Portal zu einer anderen Welt?

Gedanken aus der Zeit des Stillstands
Essay von Ulrich Grober
Illustration Bianca Tschaikner

„Vor der Hacke ist es duster“ ist eine uralte bergmännische Weisheit, sicherlich auch in den historischen Montanrevieren Tirols und der Steiermark geläufig. Sie ging mir in den Tagen der Quarantäne durch den Kopf. Klingt zunächst banal, trifft aber etwas höchst Relevantes, nämlich den Nerv unseres Zukunftsdenkens.

Die große Herausforderung im alten Erzbergbau: Beim Eindringen in den „Schoß der Erde“ (noch eine sehr alte Metapher) die erzführenden Gänge auffinden, aufschließen und immer wieder ihren weiteren Verlauf erkunden. Die Adern mit dem begehrten Kupfer, Blei oder Silber verlaufen nämlich keineswegs in geregelten Bahnen. Auf jedem Meter Vortrieb können geologische Störungen und tektonische Verwerfungen auftreten. Unversehens wird der Gang unterbrochen. Die Ader reißt ab. Wo geht sie weiter? Die bergmännische Arbeit erfordert nicht nur gutes Werkzeug und zähe Muskelkraft, sondern vor allem Erfahrungswissen, Mut, Geduld und – Glück. Im steten Bewusstsein, dass der nächste Hieb mit der Keilhaue taubes Gestein freilegt – oder gediegenes Silber. Die Redensart meint also keineswegs: Unsere Zukunft wird finster. Sondern schlicht und einfach: Man weiß es nicht. Was kommt, ist ungewiss.

Die Zukunft ist ein unbetretener Pfad. Sie ist prinzipiell offen. Ständig ändern sich die Koordinaten. Wie es ausgeht, weiß man nicht. Prognosen sind schwarze Kunst. Sie sind Narrative. Oft verlängern sie einfach die Gegenwart linear in die Zukunft. Im Heute identifiziert man Faktoren, die sich gerade dynamisch entwickeln und die man in den Fokus gerückt sehen möchte. So verkörpern die scheinbar objektiven Prognosen nur das Wunschdenken der jeweils mächtigsten Akteure. Der eine jeweils erwünschte Entwicklungspfad erscheint auf einmal als der einzig realistische, als – alternativlos.

Was ist Wunschdenken, was realistisch? Die Grenzen sind fließend. Ein Beispiel: Der Flugverkehr wird sich bis 2030 verdoppeln. Knallharte Prognose, noch vor kurzem fast unumstritten. Oder doch nur Wunschdenken der Airlines? Der Flugverkehr wird sich bis 2030 halbieren. Auch ein Narrativ. Nur Spinnerei? Oder nicht doch die realistischere Zukunftsvision? Die Coronakrise ist dafür ein Lehrstück.

Momentan suchen wir fieberhaft nach der Reset-Taste. Wir wollen es wieder so haben wie vor Ausbruch der Krise. Kaum jemand ist gegen diese Sehnsucht gefeit. Denn unsere Vorstellungen von Wohlbefinden, Stabilität, ja von Glück, beziehen wir vor allem aus der Erinnerung an Momente unserer Biographie, in denen es uns gut ging. Jetzt ist überall in Europa von „Wiederaufbau“ die Rede. Fonds werden aufgelegt, fabelhafte Geldströme sollen fließen. Wiederaufbau? Der Ausdruck erinnert an Nachkriegszeiten. Ich kann aber keine Zerstörungen von Bau- oder anderer Substanz erkennen. Eher im Gegenteil! Die Quarantäne hatte ein abruptes Aussetzen von vielen höchst zerstörerischen Praktiken zur Folge. Nicht zuletzt einen drastischen Rückgang der globalen Verkehrs- und Warenströme. Doch waren diese nicht längst außer Rand und Band geraten?

Bei dem Tunnelblick auf die Zahlen, Statistiken, Diagramme und auf die praktischen Vorkehrungen zum Schutz vor der Ansteckung sollten wir eins nicht vergessen: Die schrankenlose Expansion menschlicher
In-frastrukturen in die Habitate von wilden Pflanzen und Tieren war vermutlich die Ursache für den Ausbruch der Pandemie. Dem Übersprung des Coronavirus vom Tier auf den Menschen und der rasend schnellen Ausbreitung des Virus ging eine tiefe Störung des planetarischen ökologischen Gleichgewichts voraus. Ist das nicht der fundamentale Zusammenhang zur Erderhitzung und zur multiplen Krise des 21. Jahrhunderts insgesamt? So gesehen verbietet sich der Griff zur Reset-Taste. Wollen wir wirklich all die alten Praktiken mit ungeheurem Aufwand unter einem Rettungsschirm bergen, um „weiter so“ zu machen? Oder nicht besser die Krise nutzen, um – wie die Klimaforscher vehement fordern – „das Ruder herumzureißen“ und einen neuen Kurs einzuschlagen? Und endlich mit der „Großen Tranformation“ zu einer ressourcenleichteren Zivilisation Ernst machen. Eins der anrührendsten Bilder aus dem globalen Lockdown kam aus dem besonders leidgeprüften Indien. Es zeigt ein junges Mädchen, die 15-jährige Jyoti Kumari, wie sie ihren erkrankten Vater, einen Wanderarbeiter, auf dem Gepäckträger ihres Fahrrads transportiert. In der Zeit, in der alle öffentlichen Verkehrsmittel stillstanden, brachte sie ihn aus Delhi ins heimatliche Dorf. Zehn Tage waren die beiden in der Gluthitze unterwegs. „Awesome“, sagt man dazu in der Sprache der Social Media – ehrfurchtgebietend! Zweiter Gedanke: Opferbereitschaft muss oben anfangen! Das ist eine Lehre aus unzähligen Katastrophen der Vergangenheit.

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Schon Anfang April hatte die indische Schriftstellerin und Menschenrechts-Aktivistin Arundhati Roy in der Financial Times einen großen Essay veröffentlicht. „Die Pandemie ist ein Portal“ erzählt davon, wie die Organisierung des Lockdown vor allem Menschen aus der niedrigsten Kaste der indischen Gesellschaft das Leben zur Hölle machte. Doch ihr Text schließt mit einer flammenden Beschwörung der menschlichen Potenziale. Diese Pandemie, schreibt sie, sei ein „Portal, ein Tor zwischen einer Welt und der nächsten“, Und sie fährt fort: „Wir haben die Wahl: hindurchzugehen und die Kadaver unserer Vorurteile und unseres Hasses, unserer Datenbanken, unserer toten Flüsse und rußigen Himmel hinter uns her zu schleppen. Oder wir können leichtfüßig hindurchschreiten, mit wenig Gepäck, bereit, eine andere Welt zu imaginieren. Und bereit, für sie zu kämpfen.“ Wow! „Eine andere Welt ist möglich“ – die Parole des weltweiten Klimastreiks der Jugend! Mitten in der multiplen Krise unseren Sinn für Möglichkeitsräume und deren positive Energien neu zu vitalisieren – so würden sich die Kreise schließen./

Ulrich Grober
schreibt über Ökologie und Nachhaltigkeit, kulturelles Erbe und Zukunftsvisionen. Sein jüngstes Buch „Der leise Atem der Zukunft“ ist im oekom Verlag erschienen.

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