Mein Wunsch

Von Daniel Nachbaur

Die Frage nach den Wünschen macht bisweilen sprachlos. Das kennt jeder: Was wünscht sich Großtante denn zum 85sten? Ach nichts. Hat schon alles. Im Nachsatz allerdings: Gesundheit! Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts, wer wollte das bestreiten? Gesundheit darf man sich wünschen. Auch dem Sozialsystem – und damit dem Wirtschaftsstandort – kommt sie zugute. Sich Gesundheit zu wünschen ist nicht nur bescheiden, sondern es zeugt auch von einem gesunden Sinn für handfeste Belange. Nicht selten verbindet sich damit eine beachtliche Härte gegenüber der eigenen Person. Erschlagt mich, sobald ich einmal alt und krank bin und euch zur Last falle, pflegte meine Oma zu sagen. Mit Schwäche hat das alles nichts zu tun.

Anders verhält es sich aber, sobald jemand offen einen Wunsch äußert, der mehr vom Leben erwartet, als die nackte körperliche Tüchtigkeit. Dann gibt er sich Blöße. Er offenbart mit einem Schlag seine ganze Persönlichkeit. Wir sehen, wie dumm er ist, wie kurzsichtig, unreif, harmoniebedürftig oder naiv, was mit ihm oder bei ihm schiefgelaufen ist, welchen Geschmack er hat oder eben nicht. Kurz: Wo ihm ein Stückchen zum Komplettsein fehlt. Ist das nicht krank und zum Fremdschämen? Selbst so ein banales Wünschlein wie das nach Glück und Freude: Schön und gut, hätten wir ja alle gern, aber da ist doch jemand eindeutig konfliktscheu. Noch nicht ganz in der Realität angekommen. Grün hinter den Ohren. Wie will so eine(r) im harten Alltag bestehen? Und wir sollen es dann wieder bezahlen.
Träume, das ginge noch an, die haben auch in der modernen Welt ihren Platz: Wohnträume, Küchenträume. Für ihr Wahrwerden sorgen die Bank und/oder der Möbelix. Doch Wünsche haben nur Träumer. Solche, die nicht für sich selbst sorgen können oder wollen. Geringverdiener, Sozialschmarotzer, Asylanten, Kulturschaffende. Für die Gesunden aber gilt: Think it, want it, get it. Nicht wünschen und faseln, sondern wollen und bekommen. Wer sich’s nicht selber holen kann, hat eben einen Schaden, für den er gefälligst selbst aufkommen soll. Sonst gehört er über Bord geworfen. Raub mich aus, besorg‘s mir, danke, dass du mich betonierst, aber komm mir bloß nicht von unten, als Bittsteller.

Bombenstimmung.

… Ach Wünsche, selbst ihr dreistesten oder einfältigsten, wie harmlos seid ihr im Vergleich zur Geilheit des Wollens! Relikte einer anderen (nie dagewesenen?) Zeit, einer Idee von einer beseelten Welt. Wer sich etwas wünscht, was es auch sei, stellt eine Grundausstattung an Zartgefühl unter Beweis: Er legt sein Glück in fremde Hände. Er liefert sich aus, gibt sich im Tausch gegen das Begehrte, nein, im möglichen Tausch, denn ein Geschäft ist das Wünschen just keines. Der Wünschende glaubt noch an Wunder und hat Sinn und Fantasie fürs Überraschungsmoment. Er kann warten. Und hoffen. Traurig sein und sich freuen. Ich wünsche mir das Wünschen zurück!

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Daniel Nachbaur geboren 1978 in Feldkirch. Freier Literaturwissenschaftler und Autor. Zahlreiche literarische und wissenschaftliche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. 2019/2020 erhielt er ein Projektstipendium des Bundesministeriums für Kunst und Kultur. Der Erzählband „Soll es brennen“ ist 2022 in der Edition Tandem, Salzburg, erschienen.


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