oder „Makerspaces“ bezeichnet sind sie besonders beliebt in Städten und Ballungsräumen. Einige davon sind spezialisiert auf bestimmte Bereiche wie Holz, IT oder Textilarbeit. Beim Besuch von zwei Werkstätten in Niederösterreich wird klar: Im Vordergrund steht nicht die ökonomisch rentable Produktion, sondern das experimentelle Arbeiten und die gegenseitige Befähigung.

Georg Schibranji leitet eine offene Werkstätte und arbeitet dort an einem eigenen 3D-Drucker.


Foto Christopher Glanzl

„Das Ziel der „HAND.WERK.STADT“ ist es, Menschen zu ermöglichen, etwas selber zu machen und sie zu ermutigen, etwas Neues zu lernen und auszuprobieren“, erzählt Georg Schibranji. Er hat seit 2017 die ehrenamtliche Leitung der Gemeinschaftswerkstatt inne, neben einer Lehrstelle an der HTL Mödling. Rund 50 Personen würden monatlich herkommen. Mit einem Tagespass können sie zum Beispiel CNC-Fräsen oder 3D-Drucker verwenden, die neu ein paar tausend Euro kosten würden. Georg Schibranji tüftelt und baut selbst seit bald einem Jahrzehnt regelmäßig in der offenen Werkstatt. „Das Schöne ist, das Strahlen in den Gesichtern zu sehen, wenn jemand nach drei Wochen in der Holzwerkstatt zu mir kommt und stolz sein Werk präsentiert.“

„Do it yourself“- oder kurz „DIY“-Produkte wurden nicht immer als erstrebenswert und cool erachtet. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg galt Selbermachen und Reparieren lange Zeit als Armutszeugnis. „Selbermachen war damals nicht ein Zeichen von Selbstermächtigung, sondern eher von Not und Armut. Der Konsum war hingegen ein Zeichen für ‚juhu, uns geht es wieder besser‘ – Sachen zu kaufen wurde als Inbegriff vom menschlichen Glück gesehen“, sagt Tom Hansing, wissenschaftlicher Mitarbeiter der „anstiftung“. Die deutsche Stiftung erforscht und fördert Räume und Netzwerke des Selbermachens. Dass das eigenhändige Werken und Gestalten nun im Trend liegt, habe damit zu tun, dass immer deutlicher geworden sei, welche negativen Seiten industrielle Produktion und Überkonsum haben. Auch die Entwicklung neuer Technologien und günstigerer Maschinen hätten der „DIY“-Bewegung und dem Entstehen von Gemeinschaftswerkstätten Auftrieb gegeben. Zwar ist nicht alles Selbstgemachte per se nachhaltiger als ein industriell gefertigtes Produkt, aber Herstellungsprozesse sind oft transparenter und Ressourcen können einfacher recycelt werden. Zudem werden durch die eigenen Hände Gegenstände oft energieärmer hergestellt als durch den Einsatz von Maschinen. Insbesondere offene Werkstätten haben den Vorteil, dass Geräte und Räume gemeinsam genutzt werden. Den größten Nachhaltigkeitsaspekt sieht Tom Hansing allerdings darin, dass sich das Verhältnis zu den Gegenständen verändert: „Durch das Selbermachen entwickelt man ein tieferes Verständnis für den Aufwand, der darin steckt. Die Wertschätzung für Arbeit und Rohstoffe steigt, Sachen werden länger verwendet und gepflegt – das kann dann wiederum andere Konsumentscheidungen beeinflussen.“

Aus einer soziologischen Perspektive würden Gemeinschaftswerkstätten auch als postkapitalistisches Phänomen eingeordnet: „Nicht, weil die Leute in den offenen Werkstätten Dinge selbst machen, reparieren und dadurch dann eventuell weniger kaufen“, sagt Tom Hansing, „sondern weil die offenen Werkstätten in ihrer Struktur geistig den Boden bieten, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, was in der durchgetakteten Konsum- und Warenwelt nicht vorgesehen ist.“ Das sei wie ein „Reallabor für andere Lebensführung“. Obwohl offene Werkstätten den Anspruch haben, für alle zugänglich zu sein, sind die Räume häufig männerdominiert und von Nutzerinnen und Nutzern mit akademischem Hintergrund. „Offenheit ist in erster Linie ein Anspruch, der sich aber nicht von allein verwirklicht“, sagt Tom Hansing. Auf reale Offenheit und Diversität müsse aktiv hingearbeitet werden. In der „HAND.WERK.STADT“ konnten etwa durch verschiedene Workshops, in denen der Umgang mit 3D-Druckern oder Fräsen erklärt wurde, speziell Frauen die Vorbehalte gegenüber Technik und Bauen genommen werden.

Im „MakerSpace[A]“, einer Gemeinschaftswerkstatt in Amstetten, wurden durch einen sogenannten Kreativbereich mit Töpferscheiben und Brennofen mehr Mädchen und Frauen angezogen. Sie hätten durch die räumliche Nähe nun auch Anknüpfung zu anderen Techniken und Bereichen gefunden, erzählt Günther Sterlike am Telefon. Er hat den „MakerSpace[A]“ 2019 gegründet, inzwischen zählt der zugehörige Verein mehr als hundert Mitglieder. In einer ehemaligen Industriehalle in Niederösterreich steht damit nun das Gemeinsame und die Wissensvermittlung im Vordergrund. „Der große Vorteil von offenen Werkstätten ist der Input, den man von anderen bekommt. Leute, die immer nur mit Holz arbeiten, kommen auf einmal in Kontakt mit Elektronik und Metall – dadurch entstehen ganz neue Ideen“, sagt Sterlike.

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Es sei wichtig, ein niederschwelliges Angebot abseits von Institutionen zu haben, wo Menschen sich austauschen und voneinander lernen können. Deswegen veranstaltet der „MakerSpace[A]“ etwa einmal im Monat einen „Klima- und Energiestammtisch“ unter dem Motto „DIY Energiewende“, wo jeder eingeladen ist, sich im kleinen Kreis etwa darüber auszutauschen, wie man die eigenen vier Wände ideal dämmt. „Wir sind natürlich nur ein Puzzlestein von vielen“, sagt Günther Sterlike, „aber es braucht auch viele Puzzlesteinchen, damit das Bewusstsein der Menschen mehr in Richtung nachhaltiger leben gelenkt werden kann.“. Mit Projekten wie dem „MakeFun[A]“ oder dem „CleanTechClub“ will der „MakerSpace[A]“ Kindern und Jugendlichen ermöglichen, in die Bereiche Technik und Handwerk hineinzuschnuppern. „Als ich klein war, habe ich mit meinem Großvater in der Werkstatt noch Dinge ausprobieren dürfen. Heute haben viele Kinder diese Möglichkeit leider nicht mehr“, sagt Sterlike.

Dabei fördert das nicht nur die Kreativität, sondern auch das Gefühl der eigenen Selbstwirksamkeit sowie Resilienz. „Wer etwas selber macht, muss auch durch tiefe Täler gehen, wenn etwas nicht sofort funktioniert und das erzeugt Resilienz“, sagt Tom Hansing von der „anstiftung“. „Resilienz zusammen mit der Fähigkeit, etwas eben nicht allein, sondern kooperativ in einer offenen Werkstatt mit anderen zu tun, sind Kompetenzen, die für eine gesunde, zukunftsfähige Gesellschaftsentwicklung notwendig sind.“ Zudem seien offene Räume, Räume ohne Konsumzwang zwischen Arbeit und Wohnen wichtig, um sich zu entfalten und weiterzuentwickeln. Dafür ist nach Tom Hansing auch die Politik gefragt. Es solle genauso wie für Schwimmbäder oder Bibliotheken institutionelle Förderungen für offene Werkstätten geben, idealerweise in Form von Raum und Betriebskostenübernahme. „Das grundsätzliche Problem ist, dass diese nichtkommerziellen Orte in einer kommerzialisierten Welt bestehen müssen. Es braucht ein Verständnis der Politik dafür, dass es unfertige, transformative Räume braucht.“ 


„Mir liegen besonders klima- und gesellschaftspolitische Themen am Herzen. Jedoch bedeutet für mich Journalismus ebenso, verschiedene Lebensweisen und -realitäten sichtbar zu machen. Bislang habe ich vor allem Beiträge fürs Radio gestaltet und freue mich deswegen, mit diesem Artikel nun auch den Stift in die Hand genommen zu haben.“
Tara Giahi, 23


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