Mein Wunsch

Von Anna Baar

Die Frage nach den Wünschen war immer ein Griff nach dem Tiefsten, also jenem armen, unbescheidenen Wesenskern, den ich schon als Kind zu verheimlichen suchte, indem ich, sooft mir ein Mensch etwas Schönes zuteilwerden ließ, schweren Herzens verzichtete oder die Augen niederschlug. Irgendwo hatte ich aufgeschnappt, dass Wünsche, sowie sie erfüllt sind, prächtige Junge kriegen. So gesehen lief man Gefahr, das Schicksal der Frau Ilsebill zu erleiden, wenn man zu viel begehrte.
Als mich ein lieber Freund vor ein paar Wochen fragte, was ich mir von einem Gegenüber wünschen würde, hätte ich einen Wunsch frei, begannen die Wünsche in meinem Kopf um die Wette zu winseln und wuselten da herum, bis sich, wie beinahe immer, wenn wieder ein Wunsch frei scheint – beim Aufheben einer Münze, beim Ausblasen einer Kerze –, der eine kreuzfromme Wunsch vor alle anderen drängte, vor den Weltfrieden gar und die Achtung der Würde aller fühlenden Wesen, das Verschwinden der Dummheit, Freude und Eierkuchen: Der Segenswunsch für die Kinder.
Ich dachte: Themenverfehlung. Und dass doch die frommen Wünsche die unanständigsten sind, maßlos und über die Kraft jedes „Erfüllungsgehilfen“, der sich hochherzig anträgt, einem was Gutes zu tun und eine Freude zu machen. Und wie es mich immer verstörte als Kind, wenn wir die Mutter fragten, was ihr Geburtstagswunsch sei, und sie „Dass ihr brav seid“ sagte! So zuckte ich also die Schultern und gab dem Freund bloß zurück, dass ich mir meinen Wunsch selber erfüllen müsse. „Gut,“ meinte da der Freund und schien ein bisschen enttäuscht, „dann zieht die Fee eben weiter.“
Tagelang schämte ich mich, der Fee aus schierer Verzagtheit den Korb gegeben zu haben, statt etwas anzunehmen und dafür dankbar zu sein, oder mir zumindest etwas nehmen zu lassen. Es kann ja das größte Geschenk sein, von etwas befreit zu werden. Endlich schrieb ich dem Freund, dass ich mir, hätte ich einen Wunsch frei, die Angst vom Hals wünschen würde, doch wenn ich es recht bedächte, es vielleicht doch nicht wagte, weil mir ohne die Angst womöglich das Schreiben verginge – oder das Hören und Sehen.

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