Potenziale und Alternativen

Grafik: Vorschlag für eine potenzialbasierte Aufteilung des zusätzlichen Bedarfs erneuerbarer Stromerzeugung bis 2030 auf die einzelnen Bundesländer (exklusive Repowering). Österreichische Energieagentur

Österreichs Energiepolitik

Die Ökologisierung des österreichischen Energiesektors ist eine Mammutaufgabe.
Aber eine machbare Aufgabe – von der nicht nur die Umwelt profitieren würde.

Von Johannes Greß

Die Zeit drängt. Bis 2050 soll in der EU weniger CO2 ausgestoßen werden, als andernorts (in Senken) gebunden wird. Österreich will 2040, also in 18 Jahren, klimaneutral
sein. Und bereits 2030 soll hierzu die inländische Energieversorgung zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen kommen. Zeit, einen Blick auf vorhandene Potenziale und Alternativen zu werfen.

EU und Österreich: Braune Importe
Derzeit wird rund 30 Prozent der in Österreich verbrauchten Energie im Inland produziert, der Rest wird importiert. Zwar stammen mehr als 80 Prozent der inländischen Energieaufbringung aus erneuerbaren Energiequellen; die Energieimporte jedoch nur zu drei Prozent. Insgesamt kommen also zwei Drittel der Energie aus fossilen Energieträgern. Nicht zuletzt aufgrund des Kriegs in der Ukraine ist dabei die Abhängigkeit Österreichs von Russland besonders heikel. 80 Prozent des Erdgases, das Österreich importiert, stammen aus Sibirien. Zudem sind die Gasspeicher hierzulande so leer wie noch nie.
Größter energetischer Endverbraucher war im Jahr 2020 mit 31,9 Prozent der Verkehr, mit gut 29 Prozent dahinter die Produktion. Private Haushalte schlagen mit 26,7 Prozent zu Buche, die Landwirtschaft mit 2,1 Prozent.


Auf EU-Ebene ist das erklärte Ziel, im Zuge der neuen Energiepolitik „REPowerEU” bis zum Jahresende rund 100 Milliarden Kubikmeter (100 bcm) weniger Gas aus Russland zu importieren. Das entspricht zwei Dritteln der europäischen Gesamtmenge. Zumindest 60 Milliarden sollen durch Flüssiggas („Liquefied Natural Gas” oder LNG) ersetzt werden – das aus autokratischen Staaten wie Katar importiert werden soll und um bis zu 15 Prozent klimaschädlicher ist als fossiles Erdgas. Bis 2027 will die EU völlig unabhängig vom sibirischen Gas sein, das immerhin fast die Hälfte der Gesamtimportmenge der Union ausmacht. Trotzdem halten es Expertinnen und Experten für unrealistisch, dass sich die EU kurzfristig unabhängig von Gasimporten oder gar energieautonom machen könnte. „Trotz grüner Politik und Versprechen an die UN, sind wir weit entfernt von einem energieautarken Europa und weiterhin auf Importe angewiesen“, konstatierte etwa die Energieexpertin Tara Shirvani in einem Falter-Kommentar.

Nach wie vor ist die Speicherung von Wind-, Wasser- und Solarenergie
eine Angelegenheit mit vielen offenen Fragen.

Ambitionierte Ziele
Österreichs Pläne zur Klimaneutralität erfordern zudem einen Rückgang der Treibhausgasemissionen von 4,8 Prozent jährlich. Zum Vergleich: Im ersten Corona-Jahr 2020, das mit einem massiven Wirtschaftseinbruch einherging, sanken die Emissionen um 7,7 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Noch im Jahr 2019 glich die Menge der Emissionen jener von 1990, innerhalb von 30 Jahren wurden also keinerlei messbare Fortschritte erzielt. Reinhard Steurer, Professor für Klimapolitik an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), spricht mit Blick auf die bisherige Bilanz des Vorhabens von „Schein-Klimaschutz”: „Es klingt gut, vermittelt den Eindruck einer klimapolitisch ambitionierten Bundesregierung, aber es gibt nach wie vor keine politische Substanz, die dieses Ziel erreichbar erscheinen lässt.”
Das sieht die Bundesregierung naturgemäß anders: Ein zentraler Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität soll sein, bis 2030 den gesamten inländisch produzierten Strom aus erneuerbaren Energiequellen zu beziehen. Hierzu will Türkis-Grün in diesem Jahr im Rahmen der Erneuerbaren-Investitionsförderung rund 300 Millionen Euro für Photovoltaik, Wasser- und Windkraft sowie Biomasse (die Umwandlung von organischer Substanz in Energie) zur Verfügung stellen, zusätzlich zu bisherigen Fördergeldern. Um das Ziel bis 2030 tatsächlich zu erreichen, müssten in den kommenden acht Jahren 27 Terawattstunden grüner Strom mehr pro Jahr erzeugt werden.
Laut Günter Pauritsch, Energieexperte bei der Österreichischen Energieagentur (AEA), ist das zwar ambitioniert, aber machbar. Die Regierung will dafür auf den Ausbau von Windkraft und Photovoltaikanlagen setzen. Ungenutzte Potenziale bestehen nach wie vor im Bereich der Solarenergie, laut Schätzungen der AEA wären hier rund elf Terawattstunden jährlich zu generieren. Große Hoffnungen setzt man bei der AEA auch in die Windkraft, mit bis zu zehn zusätzlich möglichen Terawattstunden.
Gerade angesichts der aktuellen Preisanstiege bei Strom und Gas, bringt erneuerbare Energie außerdem den entscheidenden Vorteil mit sich, dass diese um ein Vielfaches günstiger ist als fossile oder nukleare Energie.

Wasserkraft-Land Österreich
Zwar ist Österreich aufgrund geographischer Gegebenheiten traditionell ein Wasserkraft-Land, hier seien bestehende Potenziale aber zu großen Teilen ausgeschöpft, warnt Günter Pauritsch von der Österreichischen Energieagentur in einem Gespräch mit Medienvertretern. Der größte Stromversorger hierzulande ist die Verbund AG. Das Unternehmen ist zu 51 Prozent in der Hand der Republik Österreich und produziert jährlich zirka 29.000 Gigawattstunden Strom, 93 Prozent davon aus Wasserkraft. Unternehmenssprecherin Ingun Metelko bezeichnet die Ziele für 2030 als „gewaltiges“, vor allem aber als „politisches Ziel“. Zusätzlich zu den 129 Wasserkraftwerken, die die Verbund AG derzeit betreibt, steht im steirischen Mellach auch ein mit Erdgas betriebenes Wärmekraftwerk. Für Metelko eine Art „Feuerwehr“, die derzeit als Netzstütze und zur Fernwärmeversorgung im Einsatz ist und als Brückentechnologie nach wie vor unersetzlich sei.
Selbst angesichts des Kriegs in der Ukraine sieht Metelko einen sofortigen Ausstieg aus fossilen Energieträgern mehr als kritisch. Denn Strom (ökologisch) produzieren sei das eine. Diesen zu transportieren und zu speichern, das andere. „Wichtig ist, dass das gesamte System immer im Gleichschritt ausgebaut wird“, betont die Verbund-Sprecherin. Zeitgleich zum Bau von Windrädern und Solarpanelen muss auch die entsprechende Infrastruktur gebaut werden. Das dauert – und kostet: Laut einer Schätzung der Arbeiterkammer Wien sind hierzu Investitionen in Höhe von rund einer Milliarde Euro jährlich in die Netzinfrastruktur nötig.
Mit einer Stärkung der Infrastruktur können Ungleichgewichte im System, also Stromüberschüsse oder -defizite, besser ausgeglichen werden. Denn ein neuralgischer Punkt erneuerbarer Energien ist nach wie vor das Wetter: Wenn kein Wind weht, keine Sonne scheint und wenig Wasser fließt, kann nur wenig Strom genutzt werden. Nach wie vor ist die Speicherung von Wind-, Wasser- und Solarenergie aber eine Angelegenheit mit vielen offenen Fragen.

Beitrag von Ländern und Bevölkerung
Eine Hürde mit Blick auf den Ausbau grüner Energieerzeugung sieht Karin Strobl, Konzernsprecherin der Salzburg AG, in der Akzeptanz der Bevölkerung und dem bürokratischen Prozedere auf Bundesebene. Im Bundesland Salzburg steht derzeit kein einziges Windkraftwerk. Möglichkeiten wären vorhanden, aber allzu oft wehren sich Bürgerinitiativen und Anrainerinnen und Anrainer gegen derlei Vorhaben, kritisiert Strobl. Aufgrund zu langer Einspruchsfristen bei Genehmigungsverfahren und Personalmangel in der Verwaltung würden sich Verfahren oft über Jahrzehnte hinziehen. Strobl spricht von einem „Klotz am Bein“ auf dem Weg zur Dekarbonisierung.
Dabei ist ein Knackpunkt in der Energiewende dass die Umsetzung der Bundesziele meist in die Kompetenz der Länder fällt. Und diese legen äußerst unterschiedliche Ambitionen an den Tag. Zusammen kommen die Klimaziele der Länder auf gute zehn zusätzliche Terawattstunden – weniger als die Hälfte des nötigen Ausbaus. Dabei könnten laut einer Studie der AEA vor allem Niederösterreich und das Burgenland in Sachen Windkraft aufrüsten, in Salzburg, der Steiermark und Niederösterreich gibt es insbesondere bei Solarenergie ungenutzte Ressourcen.
Als Übergangslösungen können laut Expertinnen und Experten auch (klimaneutral produzierter) Wasserstoff oder grünes Gas (Biomethan aus Biomasse) dienen – bestenfalls dort, wo es derzeit keine ökologischen Alternativen gibt, wie in der Stahlerzeugung oder der chemischen Industrie. Die Betonung liegt jedoch auf „Übergangslösung“ – denn grüner Wasserstoff und grünes Gas sind nur begrenzt einsetzbar und der Bedarf übersteigt bereits jetzt das verfügbare Potenzial um ein Vielfaches.
Am nachhaltigsten ist immer noch die Energie, die erst gar nicht verbraucht wird. Laut dem „Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change“ sind Energieeinsparungen von bis zu 80 Prozent möglich – ohne Verlust an Lebensqualität. Die Forscherinnen und Forscher des Projekts plädieren einerseits für eine Veränderung des individuellen Konsumverhaltens (mehr Rad und Recycling, weniger Fleisch) und sehen andererseits die Politik gefordert, entsprechende Rahmenbedingungen zu gewährleisten. In Österreich lässt das Energieeffizienzgesetz, das helfen sollte, den Energiebedarf in sämtlichen Bereichen zu senken, jedoch noch auf sich warten.


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