Orgeln, Heumilch, Rettungswagen

Der junge Bauer vom Perstl-Hof.

Im steirischen Wölzertal liegt der Perstl-Hof, ein Heumilchbauer und Bio-Betrieb, der seit Generationen von der Familie Leitner bewirtschaftet wird. Mit Clemens Leitner steht die fünfte Generation bereits in den Startlöchern. Der junge Mann hat mit seinen knapp 30 Jahren schon einen erstaunlichen Weg hinter sich und ist für die sicherlich nicht einfache Zukunft am Bergbauernhof gerüstet. Text und Foto Jürgen Schmücking

Um zum „Vulgo Perstl im Moos“ oder kurz Perstl-Hof, so der Hofname des Betriebs der Familie Leitner, zu kommen, fährt man durchs Wölzertal von Niederwölz nach Oberwölz. Der Hof liegt am Fuß der Oberwölzer Schoberspitze, einem Gipfel der Wölzer Tauern. Auf den ersten Blick ist das ein bisschen viel „Wölz“. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Wölz außerhalb der Steiermark nicht wirklich bekannt ist. Dabei hat das Tal einiges zu bieten.

Oberwölz hat im Moment etwas mehr als 400 Einwohner und ist damit, weil Stadtgemeinde, die kleinste Stadt der Steiermark. Sobald man das besagte Wölzertal betritt, atmet man intensive, frische Waldluft. Die Kirchtürme in dieser Gegend sind weder schlank noch hoch. Sie ragen nicht in den Himmel, wirken eher wie trotzige Wehrtürme. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen, versprüht die Region einen rauen Charme.

Sie ist die Heimat von Clemens Leitner, der hier aufgewachsen und tief verwurzelt ist. Derzeit wird der Perstl-Hof in Hinteregg, einem Ortsteil von Oberwölz, noch von Johanna und Ignaz Leitner bewirtschaftet. Wenn Clemens den Hof von seinen Eltern übernimmt, wird es die fünfte Generation der Leitners sein, die hier am Schaffen ist.

Beginnen wir mit einem scheinbaren Widerspruch. Was bei der Familie Leitner eine lange Tradition hat, ist Innovation. Die Leitners fühlen sich zwar der Tradition verpflichtet, ihr Blick richtet sich aber klar nach vorne, in die Zukunft. Eine Philosophie und Lebenseinstellung, die bei Landwirtinnen und Landwirten nicht unbedingt selbstverständlich ist. Auch bei den Nachbarn der Leitners nicht. Egal, ob Heubelüftung oder Melkmaschine. Die Innovationen und Investitionen der Leitners wurden stets argwöhnisch beobachtet und kritisch kommentiert. Johanna Leitner, die Bäuerin, sieht das gelassen und erinnert sich mit einem Schmunzeln: „Mein Schwiegervater war zum Beispiel der erste in der Gegend, der eine Melkmaschine angeschafft hat. Da haben ihn sämtliche Bauernkollegen für blöd erklärt, bis sie die Melkmaschine schließlich quasi geheiratet haben.“

Den Fortschritt im Blut
Das mit dem Faible für Modernisierung und technische Neuerungen schien schon Ignaz Leitner in die Wiege gelegt worden zu sein. Nachdem sein Vater 1973 in die erste Heubelüftung und später in ein Futterschongebläse investiert hatte, legte sich der junge Ignaz einen Heukran zu und verstärkte den Belüfter. Die endgültige Umstellung auf biologische Landwirtschaft erfolgte 1992, zwei Jahre bevor Johanna und er den Hof übernahmen.

Ignaz‘ Affinität für Technik und sein spezielles Interesse für Photovoltaik führten dazu, dass der Perstl-Hof heute nahezu energieautark wirtschaftet. Das erste Mal wurde dahingehend bereits vor 20 Jahren investiert, damals in hochmoderne Solarzellen, die so in die Dachziegel integriert waren, dass sie von außen kaum wahrnehmbar waren. Die Zellen wurden am Dach der Garage positioniert und lieferten fünf Kilowatt Leistung. Später, 2017, der nächste Schritt. Eine 8,3-Kilowatt-Anlage am Dach des Stalls, Speicher inklusive. Dadurch können 80 Prozent des von der Photovoltaik produzierten Stroms selbst genutzt werden. Ideale Bedingungen für die Bewirtschaftung des Hofs, aber auch eine solide Basis für Clemens, der den Betrieb übernehmen wird. Um noch kurz eine Idee von Art und der aktuellen Größe des Hofs zu geben, ein paar Eckdaten: Die Familie Leitner bewirtschaftet knapp 90 Hektar. 23,5 davon sind Grünland und 60 Hektar Wald. 20 Milchkühe liefern Milch, die als Bio-Heumilch in den Handel kommt.

„Noch habe ich den Betrieb nicht übernommen. Ich habe das Glück, junge Eltern zu haben und damit den Luxus, nebenbei arbeiten gehen zu können“, sagt der Jungbauer Clemens. Wobei er natürlich stets zur Stelle ist, wenn er am Betrieb gebraucht wird. Sei es bei der Heuernte, im Stall oder an den Maschinen – Clemens macht‘s. Denn auch sein Ausbildungsweg ist ein traditioneller. Volks- und Hauptschule in Oberwölz, Ausbildung zum landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Facharbeiter, dann eine Lehre zum Orgelbauer. Hier bekommt die Sache mit der Tradition einen interessanten Twist.

Orgelbauer ist nicht gerade der Lehrberuf, der in der Landjugend „Mainstream“ ist. Aber hier kommt eine andere Tradition der Familie Leitner ins Spiel: die Musik. Johanna und Ignaz Leitner sind leidenschaftliche Sänger, mit ihrem Chor stets unterwegs und weit übers Wölztal hinaus bekannt. Und nicht nur die beiden, auch unter ihren Vorfahren finden sich über viele Generationen zurück Musikanten und Sänger. Bei Clemens manifestierte sich diese Leidenschaft in seinem Lehrberuf. Allerdings entschloss er sich, den Beruf nicht weiter auszuüben. Sein Lehrbetrieb war zu klein für einen weiteren Orgelbauer. Eine Zeit lang reiste Clemens herum und montierte Orgeln, etwa in Russland. Aber das Reisen hieß auch: weg von zuhause, weg von seinen Freunden, weg vom Vereinsleben, das ihm wichtig war.

Also erst einmal Zivildienst beim Roten Kreuz. Auch da fand Clemens eine Heimat und fährt bis heute freiwillig Einsätze als Rettungssanitäter. Und dann war da noch der Landmaschinenhändler, keine vier Minuten vom Hof entfernt, der auf der Suche nach einem Verkäufer war. Clemens Leitner legte auch hier eine berufliche Station ein. Und nachdem ihm nicht nur die Musik, sondern auch die Gabe zu reden in die Wiege gelegt wurde, mauserte er sich in kurzer Zeit zum erfolgreichen Verkäufer von Traktoren und landwirtschaftlichen Maschinen – und zwar richtig erfolgreich. Erstens, weil Clemens ein feines Gespür für Menschen und Situationen hat, zweitens, weil die Investitionsförderungen während der Corona-Pandemie dem Landmaschinenverkauf einen ordentlichen Schub verpassten. Parallel zu seiner beruflichen Karriere begann Clemens noch die landwirtschaftliche Meisterausbildung, die er fast abgeschlossen hat, nur noch die Meisterarbeit fehlt.

Sein Berufsweg liest sich wie eine Bilderbuchkarriere. Solide Ausbildung, schneller Aufstieg, Meisterklasse. Und doch ist es etwas anderes, das Clemens sucht. Vor Kurzem hat er seine steile Karriere im Traktorenbusiness beendet und sich dafür entschieden, beim Roten Kreuz anzuheuern. Nicht als freiwilliger Helfer, sondern als Vollzeit- und Vollblut-Sanitäter. Offensichtlich eine Herzensentscheidung: „Das taugt mir jetzt wirklich, weil sich die Arbeit beim Rettungsdienst auch ganz gut mit der Arbeit am Hof vereinbaren lässt. Es ist alles viel planbarer. Und ich habe hin und wieder auch ein paar Tage frei.“

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Auf die Frage nach den derzeitigen Aufgaben am Hof antwortet zuerst Johanna, und zwar blitzschnell. „Verlässliche Urlaubsvertretung“, sagt sie. Die Eltern wissen, dass sie beruhigt mit ihrem Chor auf Reisen oder in den Urlaub fahren können. Der Hof ist in dieser Zeit in guten Händen. Auch, wenn Clemens sonst seine Aufgaben im Betrieb noch als „ergänzend“ sieht und einspringt, wenn Not am Mann ist.
Die Zeiten sind hart im Milchbusiness. Aber die Zukunft des Perstl-Hofs scheint gesichert. Auch, weil Clemens Leitner, der Jungbauer, den Willen und das Zeug dazu hat, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Es ist ein wechselseitiger Gewinn. Clemens Leitner sorgt dafür, dass es den Betrieb auch noch für weitere Generationen geben wird, der Hof selbst gibt dem jungen Landwirt die Sicherheit, mit seiner Familie auch in Krisenzeiten zu überleben. Es ist ein Begriff von „Heimat“, der weit über oberflächliche Tümelei hinausreicht. Es geht um Wurzeln. Und Clemens Leitner wurzelt viel zu tief in Hinteregg, um auch nur daran zu denken, den Perstl-Hof aufzugeben.


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