Ohne Bauwende keine Klimawende

Umbau der Mercedes Benz Arena, Stuttgart

Hinter dem Berliner Start-up „Concular“ steckt die klare Haltung seiner Protagonistinnen und Protagonisten: den Bestand wertschätzen und danach handeln. Ein Gespräch mit Annabelle von Reutern, Head of Business Development, über zirkuläre Wertschöpfung in der Bauwirtschaft und das noch weithin ungenutzte Potenzial.
Von Natalie Kreutzer

Zirkuläres Bauen: Frau von Reutern, wo steht hier die Branche aktuell?
Annabelle von Reutern: Immer noch ganz am Anfang. Das große Problem ist, dass viele sich ihrer Verantwortung gar nicht bewusst sind, also dass das ganze Thema Bauen interessanterweise immer noch unter dem Radar fliegt. So werden zum Beispiel Mobilität oder Fleischkonsum mit Klima in Verbindung gebracht, aber das Bauen als Klimaschädling ist immer noch nicht präsent genug – weder in der breiten Bevölkerung noch bei den Planenden selbst. Es wird nicht ausreichend thematisiert, selbst in der Branche. Dadurch wissen viele Menschen nicht, was wirklich los ist. Deswegen gibt es vermutlich auch keine Klimakleber an Gebäuden, sondern nur auf dem Rollfeld.

Wo setzt „Concular“ an?
Wir engagieren uns dafür, Materialien aus dem Gebäudebestand im Kreislauf zu halten. Wir möchten Bauteile sichtbar und regionale Baustoffe verfügbar machen – und dabei Transparenz schaffen, in einem intransparenten Markt. Und wir möchten radikal an der Wurzel des Systems anpacken. Die Bauwirtschaft funktioniert im Moment nach dem Prinzip einer linearen Wirtschaft. Dinge werden produziert und landen am Ende ihres Lebenszyklus, der häufig lediglich ein wirtschaftliches Ende ist, auf der Deponie oder im Downcycling. Mit unseren digitalisierten Materialpässen kann das Material bereits vermittelt werden, während es noch verbaut ist. Parallel zum „Matchmaking“ entwickeln wir Wertschöpfungsketten, also neue Prozesse: Wie kann dieses Material zerstörungsfrei ausgebaut werden? Was muss passieren, um es wieder in den Markt einzubringen?

„Concular“ ist kürzlich zweifach mit dem Immobilien Manager Verlag IMV Award ausgezeichnet worden – sozusagen dem „Oscar“ der Immobilienbranche. Gratulation dazu!
Danke sehr. Ja, dass unser Engagement gleich in zwei Kategorien, Digitalisierung und Nachhaltigkeit, eine Anerkennung bekommen hat, ist wirklich schön und bestätigt uns in unserem Tun. Unsere Firma gibt es jetzt seit drei Jahren. „Concular“ folgte auf acht Jahre Erfahrung zuvor aus „restado“ – Europas größtem Marktplatz für wiedergewonnene Baustoffe. In den vergangenen Jahren hat sich einiges getan. Wir dürfen sagen, einiges vorangebracht zu haben, aber es ist bei weitem noch kein Standard, dass in der Planung Re-use- Material berücksichtigt wird, leider.

Annabelle von Reutern. Foto Janine Kyofsky

Warum bei weitem noch kein Standard, was denken Sie?
Ich glaube, die größte Hürde ist die Angst. Die Angst vor dem Unbekannten, vor dem Komplexen, vor dem wie wird Architektur dann aussehen? Vielleicht auch davor, dass mit der Wiederverwendung der Materialien alles teurer wird. Eigentlich sollte die Angst vor der Klimakatastrophe überwiegen, aber die ist leider immer noch für viele so abstrakt und nicht greifbar.
Mit Ressourcen sparsam umzugehen ist einfach zeitgemäß. Ich glaube, dass daraus auch eine neue, tolle Baukultur entstehen kann, die super divers ist und uns wieder näher an dieses „All Eins“ bringt. Indem wir bauen, ohne zu reflektieren, tun wir so, als hätten wir mehr als eine Erde zur Verfügung. Die Wertschätzung entsteht dann, wenn wir Ressourcen und planetare Grenzen anerkennen und daraus eine Baukultur schaffen, die das abbildet.

Was wären diesbezüglich wichtige Schritte?
Abriss verhindern. Es ist ganz wichtig, dass wir Vorhandenes wertschätzen. Gerade die Konstruktion birgt viel Potenzial, weil da die meiste graue Energie drinsteckt. Natürlich sind viele der Gebäude in die Jahre gekommen, was aber nicht heißen soll, dass man auch die Konstruktion einreißen muss. Häufig sind das solide Gebäude. Ich sage immer: Hinterfragt Abriss kritisch. Das ist auch eine der sieben Forderungen von „Architects for Future“. Man muss ja nicht gleich das ganze Gebäude mit Re-use-Material ausstatten. Lasst uns einfach anfangen und dann sind es zum Beispiel die Leuchten oder Systemtrennwände, die Doppelbodenplatten oder Türbeschläge. Im Innenausbau kann man die Materialien relativ einfach rückbauen. Elemente im Außenbereich können Pflastersteine, feuerverzinkte Stahlelemente oder Dachkies sein. Oder wenn zum Beispiel in Architekturwettbewerben Teilnehmende sich weigern würden, einen Neubau zu planen, wenn ein Bestandsgebäude da ist, auf das man aufbauen kann, ist das auch eine Haltung.

Also ohne Anspruch auf Perfektion in ein simples Tun zu kommen.
Absolut. Es geht nicht um den perfekten Einstieg, sondern um den Einstieg. Loslegen, machen, ausprobieren, lernen und weitermachen. Und da bin ich wieder bei der Angst. Alle haben Angst, Fehler zu machen. Alle haben Angst, an den Pranger gestellt zu werden, wenn etwas nicht zu 100 Prozent perfekt ist. Wir müssen uns verabschieden von dieser Anti-Fehler-Kultur, davor, dass Ausprobieren bestraft wird.

Bei wem sehen Sie die Verantwortung zu handeln?
Bei uns allen. Ich bekomme immer wieder zu hören, Frau von Reutern, ich würde total gerne, aber die Politik muss sich erst mal bewegen, meine Kunden wollen das nicht oder wir haben nicht die ausgebildeten Architektinnen und Architekten. Die Verantwortung wird in der Regel von vielen, die ich treffe, weitergeschoben. Das kann ich nicht mehr akzeptieren und auch nicht nachvollziehen. Es ist mir ein großes Anliegen, dass wir alle unsere Kraft erkennen, in die Selbstwirksamkeit kommen und den Unterschied machen – und das ist wirklich machbar. Kreislaufwirtschaft geht nur gemeinsam, wir alle haben eine Verantwortung. Es braucht Leute, die mutig sind und vorangehen – und da kann nur jeder bei sich selbst anfangen.

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Sie haben zuvor als „klassische“ Architektin gearbeitet? Was hat Sie dazu bewegt, umzudenken?
Im Prinzip waren das zwei Projekte. In beiden Fällen wurde gar nicht hinterfragt, ob die alten Gebäude nicht vielleicht in irgendeiner Form hätten bestehen bleiben können. Bedenkenloser Abriss. Das Thema Nachhaltigkeit spielte einfach keine Rolle. Das fühlte sich für mich nicht gut an, nicht meinen Werten entsprechend. Hinzu kamen immer mehr Katastrophen auf der Welt. Mein berufliches Tun, die Welt als kollektive Angelegenheit und meine Werte, dies alles war in Disharmonie geraten. In diesem Sommer 2019 wurde dann „Architects for Future“ ins Leben gerufen – und da habe ich mich angeschlossen. Ich habe den Verein mitgegründet und eine Regionalgruppe aufgebaut, weil ich gemerkt habe, dass ich scheinbar doch nicht allein bin mit meinen Gedanken. Das war ein kraftvoller Moment. Zu erleben, dass es viele andere gibt, die das auch nicht mehr mittragen wollen. Man kann wirklich etwas verändern – die Kraft ist da, wir müssen sie nur bündeln und gemeinsam auftreten.

Sie sind Ihrer inneren Stimme gefolgt.
Genau. Und ich wünsche mir für alle, dass sie das tun können. Ich kann alle nur dazu ermutigen. Ich glaube, es ginge uns allen besser.

Was ist für Sie ein erfolgreicher Arbeitstag?
Was mich immer total freut, ist, wenn ich nach Veranstaltungen oder einer Projektvorstellung die Rückmeldung bekomme, wie sehr es die Leute freut, dass da jemand steht und Klartext spricht und keine Angst davor hat, was andere denken, und dass sie das total motiviert. Im Gegenzug gibt es viele Herausforderungen, so dass man jeden Tag resignieren könnte – absolut. Aber was ist die Wahl? Dass ich in meiner Gleichgültigkeit bleibe und das Problem auf morgen verschiebe? Und damit meine ich auf die nächsten Generationen.

Welche persönliche Vision haben Sie?
Meine Vision ist, dass die Bauwende zur Klimawende beiträgt. Dass wir das Ruder noch herumreißen. Dass wir den Planeten nicht weiter zerstören. Dass wir uns als Bauschaffende endlich der Verantwortung bewusst sind und nicht Kapitalismus, Gier und lineare Wirtschaft uns die Lebensgrundlage nehmen. Ohne Bauwende keine Klimawende. Mein Ziel ist, dass wir all das wertschätzen, was die Menschheit schon einmal erschaffen hat und achtsam mit unseren Ressourcen umgehen, sowohl mit unseren persönlichen als auch mit allen anderen. Und ja, dass wir uns wieder als „All Eins“ betrachten, wahrnehmen und danach handeln.



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