Maschinelles Sehen und Gestalten

„In der Nachhaltigkeit brauchen wir das begehrenswertere Design, nur so können wir erfolgreich sein.“ Ein Gespräch mit Tobias Nolte, Certain Measures. Von Natalie Kreutzer

Der weltweite Anteil von Bauschutt an den Mülldeponien ist problematisch hoch. Auch wenn ein Großteil der Baumaterialien, insbesondere Holz, grundsätzlich wiederverwendet werden könnte, stehen dem erneuten Einsatz des Altmaterials häufig dessen unregelmäßige Formen im Weg, die ein Rückführen in eine hochgradig standardisierte Bauindustrie erschweren. Dipl.-Ing. Tobias Nolte, Gründungspartner des Designbüros Certain Measures und Professor für Mediale Architekturdarstellung an der Leibniz Universität Hannover, spricht über konzeptionelle Ansätze, aus Altmaterial mithilfe von Computertechnologie wieder Ressourcen zu generieren und auch über den eigenen Anspruch, die begehrenswertere Gestaltung, wie er selbst sagt, zu schaffen.



Tobias Nolte

Neues Design aus altem Material, und das digital. Worum geht es bei Ihrem Projekt Mine the Scrap?
Mit Mine the Scrap haben wir 2016 einen datengesteuerten Prozess generiert, der aus Einzelteilen an Altmaterial neue, algorithmisch generierte Strukturen und Formen entwirft. Durch ein ausgefeiltes Scan- und Klassifizierungsverfahren findet das System die beste Nutzungsmöglichkeit für jedes Teil und berechnet, wie die verschiedenen Stücke in einer neuen Aggregatform kombiniert werden können. Energieintensive Recyclingverfahren, wie das Zermahlen und Verändern der Materialien durch chemische Zusätze, braucht es dazu nicht. Es geht darum, die Dinge wiederzuverwenden und auf neue, womöglich bessere Art und Weise, anzuordnen. Mine the Scrap ist unser konzeptioneller Ansatz, mit Big Data das Problem des Big Waste zu thematisieren.

Certain Measures: Andrew Witt. Tobias Nolte. Wie entstehen Ihre Projekte?
Wir stellen uns grundsätzlich die Frage, wie können wir Technologie betrachten, darüber spekulieren und im Kontext von Gestaltung zum Einsatz bringen? Wir sind ein Inkubator für gute Ideen, wenn Sie so wollen. Wir sind in vielen Beispielen, auch bei Mine the Scrap, einen umgekehrten Weg gegangen als vielleicht andere Designbüros, die zuerst nach Klienten gesucht haben. Wir haben zunächst Projekte definiert, die wir gerne machen würden, haben dann selbst in diese Projekte investiert und sie jeweils bis hin zur Stufe eines – wie wir es bezeichnen – provokativen Prototypen gebracht. Darüber hinaus hatten wir dann die Hoffnung, dass irgendjemand auf uns aufmerksam wird und sich daraus vielleicht eine Partnerschaft entwickelt.

Wie kommen Sie mit Projekten voran, die für eine breitere Umsetzung noch sehr abstrakt scheinen?
Wir versuchen immer, unsere Projekte bei Ausstellungen oder Zukunftsfestivals zu platzieren. Eine erste und sehr wertvolle Anerkennung für Mine the Scrap war die Nominierung für den Zumtobel Group Award 2017 in den Kategorien Applied Innovations und Young Professionals. 2018 wurden wir – und da sind wir heute noch in Schockstarre – von Frédéric Migayrou kontaktiert, dem Chefkurator für Architektur des Centre Pompidou und einem absoluten Kenner der digitalen Design- und Architekturszene. Er hat uns mit Mine the Scrap in seine Ausstellung „Coder le monde“ eingeladen und unsere Modelle in Folge für die Sammlung angekauft. Frédéric Migayrou sah in unserer Arbeit einen Paradigmenwechsel in der digitalen Architektur. Und zwar eben darin, dass man nicht aus einem expressiven Entwurf hunderttausend Einzelteile produziert, sondern mit den Einzelteilen anfängt und versucht, daraus Sinn zu stiften.

Wie ging es nach diesen ersten Erfolgen mit Mine the Scrap weiter?
Unter anderem hatte das Futurium in Berlin eine Arbeit bei uns in Auftrag gegeben. Wir haben eine Datscha, das ist ein kleines Wochenendhaus, im Norden von Berlin in alle Einzelteile zerlegt. Was bei Mine the Scrap immer ein bisschen unklar war, nämlich woher denn nun das Material kommt, dem wollten wir in diesem zweiten Projekt entgegenwirken. Unser Ansatz war, dass wir ein existierendes Gebäude zurückbauen, alle Einzelteile digitalisieren und dann ein Programm entwickeln, das immer wieder neue Datschas generiert, aus stets demselben Material. Die Arbeit haben wir dann CloudFill genannt. Das Projekt ist eine End-to-End-Vision einer abfallfreien Zukunft.

Die Kombination von Digitalisierungsthemen und Nachhaltigkeit: ein zukunftsfähiger Ansatz für die Bauindustrie?
Genau diese Kombination macht es für uns so interessant, da wir genuin gar nicht so aus der Nachhaltigkeit kommen, sondern die Anwendung im Kontext mit Materialwiederverwendung erst im zweiten Schritt betrachtet haben. Über 50 % des Müllaufkommens in Deutschland beispielsweise gehen auf Bau- und Abbruchabfälle zurück. Das ist sowohl Abfall, der nach dem Lebenszyklus eines Gebäudes entsteht, als auch Pre-Consumer-Waste, der im gesamten Verschnitt liegt. Und da haben wir mit einer Baufirma zusammengearbeitet, die auf uns aufmerksam wurde und selbst Intentionen hat, was die Minimierung von Verschnitt und Abfall angeht. Unsere Vorstellung ist, dass man eine Software entwickelt – und das schlägt jetzt in die gleiche Kerbe wie Mine the Scrap – anhand derer ich mithilfe eines maschinellen Auges direkten Zugang zu einer Verschnitt-Datenbank habe und mit dieser Verschnitt-Datenbank dann entwerfe.

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Mit Teilen zu entwerfen, die es schon gibt – widersprechen sich dabei Nachhaltigkeit und Ästhetik?
Es gibt ja in Japan diese bekannte Fügungstechnik für zerbrochene Vasen, zerbrochenes Porzellan, das sogenannte Kintsugi. Beim Verfügen der Porzellangefäße wird dem Kleber Goldstaub beigemischt. Das führt dazu, dass diese Vasen repariert noch schöner, noch werthaltiger sind. Und das war für uns so ein bisschen ein Leitgedanke, weil um nichts anderes geht es bei Mine the Scrap oder bei CloudFill. Nachhaltigkeit wird oft als ein Verzichtsthema gesehen. Kintsugi ist das Beispiel, dass das Wiederverwendete und Reparierte das Werthaltigere und Schönere ist. Wir sind eine Firma für Gestaltung, und wenn wir nicht innerhalb dieses Themengebiets der Nachhaltigkeit die begehrenswertere Gestaltung schaffen, dann ist das für uns ein Irrweg. Es geht um das bessere Design, nur so kann es erfolgreich sein und nur so wird es wertig.


Informationen. Mehr zum Thema
certainmeasures.com



Foto: Mine the Scrap: Materialien erhalten nicht nur Lebenszyklen mit minimalem Abfallaufkommen, es wird auch eine neue Formensprache entwickelt, die ganz wesentlich von den zur Verfügung stehenden Ressourcen geprägt ist.

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