Palmer und der lange Atem der Tradition

Bio und Bordeaux galt Weinliebhabern lange als Widerspruch. Das hat sich verändert. Und mit Château Palmer in Margaux hat sich jetzt auch ein Weingut von internationalem Ruf den strengen Regeln des biodynamischen Anbaus unterworfen. Grund genug, das historische und spannende Château genauer unter die Lupe zu nehmen. Eine Verkostung des Weinhandelshauses Döllerer in Golling gibt den Anlass dazu. Von Jürgen Schmücking

Bordeaux ist eine Stadt an der Garonne im Südwesten Frankreichs. Der Name bezeichnet aber auch jenes Weinbaugebiet, in dessen Zentrum die Stadt Bordeaux liegt. Dieses Weinbaugebiet gilt am Weltmarkt für Qualitätsweine als Maßstab für Qualität und Preis. Weinstile messen sich an den Gewächsen des Bordelais, Rebsorten wie Cabernet Sauvignon oder Merlot haben von hier aus ihren Siegeszug angetreten und immer noch findet eine der weltweit bedeutendsten Weinmessen jährlich in Bordeaux statt.

Einen Betrieb biodynamisch bewirtschaften muss man entweder wollen oder eben nicht

Zur falschen Zeit am falschen Ort
1855 wurden in Bordeaux die Dinge geordnet, und zwar ein für alle Male. Ein System, in Auftrag gegeben von Napoléon III., sollte Klarheit über die Qualitäten der verschiedenen Betriebe geben. Das auslösende Ereignis war die Pariser Weltausstellung von 1855. Politisch war Frankreich zu dieser Zeit bereits wesentlich stabiler als in den turbulenten Revolutionsjahren und den Napoleonischen Kriegen, und davon haben auch die Weinexporte profitiert. Im Zuge der Vorbereitung für die Pariser Weltausstellung hat Napoléon die Handelskammer von Bordeaux aufgefordert, eine Auswahl der besten Weingüter vorzunehmen, um das Gebiet in Paris zu repräsentieren. Die Bewertungen umfassten vorwiegend die Weingüter des Médoc. Dazu kamen die Süßwein-Regionen Sauternes und Barsac sowie das Ausnahmeweingut Château Haut-Brion in Graves.

Grundlage für die Bewertung waren zu einem großen Anteil die Entwicklung der Preise der Güter über einen längeren Beobachtungszeitraum hinweg. Andererseits wurde aber auch der aktuelle Zustand der Châteaux und die rezenten Besitzverhältnisse einbezogen. Das Ergebnis wirkt heute – trotz der Schnelligkeit, in der es letztlich entstanden ist – wie in Stein gemeißelt. In den vergangenen 165 Jahren bedurfte es beinahe jahrzehntelanger Lobby-Tätigkeit, um etwa Château Mouton-Rothschild in den Rang eines Premier Grand Cru Classé zu erheben, während tiefe (auch qualitative) Krisen niemanden auch nur daran denken ließen, das herausragende Château Margaux abzustufen. Quasi einmal erste Liga, immer erste Liga. Klarerweise gilt diese Beständigkeit auch für die anderen Qualitätsstufen. So landete Château Palmer, das Nachbarweingut von Château Margaux, in der Kategorie Troisième Cru Classé. Wobei die Qualität der Weine alles andere als drittklassig ist. Weder damals noch (und schon gar nicht) heute. Château Palmer wurde 1814 von einem jungen britischen Offizier gegründet. Charles Palmer war damals Leutnant (und später Generalmajor und Stabsoffizier Wellingtons). Auf einer Reise von Spanien nach Paris, so will es die Legende, lernte er in der Postkutsche Madame de Gascq kennen, die ebenfalls nach Paris unterwegs war, um ihre gerade erst geerbten Weinberge zu verkaufen, Château d’Issan. Irgendwo auf der Strecke zwischen Bordeaux und Paris wurde man sich einig. Palmer stieg daraufhin erst aus der Postkutsche, später dann aus dem Militärdienst aus und wurde Gutsbesitzer in Margaux. Obwohl Palmer viel vorhatte, die Qualität der Weine anfangs auch stieg, war das Weingut im Jahr der Klassifizierung in einem wenig rühmlichen Zustand: Spielschulden, der Mehltau, der den Reben zusetzt, die Bank im Nacken. Seither gehört Château Palmer zur besagten Gruppe der Troisième Cru Classés. Gemeinsam mit Château d’Issan, aus dem es einst hervorging, den Châteaux Kirwan, Calon-Ségur oder Giscours. Allerdings hat Palmer sich aufgerappelt. Nicht der Soldat. Das Weingut. Nach einer wechselhaften Geschichte mit Höhen und Tiefen steht Château Palmer heute dort, wo es hingehört. Formal immer noch unter den drittklassierten Gütern, vom Preis und Ansehen her jedoch eindeutig in der Gruppe der „Super Seconds“, das sind jene Güter, die als qualitativ so hochwertig gelten, dass sie in klarer Nähe zu den Premièr Cru Classés wie Latour oder Lafite stehen. Gemeint sind damit Betriebe wie Pontet-Canet, Pichon-Longueville Comtesse de Lalande oder Leoville-Las Cases, um nur einige zu nennen.

Château Palmer und die grüne Zukunft des Bordelaise
2014 hat Thomas Duroux, der Leiter des Weinguts, angekündigt, dass Château Palmer auf biodynamischen Weinbau umstellt. Das war ein Paukenschlag. Immerhin war Bordeaux trotz seiner Größe als Weinbauregion bis dahin so etwas wie ein kleines gallisches Dorf, das sich vehement dem weltweiten Trend zum ökologischen oder zumindest naturnahen Weinbau widersetzte. Es gab, im Gegensatz zu Gebieten wie dem Burgund, der Loire oder Elsass, nur eine Handvoll Betriebe, die sich – zertifiziert – mit dem Bioweinbau ernsthaft auseinandersetzten. Château Fonroque oder Château Le Puy zum Beispiel. Und ein paar andere. Die beharrliche Weigerung mag viele Gründe haben. Ein allzu enges Traditionsbewusstsein, bzw. das fixe Vorurteil, das Klima im Bordeaux würde Bioweinbau unmöglich machen, sind sicher die wesentlichen davon. 2008 trafen sich Winzer des Bordelaise, um über Nachhaltigkeit und – in erster Linie – den CO2-Ausstoß zu diskutieren. Dieses Treffen gipfelte in der Erstellung eines Klima-Aktions-Plans, der 20% Einsparung des CO2-Ausstoßes, Steigerung erneuerbarer Energie, Minderung des Wasserverbrauches sowie Energieeinsparungen beschloss. Was ebenfalls im Anschluss an das Treffen stieg, ist die Zahl der Umsteller auf biologischen Weinbau. Der Trend nahm also auch im Bordeaux langsam Fahrt auf. Wobei sich vor allem die international renommierten Betriebe noch ziemlich bedeckt hielten und teilweise immer noch tun. Pontet-Canet war das erste klassifizierte Chateau, das einen Vertrag mit einer Bio-Kontrollstelle unterschrieb und sich für ihren Wein ein offizielles Bio-Zertifikat holte. Château Palmer war eines der nächsten und kann diesbezüglich durchaus als Pionier betrachtet werden. Die Wetterausrede lässt Thomas Duroux jedenfalls nicht gelten und verweist darauf, dass das Wetter in der Champagne auch nicht besser sei. Einen Betrieb biodynamisch bewirtschaften muss man entweder wollen oder eben nicht. Und wenn man will, funktioniert es auch. Außerdem sei „biodynamics a phantastic tool to re-establish life in the soil“. Genau das zeigen auch die Weine.

Herausragende Jahrgänge in Golling
Die Weinberge von Château Palmer liegen in der Appellation Margaux an den Hängen der Kieshügel an der Garonne. Je knapp die Hälfte dieser Weinberge sind mit Cabernet Sauvignon und Merlot bepflanzt. Dazu kommen ein paar Prozent Petit Verdot. Vom Cabernet bekommt der Wein die Kraft und das Rückgrat, vom Merlot die Molligkeit und vom Petit Verdot die kräutrige Würze.

Im Oktober lud das Weinhandelshaus Döllerer ein Fachpublikum aus den Bereichen Gastronomie, Handel und Presse zu einer Präsentation aktueller und legendärer Palmer-Jahrgänge. Beginnen wir hier mit dem Jahrgang 2009. Einfach, weil der Wein der absolute Star des Tages war und nur knapp an der 100-Punkte-Marke vorbeischrammte. Im Glas eine Augenweide, die farblich irgendwo zwischen Rubin- und Granatrot liegt, dabei aber immer noch jugendlich-zarte violette Reflexe durchscheinen lässt. Gegen den Rand hin wird der Palmer leicht ockerfarbig. Der dunkle Kern und die leichte Randaufhellung stehen ihm. Auch die Nase. Tiefschwarze Beerenfrucht. Reife Brombeeren, wilde Heidelbeeren, dunkle Lakritze. Sogar Schlehdorn und Maulbeere zeigt der Wein. Am Gaumen dann ein Schmeichler vor dem Herrn. Kompakter und harmonischer Gerbstoff, gut eingebundenes Holz und eine unwahrscheinlich vielschichtige Komplexität. Bei der Beschreibung des Weins, die vom Weingut zur Verfügung gestellt wird, steht unter der Überschrift Alterungspotenzial: to keep.
Das stimmt. Aber vielleicht sollten sie dazuschreiben, dass damit Jahrzehnte gemeint sind.

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Jedenfalls lieferte sich der 2009er ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem 2010er. Der ist dem seinem älteren Bruder gar nicht unähnlich. Viel reife Frucht, sehr rot und schwarz, das Ganze. Waldbeeren. Und ausgesprochen nobel. Nur eben noch nicht ganz so weit in seiner Reife wie der Jahrgang 2009. Später, beim Dinner (großartige alpine Küche von Andreas Döllerer) stand der Palmer 2009 neben dem Jahrgang 2000. Beide zum Hirschkalb von den Hohen Tauern mit Sellerie, Sauerkirsch und Sauce Rouennaise. Selbst da überflügelte der jüngere Wein den reiferen um Längen.

Das Bio-Logo wird man auf den Flaschen von Château Palmer auch in Zukunft nicht finden. Die Zeit (und das Bordelaise) sind dafür noch nicht reif. Aber Thomas Duroux ist sich sicher: Man wird die Biodynamie in den Weinen schmecken. Klar und deutlich.

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