Niemand muss sich dabei die Zähne ausschlagen

Fraueneishockey findet meist abseits einer breiteren Öffentlichkeit statt. Wir haben Spielerinnen bei einer Eiszeit besucht.
Text Wolfgang Paterno. Fotos Christopher Glanzl

Selma Luggin und Monika Vlcek sind in zahllosen Länderspielen und Weltmeisterschaften erprobte Spitzensportlerinnen: Sie zählen zur Stammbesetzung von Österreichs Fraueneishockey-Nationalmannschaft. Luggin ist eine von drei Torfrauen, Vlcek spielt im Sturm. Mehr als 20 Aktive umfasst der Kader, drei Mal pro Woche wird trainiert. Luggin, 19, hat gerade ein Jus-Studium begonnen. Vlcek, 26, arbeitet als Angestellte. ORIGINAL traf die beiden Spielerinnen Mitte Oktober in der Simmeringer Trainingshalle auf dem Eis zum Gespräch.

Viele Eishockeyspieler sind seltsam stolz auf ihre Zahnlücken. Ist das im Fraueneishockey ähnlich?
Vlcek: Nein. Wir spielen mit Gitter am Helm. Bei uns ist die Gefahr viel geringer, dass wir uns im Training oder während eines Spiels die Zähne ausschlagen.

Luggin: Zahnlücken werden bei vielen Eishockeyspielern noch immer als cool angesehen. Mit 18 Jahren dürfen die Spieler selbst entscheiden, ob sie Gesichtsschutz tragen. Viele entscheiden sich für die Schrammen im Gesicht und die Lücken im Mund.

Es gibt wohl auch wenige olfaktorisch problematischere Orte als die Umkleidekabine im Eishockey.
Vlcek: Wir strengen uns an, daher fließt der Schweiß. Aber man gewöhnt sich daran.

Lässt sich Eishockey mit einer anderen Sportart überhaupt vergleichen?
Vlcek: Eishockey ist die schnellste Mannschaftssportart der Welt. Wir trainieren jeden Tag für unseren Sport, darunter Kraftkammer- und Ausdauertraining. Auf dem Eis ist davon nur ein Teil zu sehen.

Vor 20 Jahren wurde Österreichs erste Eishockeyfrauenliga gegründet. Wie kamen Sie zu dem Sport, Frau Vlcek?
Vlcek: Mein Vater spielte Eishockey. Zuerst wollte er nicht, dass ich auch diesen Sport betreibe, weshalb ich erst mit zehn Jahren die ersten Runden auf dem Eis drehte – für mich war die Jagd nach der Hartgummischeibe von Beginn an ein tolles Gefühl. Eishockey ist Adrenalin und Schnelligkeit, dazu kommt ein einzigartiges Teamgefühl.

Zeichnet sich Fraueneishockey auch durch Härte aus?
Vlcek: Wir spielen robust, aber sicher nicht übertrieben hart. Wir üben einen anspruchsvollen Sport aus. Viel Taktik. Ein Spiel mit Köpfchen. Weniger Bodychecks und Rangeleien.

Wie verlief Ihr Weg in das Eishockeytor, Frau Luggin?
Luggin: Meine Eltern hatten mit dem Sport nichts am Hut. Angefangen habe ich mit fünf Jahren als Feldspielerin, wie mein Bruder. Mit sieben wechselte ich ins Tor. Ich war dafür regelrecht gemacht.

Wie das?
Luggin: Ich bin eher der grüblerische Typ, viel in meinem Kopf. Als Torhüterin ist es wichtig, jede Sekunde in jedem Spiel voll da zu sein. Es gibt für uns Schlussleute keine Pause. Hinzukommt die körperliche Anstrengung. Im Tor muss man viel mit den Beinen arbeiten. Die Gelenke werden belastet.

Was ist so toll daran, dass andere Hartgummischeiben auf einen abfeuern?
Luggin: Daran gewöhnt man sich schnell. Ich liebe den Job im Tor. Ich muss dabei stets Verantwortung übernehmen, besonders wenn man gegen eine unterlegene Mannschaft spielt: Blöde Tore können immer passieren!

Sogar Weltmeisterschaften im Darts haben mehr Öffentlichkeit als Fraueneishockey. Wie gehen Sie damit um?
Vlcek: Natürlich wünschen wir uns, dass mehr über unseren Sport berichtet wird. Wir wären längst bereit fürs Rampenlicht! Dann würden viele Menschen endlich sehen, welch coolen Wettkampf wir auf dem Eis ausüben! Ein bisschen mehr Wertschätzung könnte nicht schaden.

Männliche Eishockeystars wie der Kanadier Wayne Gretzky sind weit über den Sport hinaus bekannt. Wer sind Ihre Idole?
Luggin: Der kanadische Eishockeytorwart Carey Price ist mein Vorbild. Es ist aber nicht zwangsläufig so, dass man sich nur am Männereishockey orientiert.

Vlcek: Es gibt jede Menge famose Spielerinnen in den Eishockeynationen USA, Schweden, Tschechien und Kanada. Die Entscheidung fällt bei diesen Topathletinnen schwer. In diesen Ländern mag es mehr TV-Übertragungen von Fraueneishockey geben. Die Lücke zu den Männern ist aber nach wie vor riesengroß. Frauen müssen beim Eishockey weltweit zurückstecken – der Sport wird bekanntlich immer noch als reine Männerdomäne angesehen.

Die Spiele in der US-Topliga gleichen Volksfesten. Waren Sie schon einmal live dabei?
Luggin: Ja. Eishockey ist in Amerika und Kanada absoluter Breitensport, vergleichbar dem Schifahren in unseren Breitengraden. Jede Zuschauerin und jeder Zuschauer in den Riesenhallen kennt sich mit dem Sport aus. Alle stehen dahinter, mit Leib und Seele. Man feiert in den Rängen jeden schönen Spielzug. Dabei muss nicht einmal das Lieblingsteam auf dem Eis stehen.

Vlcek: Man spürt pure Leidenschaft! Die Aktiven auf dem Eis und das Publikum in den Rängen leben für diesen Sport.

Welche österreichische Profieishockeyspielerin kann vom Sport leben?
Luggin: In Österreich keine einzige, nur in den ausländischen Topligen. Natürlich wünscht man sich, dass man von seinem Sport leben kann. Man kann sich darauf aber nicht verlassen. Selbst jene Spielerinnen, die in Profiligen ihr Geld verdienen, haben Nebenjobs. Die Ungewissheit bleibt, weshalb sich viele neben dem Eishockey etwas aufgebaut haben. Unsere Ausrüstung ist zudem teuer. Wir müssen dafür selbst aufkommen.

In welchen Ländern haben Sie im Rahmen von Weltmeisterschaften bislang gespielt?
Vlcek: Ungarn, Norwegen, Lettland, Deutschland, Slowak
ei.

Wo steht Österreichs Fraueneishockeynationalteam?
Luggin: Bei Weltmeisterschaften werden unterschiedliche Divisionen gespielt. In der Spitzengruppe spielen Kanada, die USA, Finnland, die großen Eishockeynationen. Österreich spielt in der nachgeordneten Division 1A, gemeinsam mit Schweden, Norwegen, Frankreich, der Slowakei. Bei der Eishockey-WM der Herren 2019 stieg das Nationalteam als Letztplatzierte der Top-Division übrigens auch in die Division 1A ab.

Was sind Ihre nächsten sportlichen Ziele?
Luggin: Seit Jahren die Qualifikation für die Winterolympiade in Peking 2022. Unsere Chancen dafür sind mehr als intakt.

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Vlcek: Wir spielen in der Qualifikation gegen Deutschland, ein sehr gutes Team. Wir haben hart drauf hingearbeitet. Wir wollen den Sieg. Jetzt kommt’s drauf an.

Hoffen Sie auf einen regelrechten Fraueneishockey-Boom?
Vlcek: Zumindest auf ein wenig mehr Aufmerksamkeit für unseren Sport. Vielleicht wird ja auch das eine oder andere Mädchen dadurch animiert, Eishockey zu spielen? Niemand muss sich vor Fraueneishockey fürchten. Niemand muss Zähne auf dem Eis lassen. 


Anmerkung: Die Qualifikationsspiele für die Olympischen Spiele fanden vom 11. bis 14. November statt – nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe.


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