Mythos Stadt und Zukunft Urbanismus

Metrocable, Caracas, Station San Augustin. Fotos Urban-Think Tank Next

Krisen als Bestandteil urbanistischer Theorie und Praxis oder was wir von den Städten des globalen Südens lernen können. Von Robert Fabach

Es ist Ernst. Das Trommelfeuer von beschwörenden Nachrichten und menetekelhaften Bildern reißt nicht ab. Versorgungsketten und Notreserven, Grundrechte und humanistische Grundsätze werden in Frage gestellt. Dazu die Erschütterungen unseres Alltags durch Pandemie, Klimawandel, Rassismus und allgemeine Teuerung. Zugleich werden Gewinne und Geschäfte wie noch nie gemacht. Plötzlich ist Krieg in Europa und es schmeckt nach Macht, nach Profiteuren und bitterem Zynismus.
Allen voran scheinen unsere Städte, die Hoffnungsbilder der Moderne, von diesem sich steigernden Krisenkarussell bedroht. In ihnen werden die ökonomischen Ungleichheiten, die politische Instabilität und eine fortschreitende gesellschaftliche Segregation besonders spürbar. Ihre Ökonomien, die auf Wachstum und globalem Austausch basieren, und deren Zukunftsbilder verlieren zunehmend an Beständigkeit.

1. Collaborating Eye-to-Eye – „Small Scale, Big Change”
2010 führte der deutsche Kurator Andreas Lepik eine weltweite Auswahl von Projekten im New Yorker MOMA unter dem Titel „Small Scale, Big Change – New Architectures of Social Engagement“ zusammen. Diese zeichneten sich durch einen Paradigmenwechsel aus, ihr gemeinsamer Vektor schien das größere Ganze zu sein. Die Projekte sorgten für einen nachhaltigen Impuls und stießen mit konsequent gesamthaften Programmen beispielhafte Entwicklungen an. Deren Gestalter erkannten rasch selbst die gemeinsame, globale Bedeutung ihrer Initiativen und summierten sie 2013 in einer kleinen Stadt am deutschen Neckar zum „Laufen Manifesto“. Die Kernthesen sind den Kapitelüberschriften dieses Textes vorangestellt.

2. Designing Work – Urban-Think Tank
Einer der Verfasser ist der Architekt Hubert Klumpner, Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich und Mitbegründer von Urban-Think Tank, einem Büro für konkrete und experimentelle Projekte in einem internationalen Netzwerk von Partnern und Initiativen. Urban-Think Tank ist in Caracas, Venezuela, entstanden und hat dort beispielhaft ein spektakuläres Seilbahnprojekt („Metrocables“) gemeinsam mit dem österreichischen Seilbahnbauer Doppelmayr generiert und zur Umsetzung gebracht, das die ausgedehnten Barrios (informelle Siedlungen) an den Hängen der Stadt an die Infrastruktur der Stadt angeschlossen hat.

3. Identifying the Local – Learning from „La Vega”
„Es braucht den Architekten, der Visionen konkretisiert, ihnen eine Form und einen Ort gibt. Wir haben von ,La Vegaʽ, einem der informellen Quartiere gelernt, und dabei nicht nur Bedürfnisse aufzunehmen und daraus Raumprogramme und Gebäude zu generieren, sondern ganz konkret auch mal ein Budget zur Verfügung zu stellen, damit Auftraggeber ohne Kapital, aber mit hoher Expertise als Nutzer und informelle Gestalter die Wahl der Maßnahmen und auch deren Umsetzung selbst durchführen können. Nur so ist Improvisation möglich, kann Informelles entstehen. ,Metrocablesʽ war genau das Projekt, das mit schmalem ‚Footprint‘, das Informelle respektiert und in die Stadt integriert hat,“ so Klumper.

4. Unfurling Beauty – Stadt ist nur eine Form der Urbanisierung
Das betont Hubert Klumpner, „und die organisierte Form der mitteleuropäischen Großstadt eine ganz spezielle Variation davon. Daher interessieren mich auch die Prozesse des Informellen. Sie kennen sicher das Schlagwort, dass mehr als 50 Prozent der Menschen in Städten leben. Das ist falsch. Die Menschen leben nicht in Städten, sondern in einem urbanisierten Kontext. Urbanisierung meint nicht eine Form, sondern einen Prozess und mich interessiert die Architektur, die daraus entsteht.“
Megacities sind legendär, aber als Modell kostenintensiv, umweltschädigend und sozial unfair. Trotzdem halten wir am Bild der westlichen, hochverdichteten Innenstadt fest, jenseits derer es keine andere Lösung gäbe. Als Stadtplaner ist Klumpner überzeugt, es gibt viele andere Möglichkeiten. Jede Stadt, jeder Organismus einer Stadt ist verbunden und abhängig von einem Umland, das im urbanen Gesamtorganismus mit berücksichtigt werden muss, und das Bild der Stadt um viele weitere Phänomene und Formen von Urbanität ergänzt. Wir müssen hier ergebnisoffener denken.

Klumpner: „In einem Labor, in einer Reihe von urbanen Experimenten werden auch Dinge schiefgehen. Scheitern ist auch eine Möglichkeit. Wir scheinen in unserer Idee von Stadt seit mehreren Jahrzehnten den Fehler auszuschließen. Wir glauben, dass eine Stadt dann funktioniert, wenn wir kommunizieren können, dass alles glatt geht, wie in Dubai oder Singapur. Städte sind aber keine Erfolgsgeschichten. Städte sind eine Abfolge von Katastrophen, Konflikten, Problemen und die kann man nicht herausfiltern. Deshalb lernen wir von Krisen und arbeiten mit dem Wiederaufbau, mit Rückbau, Umnutzungen, mit Reparaturen.“

5. Understanding the Territory – Sarajevo, once in a lifetime
Immer wieder werden Projekte selbst geschaffen und so wurde aus Erfahrungen vor Ort das „Sarajevo Urban Transformation Project” initiiert und beauftragt. Sarajevo ist eine einmalige Situation. Der Architekt, ehemaliger Belgrader Bürgermeister und Essayist Bogdan Bogdanović beschrieb sie als eine Stadt aus 1001 Nacht, deren Urbanität sogar in einer eigenen Philosophie gipfelte. Der Krieg und die Belagerung 1992-95, die gezielten Attacken auf Infrastruktur und ihre geistige Heterogenität haben ein physisch, geistig und ökologisch zerstörtes Stadtgefüge hinterlassen, das sich in einem gewaltigen Dickicht von Geschichte, historischen Fragmenten, Kriegsschäden und informellen Überlebensroutinen erst wieder finden muss. („Der Tod und die Stadt“ Bogdanović, dt. 1993, Wieser Verlag.)
Als letzter Hochpunkt fanden dort 1984 Olympische Spiele statt. Als 1992 die Spiele in Barcelona zu Gast waren, herrschte in Sarajevo Krieg und Belagerung. Aus einer antifaschistischen Solidarität heraus entstand eine gelebte Städtepartnerschaft und heuer haben sich Barcelona und Sarajevo gemeinsam für die Olympischen Spiele 2030 beworben. Die Krise wird zum Kapital.

6. Educating Designers – Urban Method Design
Für die Teams von Urban-Think Tank Next und des Instituts der ETH Zürich gibt es dazu Urban-Design Studio Sarajevo, einen permanent besetzten Workshop und Ausstellungsraum zur Entwicklung von „Urban Prototypes“ zur Reaktivierung des Quartiers. Wir arbeiten dort auch mit einem digitalen Planungswerkzeug, einem „Digital Twin“, der Entwicklungsprozesse für die kommenden 30 Jahre überprüft und direkt zur Revitalisierung des Quartiers Marijin Dvor in Sarajevo beitragen wird. Er soll die sozialen und gemeinschaftlichen städtebaulichen Prozesse im Sinne des „Urban Method Design“ abbilden und den lokalen Entscheidungsträgern zur Verfügung stehen.

Klumpner: „Urban Method Design entwickelt Methoden und Entscheidungshilfen, mit denen man städtebauliche Prototypen in verschiedensten Maßstäben generiert und das zugleich mit analogen Evidenzen überprüft, die wir aus dem kleineren Maßstab auch wieder in die größeren Zusammenhänge überführen. Also keine traditionelle Planung über Gebäudestrukturen, sondern eine Planung, die im Maßstab oszilliert und die „agent-based“ über Bewohnergruppen und deren Tagesabläufe und Lebenspläne die Stadt aktivieren. Zusammenhänge und Bedarfe werden sofort erkennbar. Wir schlagen dazu vor, „Grüne Korridore“ in Sarajevo einzuführen, die Mikroklima und die einst kahlgeschlagene Stadt gezielt aufforsten. An diesem Punkt beziehen wir uns auf Erfahrungen um langfristige Strategien wie zum Beispiel im kolumbianischen Medellín oder aus Kigali in Ruanda, einer anderen Post-Bürgerkriegsstadt. Dort versucht man, die Hänge zu bebauen und die Täler freizuhalten und sie als traditionelle, rurale Nutzgebiete zu integrieren. Eine Stadt mit Landwirtschaft.“

7. Shaping Policy – Environmental Urban Planing
Das Gebot der Zeit ist Resilienz, ein zirkuläres Denken und ein Metabolismus der Stadt, in dem auch vernakuläre Lösungen möglich sind und in dem wir eine urbane Struktur als ökologisches und soziales Gesamtsystem denken. Ganz im Sinne des Nationalökonomen Leopold Kohr (Träger des Right Livelyhood Awards) sollen bewusst kleinere Maßstäbe und Größenverhältnisse für urbane Strukturen angestrebt werden, in denen Wachstum nicht zur Megacity führt, sondern zur Teilung in überschaubare, lebenswerte Gemeinschaften. So kann Urbanisierung eine offene Struktur und durch Selbstbestimmung und Mitsprache auch eine offene demokratische Gesellschaft bedeuten, die gerade jetzt, in der Bewältigung von Krisen, Ziel und Mehrwert sein sollte.
„Vielleicht ist das Ergebnis all dieser Überlegungen keine Stadt.“


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