Print my Ride

Das Wiener Designbüro EOOS NEXT hat ein Lastenrad zum Selberbauen entwickelt. Es ist günstig, schön – und macht Spaß.
Von Franziska Dzugan

Der erste Ausflug mit dem ZUV in den Wiener Prater war „fast romantisch, wie eine poetische Reise in eine nachhaltige Zukunft“, sagt Designer Harald Gründl. Das Dreirad mit Elektromotor war gerade frisch aus dem 3D-Drucker gekommen und glitt sanft über Schotterwege und Wiesen dahin. Die Transportbox diente dem Team von EOOS NEXT als Picknickkorb. Zwischen belegten Broten und Erdäpfelsalat kam die Idee zur Kooperation mit einer dänischen NGO wie von selbst: Für die Organisation Cycling without Age holen Freiwillige ältere Menschen von Zuhause oder aus dem Seniorenheim zu einem Ausflug ins Grüne, zum Einkaufen oder zum Tratschen in einem Café ab. Denn Design umfasst nicht nur die Gestaltung der Gegenstände, sondern auch ihren sozialen Gebrauch.
In dem Dreirad namens Zero-emission Utility Vehicle (ZUV) steckt freilich mehr als Romantik. Sein Korpus besteht aus 70 Kilogramm eingeschmolzenem Plastikmüll – ein komplizierter Rahmen aus Metall ist dafür nicht notwendig. Möglich macht das die 3D-Drucktechnik, die das Rotterdamer Studio The New Raw in das Kooperationsprojekt mit EOOS NEXT eingebracht hat. Nach dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft kann das Rad, so es einmal nicht mehr gebraucht wird, geschreddert, eingeschmolzen und neu ausgedruckt werden.

Es ist perfekt für den berühmten letzten Kilometer, etwa vom Bahnhof nach Hause

Harald Gründ


Zwei Erwachsene finden Platz auf der Sitzbank des Vehikels, zwei Kinder können vorne in der Transportbox mitfahren. „Es ist perfekt für den berühmten letzten Kilometer, etwa vom Bahnhof nach Hause“, sagt Harald Gründl. Sein Ziel: Den Umstieg von einem tonnenschweren, umweltschädlichen Auto auf die Mikromobilität zu erleichtern. Zu sehen ist der in dezentem Beige gehaltene Prototyp des ZUV noch bis 3. Oktober im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK).


Jeder soll das Rad selber in lokalen Fab-Labs ausdrucken und zusammenbauen können, so das Ziel der Designer. EOOS NEXT hat sich der „New Work“-Idee des Sozialphilosophen Frithjof Bergmann verschrieben, wonach die Dinge des täglichen Gebrauchs mit Hilfe digitaler Technologien eigenmächtig und lokal herstellbar sein sollen. Räder, Lenker, Bremsen und Elektromotor, erhältlich in jedem Fahrradladen, komplettieren das Vehikel. Der Rahmen ist so konstruiert, dass Selbstmontage, Service und Reparaturen möglichst simpel von der Hand gehen. Mit einem Zielpreis von etwa 1.500 Euro soll das Gefährt die Hälfte der handelsüblichen Lasten-E-Bikes kosten – Eigenarbeit vorausgesetzt.

Lässt sich das ZUV auch in ärmeren Weltgegenden herstellen? Wie der Designtheoretiker Victor J. Papanek bereits 1971 kritisiert hatte, arbeiten Produktentwickler fast ausschließlich für die reichsten fünf Prozent der Weltbevölkerung. EOOS NEXT, 2020 als Social Design Enterprise von EOOS gegründet, will vor allem „Design für die anderen 95 Prozent“ machen. Deshalb liefern die Wiener eine Alternative zum 3D-Drucker mit. „Der Rotationsguss ist eine billige Art, komplexe Kunststoffteile zu fertigen“, sagt Harald Gründl. Dazu wird Kunststoffgranulat in eine Stahlform gefüllt, die erhitzt wird und rotiert. So werden in Afrika und Asien Kanister und Wassertanks kostengünstig produziert – und demnächst vielleicht auch Lastenräder.
Harald Gründl konzentriert sich seit Jahren auf nachhaltiges Design. 2011 hat sich EOOS mit der Bill & Melinda Gates Foundation zusammengetan, um ein Klo für „die anderen 95 Prozent“ zu entwickeln. Die Bill & Melinda Gates Foundation gab viele Jahre lang sehr viel Geld für Impfstoffe aus. Irgendwann sagten sich die beiden: Man braucht weniger Medikamente, wenn die Hygiene besser funktioniert“, so Gründl.
Eine der in der Zusammenarbeit entstandenen Toiletten trennt Urin und Fäkalien voneinander und kann vor Ort hergestellt werden. Der Urin ist anschließend als Dünger verfügbar. Das Pilotprojekt wird gerade in Nepal mit lokalen Handwerkern umgesetzt und wurde vom Chicago Athenaeum mit dem „Green Good Design Award“ ausgezeichnet.


Gibt es weitere Ideen, Herr Gründl? „Wir arbeiten beispielsweise gerade an dem Projekt „Safe Tap“. Das ist ein revolutionärer, kostengünstiger Wasserhahn, den man mit dem Handrücken kurz antippt und der dann eine festgelegte Menge Wasser abgibt.“ Gerade in der Pandemie seien arme Menschen besonders benachteiligt, so Gründl. „Eine sichere Wasserstelle zum Händewaschen muss jedem Menschen auf der ganzen Welt zur Verfügung stehen!“

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PLANET LOVE. Klimafürsorge im Digitalen Zeitalter
28.05.2021–03.10.2021
MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien
mak.at


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