„Plasticenta“

Mikroplastik ist zum nachweisbaren Bestandteil des menschlichen Organismus geworden. Politik und Forschung ringen um Lösungen, die Umwelt wieder von den kleinen Kunststoffpartikeln zu befreien.
Von Sarah Kleiner, Illustation von Nadia Diz Grana

Vergangenes Jahr ereilte die Menschheit eine Nachricht, die dem Kunststoffzeitalter einen vorläufigen neuen Höhepunkt verlieh: Mikroplastik wurde erstmals in der Plazenta von schwangeren Frauen nachgewiesen. In vier von sechs untersuchten Plazentas wurden Mikroplastikteile zwischen fünf und zehn Mikrometer entdeckt. Mit der Wortschöpfung „Plasticenta“ betitelte die italienische Forschergruppe die Ergebnisse ihrer Studie. Nachdem die Kunststoffteilchen bereits im Fäzes und im Urin des Menschen nachgewiesen wurden, scheint die Metapher wissenschaftlich immer deutlicher belegt zu werden: der Plastikmensch.

Schätzungen über die Verschmutzung der Meere durch Mikroplastik reichen von 70.000 bis 275.000 Tonnen pro Jahr und darüber hinaus. Problem an der Datenlage: die unterschiedlichen Größen der Teilchen. Bei Mikroplastik spricht man von verschiedenen Kunststoffsorten und von Teilchen einer Größenordnung von 0,1 Mikro- bis fünf Millimeter. (Zum Vergleich: 100 Mikrometer – also die tausendfache Größe der kleinsten Teilchen – entspricht etwa der Dicke eines Blatt Papiers). Es gibt allerdings keine standardisierten Methoden bei der Probenahme, das heißt je nachdem welche Techniken zur Messung der Mikroplastik-Belastung verwendet werden, unterscheiden sich die Ergebnisse der Studien.

Das österreichische Umweltbundesamt kritisierte diesen Missstand in einem Report, aktuell würde sowohl an der International Organization for Standardization (ISO) sowie am Deutschen Institut für Normierung (DIN) an der Standardisierung von Methoden zur Untersuchung von Mikroplastik gearbeitet, um valide und vergleichbare Daten über die Verschmutzung zu ermöglichen. Die Thematik rund um Plastik in der menschlichen Plazenta sei Gegenstand einer Studie, an der das Umweltbundesamt gemeinsam mit der Berliner Charité arbeite, heißt es auf Anfrage.

Jedenfalls sind gewöhnliche Siebe und Filter nicht mehr genug, um die kleinsten Mikroplastikteilchen wieder vollständig aus den Gewässern und der Umwelt zu entfernen. Sie gelangen über viele verschiedene Wege dorthin und im Endeffekt in unsere Körper und fungieren dort als Gift-Transporter. Auf Mikroplastik wurden schon millionenfach höhere Konzentrationen von Schadstoffen gemessen als im Meerwasser. Umweltgifte wie zum Beispiel Schwermetalle und schwer abbaubare organische Schadstoffe („Persistent Organic Pollutants“, POPs) heften sich an die Teilchen und gelangen so wie in einem trojanischen Pferd in den Körper des Menschen.

Die Problematik ist also bekannt und ruft immer drängender nach einer Lösung. Umweltschutzverbände wie Greenpeace oder Global 2000 fordern ein Verbot von primärem Mikroplastik. Es wird Produkten extra beigefügt, findet sich in Waschmitteln, Kleidungsstücken, in Zahnpasten, Duschgels, Shampoos und in dutzenden weiteren Alltagsprodukten. Die österreichische Bundesregierung hat im Regierungsprogramm einen „Aktionsplan gegen Mikroplastik“ festgelegt, darin angestrebt werden eine Reihe von Maßnahmen, zum Beispiel ein Verbot von Mikroplastik in der Produktion. In Holland und Großbritannien wurden bereits Teilverbote von primärem Mikroplastik für Kosmetika erlassen. Wenn möglich EU-weit, jedenfalls aber auf nationaler Ebene, soll es laut Regierungsprogramm zu einer Regelung kommen.
„Die EU-Regierungen scheuen nationale Verbote von primärem Mikroplastik“, sagt Lena Steger, Ressourcensprecherin bei Global 2000, „weil viele Konzerne international tätig sind und nur ungern die Rezepturen für einzelne Produkte und Länder verändern“, sagt sie, weshalb nationale Verbote direkten Einfluss auf Konsumenten und Produktpaletten haben.
„Die EU-Kommission hat bereits einen Beschränkungsvorschlag für primäres Mikroplastik erarbeitet“, heißt es aus dem Klimaschutzministerium. Dieser würde den Mitgliedsstaaten wahrscheinlich noch im heurigen Dezember vorgelegt. „Enthalten sind voraussichtlich Beschränkungen für primäres Mikroplastik in Kosmetika, Reiniger, Dünger, Kunstrasen etc.“, also jene Produkte, die in besonders hohem Maß zur Mikroplastikverschmutzung beitragen. „Eine nationale Regelung ist deshalb aus heutiger Sicht nicht notwendig und auch nicht sinnvoll“, so das Klimaschutzministerium.
Das sekundäre Mikroplastik entsteht über den Zerfall von größeren Kunststoffprodukten, zum Beispiel über Reifenabrieb auf der Straße oder durch das Waschen synthetischer Kleider. „Wir haben mittlerweile einen sehr hohen Anteil an synthetischen Fasern in der Kleidungsindustrie, die haben Fast Fashion überhaupt erst ermöglicht“, sagt Lisa Steger. Auch hier entstehen bei jedem Waschgang Mikroplastik-Fasern, die ins Abwasser gelangen. „Da könnte über verschiedene Maßnahmen gegen die Überproduktion vorgegangen werden“, sagt sie.
Auch bei sekundärem Mikroplastik plane die EU laut Klimaministerium eine „zeitnahe öffentliche Konsultation“. „Hier geht es vor allem um Kennzeichnung, Standardisierung und um Zertifizierungs- und Regulierungsmaßnahmen für häufige Quellen dieser Verschmutzung“, heißt es auf Anfrage.
Auf gesetzlicher Ebene sind also Beschränkungen geplant, die die weitere Mikroplastikverschmutzung eindämmen sollen. Die Forschung beschäftigt sich indes unter anderem damit, wie das vorhandene Mikroplastik in der Umwelt abgebaut werden kann. Die Suche nach Mikroorganismen, die die unterschiedlichen Kunststoffverbindungen in ihre elementaren Einzelteile zerlegen und verarbeiten können, läuft an unterschiedlichen Forschungseinrichtungen im Land.

Die Donau-Universität Krems erbrachte zum Beispiel Anfang des Jahres den Nachweis, dass Mikroplastik auch als Teil von Zellbausteinen verwendet werden kann. Auch der Kohlenstoff von Omega-3-Fettsäuren kann laut Studienergebnissen ursprünglich aus Mikroplastik stammen. Forscherinnen und Forscher des Austrian Centre of Industrial Biotechnology (acib) in Tulln sowie der Universität für Bodenkultur (BOKU) konnten kürzlich aufzeigen, dass Bakterien in der Pansen-Flüssigkeit aus Kuhmägen in der Lage sind, Kunststoffe wie PET (Polyethylenterephthalat) in seine Einzelbestandteile aufzuspalten. Das kann einen rückstandslosen Abbau von Plastik bedeuten.

Wie solche Mikroorganismen dann tatsächlich eingesetzt werden können, beschäftigt auch eine Wiener Bildungseinrichtung, die HBLVA für Chemische Industrie im 17. Wiener Gemeindebezirk. „Wir verfolgen als Pädagogen mit naturwissenschaftlichem Background die Situation in der Umwelt“, sagt Bert Sefcik, Professor an der Höheren Bundes-, Lehr- und Versuchsanstalt. „Das Thema Plastikverschmutzung und Kunststoffpolymere in der Umwelt ist ein immer dringlicher werdendes, eben weil es inzwischen Methoden und Analysen gibt, mit denen man sie im menschlichen Körper nachweisen kann“, sagt er. Auch um das Umweltbewusstsein der jungen Menschen zu schärfen, startete deshalb vor etwa einem Jahr das Projekt „Smarte Boje“.

Dabei soll eine schwimmende Apparatur entstehen, die autonom betrieben werden kann. Ein Bioreaktor im Inneren der Boje soll die Mikroplastik-Belastung des umliegenden Gewässers messen, Bakterienstämme kultivieren und diese ins Wasser absondern, sodass die dann das Mikroplastik im Wasser zersetzen können. Eingesetzt werden könnte die Boje vor allem in stehenden Gewässern, also in Seen oder auch im küstennahen Mittelmeerufer. Das Vorhaben wird von Schülerinnen und Schülern aller Jahrgänge und Ausbildungszweige und mit dem Input von tertiären Bildungseinrichtungen, die zu geeigneten Bakterienstämmen forschen, umgesetzt.

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„Wir gehen hier sehr bewusst mit dem Thema Plastik um, ganz verteufeln darf man es ja nicht“, sagt die Professorin Bibiana Meixner. „Wir können nicht alles aus Kunststoff ersetzen, in der Medizin wäre das zum Beispiel fast unmöglich, aber es häuft sich immer mehr Plastikabfall an und da muss man entgegenwirken.“ Die „Smarte Boje“ hat im vergangenen Dezember im Rahmen eines Wettbewerbs der Wirtschaftskammer Niederösterreich ein Preisgeld in Höhe von 75.000 Euro gewonnen. Das Geld soll jetzt, in Phase I von III, vor allem in den Aufbau eines Versuchsstands investiert werden. Wie die Professoren betonen, zielt das Projekt aber nicht auf ein fertiges Produkt oder eine industriell anwendbare Lösung für die Mikroplastikverschmutzung ab, sondern dient als Pilotprojekt.
Und wie reagiert die junge Generation, die sich seit Monaten intensiv mit Mikroplastik beschäftigt, auf Nachrichten wie die „Plasticenta“? „Meine persönliche Erfahrung ist, dass meine Generation noch reagiert hat mit ‚Was kann ich schon machen‘“, sagt Christoph Kleber, ebenfalls Professor an der HBLVA für Chemische Industrie und am Projekt beteiligt. „Die jungen Leute von heute sagen ‚Wir werden das gemeinsam ändern‘. Bei der jungen Generation gibt es kein hoffnungsloses Zuschauen, sondern eher den Versuch, aktiv etwas zu verändern.“


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