Mein Wunsch

Wir fahren raus und reden, philosophieren über die Welt, wie wir‘s schon immer machen. Mein Bruder und ich sind nicht nur Geschwister sondern gute Freunde und heute wünschen wir uns, dass niemand das Gefühl des Fremdseins erleben muss. Wenn man das Gefühl hat, nicht zugehörig zu etwas zu sein, ist es, als ob man nicht zugehörig zu sich selbst wäre. Der Prozess, sich zu spüren und zu erfahren, wer man ist, ist kein leichter. Fremdsein ist nicht nur ein Identitätsproblem, sondern auch eine emotionale Belastung. Du spürst anders, du nimmst Sachen anders wahr.
Wir werden zum Beispiel nie wissen, wieso unsere Nachbarin uns seit über 20 Jahren nicht grüßt, obwohl wir sie für lange Zeit immer höflich gegrüßt haben. War sie rassistisch oder nur eine „grantige Wienerin“? Wir nehmen die Welt anders wahr. Ein Mehrheitsösterreicher würde sich diesen Fall nicht so zu Herzen nehmen wie wir. Aber jedes Mal, wenn sie uns nicht zurückgegrüßt hat, hat sie uns spüren lassen, dass sie uns in diesem Land nicht haben mag.
Wir müssen auf uns besser aufpassen. Wir wünschen uns eine Welt, in der wir viel mehr über Gefühle reden, damit wir auf uns besser aufpassen können.
Wir fahren weiter, die Fahrt dauert lang. Wir stehen an der serbischen Grenze. Wir fahren mit dem Auto in den Urlaub in die Türkei. Die Landschaft, die am Fenster vorbeizieht, ist schön. Ich muss an meine serbischen Freunde denken. Wir sind zusammen aufgewachsen. Wir waren die Kids der Gastarbeiter. Jetzt steh‘ ich einmal hier an der Grenze und muss an einen Freund denken, der oft an der Grenze steht und versucht, Leuten zu helfen. Und nicht nur er, vieleMenschen stehen dahinter: SOS Balkanroute an der bosnischen Grenze.
Wir denken darüber nach, wie wohl die Menschen hier in den Lagern die Welt wahrnehmen. Ein paar hundert Kilometer entfernt werden Menschen getötet, nur weil sie besser leben wollen oder oft auch, um überhaupt leben zu können. Nicht leben dürfen, weil man leben will? Soll das einen Sinn ergeben? Wir wünschen uns, dass Menschen, die es so rüberbringen, als würde das einen Sinn ergeben, dafür zur Rechenschaft gezogen werden und dass diese Gedankengänge verschwinden. Wir werden dafür kämpfen, bis jeder merkt, dass es keinen Sinn ergibt!

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Die Geschwister Esra und Enes Özmen, geboren 1990 und 1993 in Wien, sind als das Rapper-Duo EsRAP bekannt. In ihren deutsch-türkischen Texten beschäftigen sie sich mit Fragen der Identität und des Fremdseins im eigenen Land. Auch Emanzipation ist immer wieder Thema in den Songs, nicht zuletzt, weil Esra fürs Rappen und ihr Bruder für die melodischen, gesungenen Parts zuständig ist – eine untypische Aufteilung, mit der sie sich in der Männer-dominierten Hip Hop Szene immer wieder behaupten müssen. Das schaffen sie allerdings erfolgreich: Esra kuratierte das Wiener Popfest, 2018 und 2019 waren die beiden Teil der Eröffnung der Wiener Festwochen und im heurigen Sommer erschien nun ihre zweites Album „Mamafih“. Der veraltete Begriff aus dem Türkischen bedeutet so viel wie „jedoch“ oder „trotzdem“.


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